„Chillt doch mal!“

Ein Bürgerbabo: Kult-Straßenbahnfahrer Peter Wirth will OB von Frankfurt werden

Peter Wirth gilt als Frankfurts coolster Straßenbahnfahrer. Nun will er Oberbürgermeister werden.

Peter Wirth gilt als Frankfurts coolster Straßenbahnfahrer. Nun will er Oberbürgermeister werden.

Spagat auf dem Balkon des Frankfurter Rathauses, auf dem Römer, sichtbar für alle. Das wäre es. Der Bahnbabo weiß, dass er die etablierten Politikerinnen und Politiker damit erzürnen würde. Auf den Vorschlag beispielsweise reagierte Ex-Bürgermeisterin Petra Roth nicht ganz so cool. „Was ist los mit den Leuten? Chillt doch mal!“, sagt der Bahnbabo und lacht sein weißes Bahnbabo-Lachen.

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Ein Lachen, das man in Frankfurt kennt und das zu einem Mann gehört, der bald das höchste Amt der Stadt übernehmen will. Peter Wirth, der Bahnbabo, der bekannteste Straßenbahnfahrer Hessens, macht Ernst, er will Oberbürgermeister werden. Die Politik, sagt er, brauche Menschen, die die Menschen verstehen. Einen Bürgerbabo quasi.

Bahnbabo: ein proteinshaketrinkender, reimender Straßenbahnfahrer

2018 begann der Kult um Peter Wirth so richtig. Schon zuvor war er mit seiner Art aufgefallen. Nicht nur seine Muskeln sind offensichtlich, er nutzte das Mikro der Straßenbahn auch für Gute-Laune-Durchsagen und wünschte den Passagierinnen und Passagieren in Reimform einen guten Tag. „Ich habe den ganzen Tag beim Fahren Zeit, mir was auszudenken“, sagt der 61-Jährige. „Ich mag Poesie, und den Leuten bereitet es eine Freude. Ich kann unangenehme Situationen entspannen.“

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Irgendwann wurde er, mit gänzlich anderer Sprache, zum Bahnbabo. Denn um zu deeskalieren, spricht er auch die Sprache der Jugend. Er chillt, ist voll krass und stabil. Irgendwann fuhr eine Gruppe Jugendlicher mit, die auf Krawall aus war. Er beobachtete sie im Rückspiegel. An der Endstation forderte er die Jungs zum Kräftemessen auf: „Ey, geh mal McFit, Alter, ich schwör“, habe er die Jungs angestachelt, sagt er. Er machte 60 Dips, Barrenstützen, zwischen den Sitzen seiner Bahn. Der stärkste der Jungs kam nur auf 25. „Er sagte zu mir: ‚Du bist voll massiv. Du bist stabil, du bist der Bahnbabo!‘“ Babo, ein Wort aus der Jugend- und Hip-Hop-Sprache, das so viel wie Anführer bedeutet.

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In Frankfurt wissen sie, wer der Bahnbabo ist

Von den Straßenbahnen Frankfurts aus eroberte der Bahnbabo die sozialen Medien, 2019 ließ er sich den Namen markenrechtlich schützen. Medien wurden auf ihn aufmerksam, ZDF, RTL, Hessischer Rundfunk, „Frankfurter Rundschau“, „FAZ“, „taz“ – sie alle berichteten über ihn. Den ersten Sat.1-Beitrag 2018 sahen alleine auf Facebook 2,2 Millionen Menschen.

In Frankfurt ist der Bahnbabo längst eine Marke. Peter Wirth, der Bahnbabo, sagt, er werde überall erkannt, vor allem Kinder und Jugendliche fragen nach Selfies. Sie bejubeln ihn, wenn er mit der Straßenbahn an ihnen vorbeifährt, und beklatschen ihn, wenn sie in der Bahn sitzen und merken, dass er im Führerhaus sitzt. Sie kennen den Bahnbabo-Gruß, den Wirth einst auf einem Urlaub in Hawaii sah und adaptierte: Drei Finger werden zur Faust geballt, Daumen und kleiner Finger stehen ab, die Hand wird halb gedreht. 2020 veröffentlichte er sein Buch „Beste Laune mit dem Bahnbabo“, er gibt darin Tipps zu Fitness, Ernährung und Lifestyle – und reimt natürlich.

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Bahnbabo macht Wahlkampf ohne Sponsor, ohne Plakate, ohne Partei

„Mein Leben ist verrückt geworden“, sagt der 61-Jährige. Auf Instagram bekam er binnen weniger Monate so viele Nachrichten, dass er seinen Account löschte. Er wollte jedem antworten, denn „Ehrenmänner“ antworten. „Ich hab die Kids im Wagen sitzen, ich kann es mir nicht erlauben, ihnen nicht zu antworten.“

Jetzt, im Wahlkampf, nutzt er hauptsächlich Twitter, Jodel und Facebook. „Es läuft einfach, ich muss mich um nichts kümmern“, sagt er. Wahlplakate hat er keine – zumindest nicht mehr. Hängt er sie auf, hängen Fans sie als Souvenir ab. „Ich bin quasi ein fahrendes Wahlplakat“, sagt er lachend. Er hat keine Sponsoren, er gehört keiner Partei an. Er sieht sich als Mann des Volkes – vor allem der Jugend. Und es gibt wohl wenige Politiker, auf die diese Beschreibung mehr zutrifft als auf den Bahnbabo. Seit 34 Jahren fährt er Straßenbahn – und sollten ihn die Frankfurterinnen und Frankfurter nicht wählen, dann arbeitet er noch zwei Jahre in seinem Beruf. Und danach? „Ich kann auch Rentner“, sagt er.

Bahnbabo Peter Wirth posiert gerne im Spagat - weil das Leben ein Spagat sei, sagt er.

Bahnbabo Peter Wirth posiert gerne im Spagat - weil das Leben ein Spagat sei, sagt er.

Bahnbabo will mit der Verkehrswende punkten

Schon 2019 reifte die Idee, für den Posten des Oberbürgermeisters in seiner Herzensstadt zu kandidieren. Einer der Reime, die er immer wieder vorträgt, vor Menschen wie Journalisten:

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„Ich bin hier geboren, und ich will hier sterben.

Ich habe geliebt, und es gab auch Scherben.

Doch dieser Stadt gehört mein Herz,

mit aller Liebe und all dem Schmerz.“

Er sieht sich, auch so ein Spruch, der in jedem Interview fällt, als Brückenbauer zwischen Gesellschaften und Generationen. „Es geht um Empathie und Menschlichkeit, scheiß auf Politik“, sagt er.

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Im März 2023 wählt Frankfurt ein neues Stadtoberhaupt, nachdem die Bürgerinnen und Bürger Peter Feldmann nach zahlreichen Skandalen abwählten. Der Bahnbabo hat sich Gedanken gemacht – und will sich zur Wahl stellen. Als Straßenbahner kennt er den Nahverkehr, den will er ausbauen und billiger machen. Vorrang von ÖPNV vor Individualverkehr. Keine roten Ampeln, kein Bremsen für Busse und Bahnen. „Bei Verkehrspolitik kann mir keiner was vormachen“, sagt er.

Kein Fernseher, keine Spülmaschine und Hantelbank statt Sofa

Er wünscht sich mehr sozialen Wohnraum, denn die Reichen, die können sich ja eh alles leisten. Mit Leichtbauweise will er temporären und schnellen Wohnraum schaffen, etwa für Studierende, „damit sie sich aufs Lernen konzentrieren können.“ Die Jugend will er mehr einbinden.

Peter Wirth selbst lebt minimalistisch, erzählt er. Mit seiner Frau Heike, die ebenfalls Straßenbahnen steuert und der er immer Handküsse zuwirft, wenn sie ihm entgegenfährt, teilt er sich eine 50 Quadratmeter große Einzimmerwohnung. 42 Jahre sind die beiden ein Paar. Statt einem Sofa gibt es eine Hantelbank. „Ich habe keinen Fernseher, keine Spülmaschine, nur Proteinpulver“, sagt er lachend und zeigt seinen Bizeps. Eisen- und Proteinshakes sind seine Hauptnahrungsmittel, tagsüber nimmt er auch Gemüse-Smoothies mit Proteinpulver zu sich. „Das ist mein Style, das ist mein Leben.“ Im Wahlkampf hat er sein Auto verkauft – er will zeigen, dass es ihm ernst ist, er will für das Gemeinwohl verzichten.

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Peter Wirth: Wenn es um Kinder geht, wird der Bahnbabo weich

Apropos Gemeinwohl. Das ist es, woran sein Herz hängt. Er machte Promotion-Videos für die Kampagne #cleanFFM der Stadt Frankfurt, zog mit einem „Supersauber, Superstabil, Superheld“-T‑Shirt los und sammelte Müll am Mainufer ein. Er warb fürs Impfen in der Corona-Pandemie und ist einer der Protagonisten von „1000 Gründe“, einer Kampagne zur Vermeidung von Suizid. Vor allem aber liebt er es, Kindern eine Freude zu machen. Seit Jahren schon engagiert er sich beim Verein Mainlichtblick. Eine Andalusienreise, die er beim „Hessenquiz“ gewonnen hat, schenkte er einem Jungen, der zweimal an Leukämie erkrankt ist.

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Er sitzt im Café im Frankfurter Zentrum, löffelt Eier im Glas und scrollt durch seine Handybilder. Immer wieder zeigt er welche. Fotos von den Kindern, Fotos von sich und Eco Fresh, Fotos von sich und Faizal Kawusi bei Charity-Events. Selbst bei Fragen nach der Politik driftet das Gespräch irgendwann wieder ab. Die Geschichten der Kinder gehen ihm nahe, man merkt es ihm an. Die Hessenschau attestierte ihm „ein großes Herz“. Aber er ist auch einer aus der Kategorie: „Tu Gutes, und sprich darüber“, einer, der Selbstvermarktung kann.

Bahnbabo will Teil seines Gehalts spenden und Arnold Schwarzenegger einladen

„Ich habe sehr viel Glück gehabt im Leben“, sagt er. „Ich weiß um meine Privilegien, deshalb gebe ich gerne.“ Der „fame“ öffne ihm Türen, sagt er. Er spendet Gagen, sammelt Geld, hat Crowdfunding-Aktionen gestartet – um kranken Kindern Lebensträume zu erfüllen. „Das macht mich aus“, sagt er. Er kündigte bereits an, dass er, sollte er OB werden, jeden Monat ein Drittel seiner Bezüge an soziale Projekte spenden werde.

Ist die Stadt bereit für einen, der von Proteinshakes lebt, Spagat macht und in Mikrofone reimt? Der Bahnbabo und seine Fans glauben fest daran, dass aus dem Bahnbabo ein Bürgerbabo werden kann. Und die erste Amtshandlung, das weiß er schon: Er will Arnold Schwarzenegger einladen – und auf dem Rathausbalkon mit ihm posen.

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