Eskalation droht

Bandenkämpfe in Haiti - Mindestens 20 Tote und Tausende auf der Flucht

Die Gewalt in Haiti hat zuletzt zugenommen. Banden versuchen, im Machtvakuum nach der Ermordung von Präsident Jovenel Moïse vom vergangenen Juli mehr Territorium unter ihre Kontrolle zu bekommen.

Die Gewalt in Haiti hat zuletzt zugenommen. Banden versuchen, im Machtvakuum nach der Ermordung von Präsident Jovenel Moïse vom vergangenen Juli mehr Territorium unter ihre Kontrolle zu bekommen.

Eltern packen ihre Kinder an den Händen und rennen um ihr Leben. Es sind Tausende, die in diesen Tagen aus ihren Wohnungen und Häusern fliehen müssen und nur noch schnell ein paar wenige Habseligkeiten mitnehmen können. Sie flüchten vor Kämpfen zwischen Verbrecherbanden, die Teile von Haitis Hauptstadt Port-au-Prince in eine regelrechte Kriegszone verwandelt haben. Mindestens 20 Menschen kamen in dieser Woche ums Leben.

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„Ich habe alles zurückgelassen“, sagt die 35-jährige Kerline Brutus, die mit ihren drei Kindern ihr einst ruhiges Wohnviertel Butte Boyer fluchtartig verlassen musste. Mehr als 25 Jahre hat sie dort gelebt, ihren 96-jährigen gelähmten Vater musste sie zurücklassen, weil sie ihn nicht tragen konnte. „Ich weiß nicht, wie es ihm geht, ob er noch am Leben ist“, sagt sie.

Hintergrund der Gewalt in Haiti

Die Bandenkriminalität ist kein neues Problem in Port-au-Prince. Doch sie wird immer schlimmer. Seit im vergangenen Juli Präsident Jovenel Moïse bei einem Attentat ermordet wurde, ist ein politisches Vakuum entstanden und die Verbrecherbanden versuchen, immer mehr Territorium an sich zu reißen. Und jetzt wird auch in einst vergleichsweise friedlichen Vierteln wie Butte Boyer im Norden der Hauptstadt gekämpft.

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Kerline Brutus und ihre Kinder haben äußerst notdürftig Unterschlupf gefunden. Sie sitzen auf einer Treppe vor einem Laden, die zumindest überdacht und regengeschützt ist, als ein Reporter der Nachrichtenagentur AP am Donnerstag mit ihnen spricht. „Es wirkt so, als hätte dieses Land keine Behörden“, sagt Brutus. „Keiner kam zu uns. Wir wissen nicht, wie lange wir hier sein werden oder wie lange das dauern wird.“

Gleichzeitig patrouillieren rund 100 Polizisten mit Maschinenpistolen durch das Viertel und kontrollieren die Passanten. Doch ganz in der Nähe sind immer noch Schüsse von den Bandenkämpfen zu hören. Die örtliche Menschenrechtsorganisation Defenders Plus wirft der politischen Führung des Landes vor, eine der Grundaufgaben des Staates nicht erfüllen zu können: die Sicherheit auf seinem Territorium. Regierungssprecher reagierten zunächst nicht auf Anfragen der AP.

Die beiden Banden, die sich seit vergangenem Sonntag Straßenkämpfe liefern, sind Chen Mechan (Böser Hund im Kreolischen) und 400 Mawozo. Letztere wurde im vergangenen Jahr international bekannt, als sie eine Gruppe amerikanischer Missionare entführte.

Sie habe der Bandenkrieg beinahe ihr Leben gekostet, sagt die 25-jährige Melissa Vital. „Sie sind in mein Haus eingebrochen und haben mich gezwungen, mich auf den Boden zu legen. Zum Glück war mein Freund nicht da, denn sie haben Männer getötet, die sie in den Häusern fanden.“ Mit ihrer dreijährigen Tochter habe sie ihr Haus in Butte Boyer verlassen müssen, sagt Vital. „Ich weiß nicht, wo ich jetzt hin soll.“

Flüchtlinge leben in desaströsen Verhältnissen

Tausende Haitianer, die vergangenes Jahr wegen der Bandenkriege aus Martissan südlich von Port-au-Prince fliehen mussten, leben immer noch in überfüllten Notunterkünften mit desaströsen hygienischen Bedingen. Dort ist für neue Flüchtlinge kein Platz.

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Emmanuel Piersaint vom haitianischen Zivilschutz sagte der AP, man habe einigen der vertriebenen Familien Kulturbeutel und einfache Mahlzeiten mit Nudeln, Reis und Bohnen gegeben. „Wir hoffen, die Situation wird nicht noch schlimmer.“.

Die Sorge ist groß, dass die Kämpfe in den Vierteln Butte Boyer, Croix-des-Missions, Marecage und Mapou dazu führen könnten, dass auch Straßen in den Norden Haitis blockiert werden. Rivalisierende Banden haben bereits die wichtigste Straße in den Süden des Landes besetzt, wodurch Hilfe für die Opfer des Erdbebens im vergangenen Jahr kaum dorthin gelangen konnte.

RND/AP

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