Erster Corona-Hotspot in NRW: Bewohner fühlten sich wie „die Aussätzigen aus Heinsberg“

Nordrhein-Westfalen, Heinsberg: Stephan Pusch, Landrat im Kreis Heinsberg (CDU), spricht in seinem Büro im Kreishaus in Heinsberg.

Gangelt. Ein Blick zwei Jahre zurück: „Da waren wir der Hotspot“, erinnert sich Landrat Stephan Pusch. Der Rest der Bevölkerung in Nordrhein-Westfalen und in Deutschland wähnte sich in Ruhe und blickte aus der Ferne auf das „Kreis-Heinsberger-Problem“. Was war passiert? Das beschauliche 13.000-Einwohner-Städtchen Gangelt an der Grenze zu den Niederlanden war einer der ersten Corona-Hotspots der Republik geworden. Ausgerechnet eine Karnevalsfeier in dem Ortsteil Langbroich-Harzelt entpuppte sich als Ausgangspunkt des Infektionsgeschehens und wurde international beobachtet.

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Das damals noch unerforschte Virus verbreitete sich mit einer atemberaubenden Geschwindigkeit. Am 25. Februar wurde die Corona-Infektion eines Teilnehmers der Karnevalssitzung bestätigt. Es war die erste mit dem neuartigen Virus in Nordrhein-Westfalen. Einen Monat später wurden allein im Kreis Heinsberg schon 1067 bestätigte Corona-Fälle gezählt. Der Kreis wurde in einem Atemzug mit Ausbruchsorten wie Wuhan und Bergamo genannt.

795 Covid-Fälle in Deutschland am 7. März 2020

Damals gab es weder Impfstoff, noch kannte man das tückische Virus genauer. Der Kreis machte die Regeln notgedrungen selbst, schloss Schulen und Kindergärten, schickte Bewohner in Quarantäne.

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Der Bonner Virologe Hendrick Streeck untersuchte die Lage vor Ort. „Anfang März gab es eine solche Dichte von Infizierten wie in Gangelt nirgendwo sonst in Deutschland“, schreibt der Wissenschaftler in seinem Buch „Hotspot – Leben mit dem neuen Coronavirus“. Weil das öffentliche Leben weitgehend zum Erliegen gebracht wurde, konnte das Infektionsgeschehen gut nachvollzogen werden. Bei 15 Prozent der untersuchten Bürger in Gangelt wurde eine Corona-Infektion nachgewiesen.

Wie betroffen der Kreis war, zeigen die Zahlen des Robert-Koch-Instituts (RKI): Am 7. März 2020 waren 795 nachgewiesene Covid-19-Fälle in ganz Deutschland bekannt, fast ein Drittel davon entfiel auf den Kreis Heinsberg. Die Zusammenarbeit des Kreises mit der Universität Bonn und mit Streeck, der nun im Expertenrat der Bundesregierung ist, besteht weiter.

Weltfremde Vorschriften der Coronaschutz-Verordnungen

Die Autorität der ersten Stunde nutzt der meinungsfreudige Landrat weiter. Zuletzt machte der 53-jährige CDU-Politiker Furore mit einer auf der Facebook-Seite des Kreises veröffentlichten Wutrede („Ich bin ein bisschen geladen“). Das Kreisgesundheitsamt sei angesichts der gestiegenen Zahlen überlastet mit dem aufwendigen Meldeverfahren für Corona-Infizierte, es müsse Datenfriedhöfe produzieren und sei nicht mehr erreichbar für die wichtigen Anfragen von Bürgern. Andere Landräte äußerten sich dann auch so.

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Pusch beklagt auch weltfremde Vorschriften in Coronaschutz-Verordnungen. „Wenn ich meinen Bürgern erklären muss, warum eine nächtliche Ausgangssperre Sinn machen soll, dann lachen die mich aus. Weil die wissen, um 22 Uhr ist hier nichts mehr los. Wir sind hier nicht in Berlin-Mitte. Hier laufen keine illegalen Ravepartys. Die Leute fühlen sich gegängelt“, bricht es aus ihm heraus.

Guido Willems ist Bürgermeister von Gangelt. Der Ausbruch präge immer noch die Stimmung im Ort, meint er. Gerade weil viele Menschen selbst erkrankten und die Gefährlichkeit und Unberechenbarkeit des Virus unmittelbar erlebten. „Unter den Bürgern in Gangelt gibt es eine große Mehrheit für eine Impfpflicht“, da ist der 40 Jahre alte Bürgermeister sicher.

„Das sind die Aussätzigen aus Heinsberg“ hat zusammengeschweißt

In Gangelt ist dieses Jahr der Karneval wieder abgesagt: Der Verein, der vor zwei Jahren die ungewollt berühmt gewordene Kappensitzung organisierte, bleibt stumm. Auch die ersten Erkrankten schweigen. Der Infektionsweg vor dem großen Ausbruch ist weiterhin ungeklärt. „Irgendjemand in der Region wird unmittelbar oder mittelbar Kontakte nach Wuhan oder nach Italien gehabt haben. Man weiß es nicht und wird es wahrscheinlich nie herausfinden“, sagt Bürgermeister Willems.

Vor dem Kreishaus in Heinsberg weht weiterhin die Fahne mit dem aufmunternden „#hsbestrong“. Es gebe schon ein gewisses Wir-Gefühl im Kreis, sagt Landrat Pusch. „Dass man wochenlang mit dem Druck gelebt hat, "Das sind die Aussätzigen aus Heinsberg", hat schon ein bisschen zusammengeschweißt.“

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RND/dpa

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