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Vor 125 Jahren erschien der Roman

An ihm nagt der Zahn der Zeit nicht sehr: Happy Birthday, Graf Dracula!

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Erster Filmauftritt: Aus rechtlichen Gründen hieß Graf Dracula bei Friedrich Wilhem Murau im Film „Nosferatu“ (1922) Graf Orlok. Die Witwe von Bram Stoker ließ sich davon nicht in die Irre führen und klagte. Und so war Max Schrecks genialischer Auftritt als Vampir eine ganze Weile von den Leinwänden verschwunden. In diesem Jahr feiert der Stummfilmklassiker 100. Geburtstag, seine Hauptfigur erblickte in Stokers Roman vor 125 Jahren das Licht der Buchläden.

Vampire haben das ewige Dasein, Leben kann man es ja mangels Atmung und Herztätigkeit nicht nennen. Wirkliche Unsterblichkeit, nämlich weltliterarische, hat der seelenlose Sauger allerdings erst erlangt, als ihm ein kleiner, wenig erfolgreicher irischer Journalist und Theaterkritiker einen Roman widmete: „Dracula“ erschien am 26. Mai 1897. Aus einer medialen Randerscheinung wurde durch dieses Buch – im Lauf der Zeit – ein Massenphänomen.

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Wie du mir, so ich dir - der Pfahl ist von Bedeutung

Sein Name Dracula kommt vom rumänischen Wort „draculea“, übersetzt wird es zumeist mit „Drachen- oder Teufelssohn“. Historisches Vorbild des Zahnteufels ist der Wojwode Vlad Tepes (Wladimir, der Pfähler), ein Fürst, der im 15. Jahrhundert lebte, gegen Türken und Ungarn kämpfte und Feinde jeder Couleur aufzuspießen pflegte. Wie du mir, so ich dir – der Holzpflock ist ja umgekehrt eine beliebte Vampirentsorgungsmethode.

Der Vampir an sich ist weltweit verbreitet – er und seine Verwandten sind seit der griechischen Antike belegt (die Lamien), und mit dem Jiang Shi, der nicht saugt, wohl aber untot ist, gern tötet und an seiner hüpfenden Fortbewegung zu erkennen ist, hat er auch Asien unter Kontrolle. Hüpft Ihnen ein Jiang Shi entgegen, können Sie ihn – so zur Hand – mit Hühnereiern bewerfen. Soll helfen. Treffen Sie auf Ihrem Transsylvanien-Trip Dracula, lohnt es sich, eine Packung Ilja-Rogoff-Knoblauchpillen im Reisegepäck zu haben. Denn Knofi ist des westlichen Vampirs unliebste Knolle. Zwiebeln lassen ihn dagegen kalt.

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Jetzt wird's Zeit, das Hasenpanier zu ergreifen: Der Sargdeckel bewegt sich in „Draculas Rückkehr“ (1968).

Jetzt wird's Zeit, das Hasenpanier zu ergreifen: Der Sargdeckel bewegt sich in „Draculas Rückkehr“ (1968).

Dracula war nicht der erste literarische Vampir

Vor Dracula hatte es auch in der Dichtung durchaus schon sich aus dem Grabe erhebende Untote gegeben. Da waren Goethes „Braut von Korinth“ (1797), Gogols „Der Wij“ (1835), Tolstois „Familie des Wurdalak“ (1839) und Joseph Sheridan Le Fanus hübsch rätselhafte, steirische Nachtbraut „Carmilla“ (1872), die Bram Stoker außerordentlich beeindruckt hatte. So plante er zunächst, seinen „Dracula“ auch in der Steiermark spielen zu lassen, der Heimat von Guv‘nor und Terminator Arnold Schwarzenegger.

Indes ist es kaum vorstellbar, dass ein Bela Lugosi oder ein Christopher Lee auf der Leinwand österreichelnd die Fänge gebleckt hätte: „Geh, Madl, i wü di aussaugn!“ Gut also, dass es am Ende Transsylvanien wurde, die Heimat Peter Maffays – allein der Name des (eigentlich recht aparten) Landstrichs klingt verwunschen – nach Nacht, Albtraum, Reise ohne Wiederkehr.

Der „Sherlock“-Vater war ein Fan von Dracula

In „Dracula“ setzte Bram Stoker dem übersinnlichen Wesen erstmals gleichwertige Bekämpfer entgegen, den Wissenschaftler Abraham van Helsing und den Rechtsanwalt Jonathan Harker. Die Bürgerlichen bringen den Adligen am Ende zur Strecke – da lässt sich im gruseligen Abenteuerroman sogar Klassenkampf finden.

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Indes brachte „Dracula“ erst Stokers Nachfahren Wohlstand. Die Kritiken zum Buch waren zwar wohlwollend gewesen, es gab sogar populäre Fans wie Sherlock-Holmes-Autor Sir Arthur Conan Doyle – aber als Bestseller war „Dracula“ ein Spätzünder. Der Autor selbst starb 1912, wenige Tage nach dem „Titanic“-Unglück, in bescheidenen Verhältnissen in London.

Erster Auftritt: Christopher Lee kurz vorm Saugvorgang in Terence Fishers „Dracula“ (1958).

Erster Auftritt: Christopher Lee kurz vorm Saugvorgang in Terence Fishers „Dracula“ (1958).

Draculas Stern ging dann mit dem Kino auf. Dort hieß er 1922 erst mal Nosferatu, weil Stokers Witwe dem Regisseur Friedrich Wilhelm Murnau keine Filmrechte eingeräumt hatte. Das Plagiat war unverkennbar, sie klagte, alle Kopien mussten vernichtet werden (was nicht vollständig erfolgte). Der aus dem heute rumänischen Lugos stammende Dracula-Darsteller Bela Lugosi (der im Wahn starb, Dracula zu sein) machte die Figur in den 30ern zum Kult. Der Fürst wurde bald zur Traumrolle, jeder wollte mal beißen dürfen.

Der hochgeschossene Christopher Lee ist der bis heute bekannteste Vampirdarsteller. Sogar den großen „Paten“-Filmer Francis Ford Coppola faszinierte der Graf, sein „Dracula“ war 1992 romantischer als alle Vorgänger, und Gary Oldman trägt darin als Graf die übertriebenste Perücke der Filmgeschichte. Oma Dracula.

Vampirella oder Eine Vampirin kennt keine Frostbeulen

Während weibliche Dracula-Maniacs den Europäischen-Filmpreisträger Claes Bang, den Dracula der „Sherlock“-Macher Steven Moffat und Mark Gatiss (2020), als den vielleicht attraktivsten Vampir der Popkultur wahrnehmen könnten, ist des Mannes allerliebster Fangzahnträger ganz klar eine Vampirin, denn sie trägt eigentlich bei jeder Gelegenheit einen Badeanzug, bei dessen Anblick das körpereigene Testosteron plötzlich wie Kohlensäure prickelt: Vampirella.

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Wir Babyboomer lernten den steilen Zahn in den 70er-Jahren kennen, als Pickel unsere Stirn verunzierten und leicht bekleidete Mädchen die Gedanken dahinter verheerten. Die Comicheldin Vampirella war eine Projektion par sexcellence, sie kam vom Planeten Drakulon, ein moralisches Angebot in unmoralischem Outfit, ein „guter“ Vampir, der die Gier in sich bezähmte und gegen die „bösen“ Vampire zu Felde zog.

Comic-Vampirin für das Gute: US-Schauspielerin und Model Natasha Blasick trägt das Kostüm von Vampirella.

Comic-Vampirin für das Gute: US-Schauspielerin und Model Natasha Blasick trägt das Kostüm von Vampirella.

Ein bisschen wärmer angezogen tat Anne Rice Louis das Gleiche im Roman „Interview mit einem Vampir“ – ein morbider Brad Pitt verlieh der Figur in Neil Jordans Verfilmung einen Hauch Ewigkeit. Immer noch haben Vampire Konjunktur. Nur ist der Sauger später ein Softie geworden. Mit Grauen erfüllen untote Romeos wie Stephenie Meyers Edward in den „Twilight“-Filmen jedenfalls niemanden mehr.

Im Internet wird unter „Dracula“ Blutschnaps angeboten

Wo indes Trends entstehen, entstehen Gegentrends: „True Blood“ (2008-2014), die Serie um Vampire, die nicht frei von rassistischen Anfeindungen Seit an Seit mit Menschen leben, zeigt einen sexy Alexander Skarsgard noch fern vom Muskelgebirge, als der er derzeit in „Northman“ durch deutsche Kinos zieht. Und ist tougher Stoff.

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Gibt man auf der Suche nach Saugern das Königswort www.dracula.de ein, findet man sich übrigens auf der Seite eines Likörerzeugers wieder. Der bietet einen Blutschnaps an. Und sollten Sie Blut nach dessen Verkosten auch ganz lecker finden – pssst! Ist bloß Ingwer!

Und wo wir gerade dabei sind: Ein Toast auf den bleichen Transsylvanier. Der Roman „Dracula“ wird heute 125 Jahre alt. Wie alt der titelgebende Vampir ist, weiß dagegen keiner so genau.

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