In Amerika geboren, für China bei den Olympischen Spielen: Eileen Gu sorgt für Diskussionen

Eileen Gu ist Chinas große Olympiahoffnung (Archivfoto).

Eileen Gu als Wunderkind zu bezeichnen ist keine bloße Rhetorik, sondern vielmehr eine nüchterne Umschreibung der Tatsachen: Die 18-Jährige studiert an der Stanford-Universität, spricht fließend Mandarin, modelt nebenbei für französische Designermarken und ist eine überragende Klavierspielerin. Vor allem aber gilt die im kalifornischen San Francisco geborene Gu als Goldanwärterin im Freestyle-Ski bei den Olympischen Winterspielen in gleich drei Disziplinen: Halfpipe, Slopestyle und Big Air.

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Doch die Aussicht aufs Siegerpodest löst in ihrem Geburtsland dennoch nur wenig Freudenstürme aus. Auf Fox News wurde Eileen Gu gar unlängst vom konservativen Sportkommentator Will Cain als „undankbares“ Kind betitelt, das sich gegen jenes Land wendet, das sie „nicht nur aufgezogen, sondern auch zur Weltklasseskifahrerin geformt hat“. Damit sprach der 46-Jährige wohl vielen US-Amerikanern aus der Seele, darunter nicht nur aus dem republikanischen Lager.

Denn Eileen Gu hat laut Ansicht vieler einen Kardinalsfehler begangen: Sie hat sich entschieden, bei den Winterspielen für die Volksrepublik China anzutreten, dem Herkunftsland ihrer Mutter. Damit ist die Athletin unfreiwillig ins Kreuzfeuer des wohl größten systemischen Konflikts unserer Zeit geraten. Die USA befinden sich schließlich mit China nicht nur in einem handfesten Handelskrieg, sondern haben die Winterspiele in Peking auch aufgrund der massiven Menschenrechtsverletzungen im Land boykottiert.

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Gu verkündet Entscheidung auf Instagram

Die Kontroverse nahm im Januar 2019 ihren Lauf. Die Jugendliche gewann damals ihre erste Weltcup-Goldmedaille – damals noch unter amerikanischer Flagge. Nur wenige Tage später flog sie still und heimlich nach China, wo sie am 1. Februar eine Audienz beim Staatspräsidenten Xi Jinping höchstpersönlich absolvierte. Die 15-Jährige erschien erstmals in der roten Uniform des chinesischen Kaders gekleidet. Staatschef Xi sagte damals, dass ihr Olympischer Erfolg essenziell für die „Erneuerung der chinesischen Nation“ sei. Erst im Nachhinein erklärte Eileen Gu ihre Entscheidung – ausgerechnet auf der Onlineplattform Instagram, die in China von den Behörden zensiert wird: „Das war eine unglaublich schwere Entscheidung für mich“, schrieb sie. Doch sie wolle „Millionen junger Menschen dort inspirieren, wo meine Mutter geboren wurde“. Durch das Skifahren könne man schließlich „Menschen vereinen (...) und Freundschaften zwischen Nationen schmieden“.

Was Gu damals selbstverständlich verschwieg, waren die mutmaßlich wichtigsten Beweggründe: lukrative Werbeverträge. Denn die Skifahrerin gilt in China – einem Markt von 1,4 Milliarden Menschen – seither als einziger Wintersportsuperstar des Landes. „Erst vor ein paar Wochen war ich in Shanghai und sah ihr Gesicht innerhalb einer Stunde auf drei Werbeplakaten – das waren alles Olympische Sponsoren“, sagt Mark Dreyer, US-amerikanischer Sportkommentator in Peking.

Viel Kritik aus den USA

Auf der Onlineplattform Weibo folgen Eileen Gu bereits knapp zwei Millionen User. Dort postet die junge Athletin von ihren „Fashion Outfits“ im Olympischen Dorf sowie den neuesten Werbekampagnen – stets goutiert von Hunderttausenden „Likes“.

In ihrem Geburtsland wird all dies nur wenig goutiert, und das auch unter liberalen, chinesisch-stämmigen Amerikanern. „Ich frage mich, wie die 18-jährige Eileen Gu über ihre Entscheidung denken wird, wenn sie älter und weiser ist“, kommentierte die Autorin Leta Hong-Fincher, die sich vor allem mit ihren Büchern über Feminismus in China einen Namen gemacht hat.

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Doch Gus Olympiazugehörigkeit wirft auch rechtliche Fragen auf. Offiziell akzeptiert China nämlich keine doppelten Staatsbürgerschaften. Zunächst hieß es auf der Webseite von Eileen Gus Sponsor „Red Bull“, dass sie ihren amerikanischen Pass aufgegeben hat, um für China anzutreten. Nach einer diesbezüglichen Anfrage des „Wall Street Journal“ wurde jene Passage jedoch wieder gelöscht. Seither hat sich die Athletin nicht dazu geäußert – wohl auch, um nicht noch höhere Wellen in ihrem Geburtsland zu schlagen.

Dienstag gibt Gu ihr Olympiadebüt

Die Kontroverse zeigt vor allem auf, wie sehr sich die Vereinigten Staaten mittlerweile von China entfremdet haben. Wie Millionen anderer ihrer Generation ist Eileen Gu zwischen zwei Welten aufgewachsen: Ihre Mutter ist zum Studium in ihren Zwanzigern nach Kalifornien gezogen, wo sie einen Amerikaner geheiratet hatte. Eileen selbst wuchs rund um San Francisco auf, wo sie schon bald ihre Leidenschaft für den Skisport entwickelte. Jeden Sommer flog sie nach Peking, der Heimatstadt ihrer Mutter, um dort die Ferien zu verbringen.

Zumindest in den nächsten Tagen, so bleibt der Nachwuchssportlerin zu wünschen, wird die große Politik keine Rolle in ihrem Alltag spielen. Am Dienstag nämlich legt die 18-Jährige nun ihr Olympisches Debüt hin. Dass sie aus Peking mit mehreren Medaillen heimkehren wird, gilt bereits als nahezu gesichert. Für welches Land sie das Edelmetall gewinnt, sollte dabei eigentlich keine Rolle spielen.

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