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Zwei Stars und ein Sexvideo: „Pam & Tommy“ bei Disney+

Eine Geschichte aus der Frühzeit des Internets: Pamela Anderson (Lily James) und Tommy Lee (Sebastian Stan) ist ein freizügiges Video abhanden gekommen. Szene aus der Serie „Pam & Tommy“.

Warum man als Paar ein Sexvideo dreht? Wohl, weil man es im Digitalkamera- und Handyzeitalter kann. Ob der heimische Erotikdreh sinnvoll ist? Immer wieder hört man, dass derlei Filmchen unverhofft der ganzen Welt zur Verfügung gestellt wurden. Wer verlassen wird (und einen extrem schlechten Charakter hat), rächt sich schonmal mit einem Upload des Privatesten auf einschlägigen Portalen. Und nicht selten gelangen auch heimlich gefilmte One-Night-Stands ins Netz.

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Die Folgen solch ungewollter Zurschaustellung sind im Zeitalter des Spotts und der Häme unabsehbar. „Stop using sex as a weapon“, möchte man Sängerin Pat Benatar beipflichten, die sich 1986 im gleichnamigen Song gegen jede Instrumentalisierung des Intimsten wandte – lange bevor das Internet aufkam.

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Eines der ersten Heimvideos dieser Art, das ins 1996 noch neue „World Wide Web“ gelangte, war das Tape der kanadischen Schauspielerin Pamela Anderson und des amerikanischen Rockmusikers Tommy Lee. Folgt man der Lesart von Robert Siegels „Pam & Tommy“, die am 2. Februar beim Streamingdienst Disney+ startet, war der Mitschnitt des Liebesspiels eher zufällig.

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Die Kamera lief in den Flitterwochen versehentlich weiter

In ihren Flitterwochen springen die beiden Stars wie Kinder auf dem Bett vor dem Fernseher herum und singen die Lieder des 50er-Jahre-Musicals „Der König und ich“ mit. Anderson filmt Lee und witzelt, sie werde allen Metalheads der Welt zeigen, was der coole Rocker privat so trällere. Man lacht, balgt, geht zum textilfreien Miteinander über. Und hat die Kamera vergessen, die aber immer noch läuft. Das Video wandert in Tommy Lees Tresor. Und den klaut in einem nächtlichen, ziemlich unglaubwürdigen Einbruch der arme Schreiner Rand (Seth Rogen ist mit Dreitagebart und Vokuhila-Frisur kaum zu erkennen).

Rand will Rache, weil er von Lee unbezahlt gefeuert wurde, und weil Lee alle naslang andere Vorstellungen darüber hatte, wie und wo die Schlaflandschaft seiner Villa entstehen sollte. An einem Tag soll das Bett bitte vor dem Panoramafenster gebaut werden, damit Morgensonne auf ihn und seine Liebste fällt. Und als Rand gerade den letzten Nagel in seine Konstruktion geschossen hat, tanzt Lee herein – wie immer nackt bis auf den Tanga – und will eine Verlegung des Betts genau gegenüber, damit die Turteltauben den Panoramablick genießen können. Nächste Idee: ein Wasserbett.

„Fucking Rockstars“, raunt sein Chef Lonnie (Larry Brown) zu Rand. Und der Zuschauer schließt sich diesem Urteil an. Ein reicher, tätowierter, infantiler Rock‘n‘Roll-Volldepp drangsaliert da normale Leute. Man beschließt, so schnell keine Mötley-Crüe-Platte mehr aufzulegen.

Lily James – von der zarten „Cinderella“ zur „Baywatch“-Barbie

Lily James, die 2015 als Disneys zarte „Cinderella“ berühmt wurde, ist hier überzeugend als Hollywoods Fernsehtraum der Neunzigerjahre unterwegs – mehr Pamela Anderson geht nicht. Und Sebastian Stan („The Falcon and The Winter Soldier“) ist die Karikatur eines Rockstars, wie man sie zuvor so krass nur aus Rob Reiners „Die Jungs von Spinal Tap“ (1984) kennt: weltenthoben, große Klappe, nicht allzu helle.

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Abgefahren wird der Witz, wenn Lee sich vor dem Spiegel mit seinem Priap unterhält – Doris Dörries „Ich & Er“ (1996) lässt grüßen – und sich das animatronisch erzeugte Gemächt vor der Kamera biegt und windet wie die Schlange Kaa im „Dschungelbuch“ (1968). Wer hätte je gedacht, so viel Penis unter dem Disney-Dach zu sehen?

Problem der Serie, für die auch der in Skandalverfilmungen erfahrene „I, Tonya“-Regisseur Craig Gillespie einige Folgen inszeniert hat, ist ihre Uneinheitlichkeit, ein sich im Verlauf deutlich ändernder Tonfall. Was als überzogene Komödie beginnt, wird mählich zum Drama. Je stärker Pamela Anderson und Tommy Lee in den Vordergrund rücken, desto mehr verändert sich die Publikumssicht von „selbst Schuld“ zu „die Ärmsten“.

Anderson führt den Kampf um ihre Privatsphäre, bis ihr dämmert, dass das Internet überall ist und nie vergisst und sie gar nicht gewinnen kann. Der geprellte Schreiner Rand, anfangs in seinem ärmlich-sparkigen Apartment unser Sympathieträger, verliert Zuschauers Gunst spätestens in dem Moment, als er das Tape an einen Pornoproduzenten (Nick Offerman) überreicht.

Das passierte so Pi mal Daumen, in Wahrheit soll der Dieb ein Elektriker gewesen sein und auch einiges andere wurde hinzuerfunden in dieser Serie, die auch von den Anfängen der Pornovideoindustrie erzählt. Anderson und Lee sind an „Pam & Tommy“ nicht beteiligt, sie will die Serie boykottieren, er, so war zu hören, freut sich darauf. Man ist sehr gespannt auf sein Urteil.

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Zum Aufreger taugt die Serie nicht. Das Sextape gilt heute eher als ein Urlaubsvideo mit zwei nackten Urlaubern, und auch die entsprechenden Filmchen von Paris Hilton (2003) und Kim Kardashian (2007) sind Schnee von Gestern. Hat man andere Verdienste, erinnert sich die Welt irgendwann auch wieder an diese: Pamela Anderson wird heute längst wieder als der „Baywatch“-Star im roten Lebensretterinnenbadeanzug gesehen und Tommy Lee ist wieder ein – inzwischen etwas abgehalfterter – Rockhero. Dass Mötley Crüe Helden von gestern sind, wird schon in der letzten Episode von „Pam & Tommy“ angedeutet. Da wird das CD-Fach von Mötley Crüe im Plattenladen aufgelöst und die verbliebenen CDs unter „Diverse ‚Mo‘“ einsortiert.

„Pam und Tommy“, Miniserie, acht Episoden, von Robert Siegel, Regie (u. a.): Craig Gillespie, mit Lily James, Sebastian Stan, Seth Rogen, Fred Hechinger, Nick Offerman (ab 2. Februar bei Disney+)

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