Spanische Gemeinde verliert vor Gericht

Stierkampf verbieten? Verboten!

Zuschauerinnen und Zuschauer sitzen in der Stierkampfarena von Palma de Mallorca. (Archivfoto)

Zuschauerinnen und Zuschauer sitzen in der Stierkampfarena von Palma de Mallorca. (Archivfoto)

Madrid. Die Kläger sind zufrieden. Nach einem Spruch des Oberen Gerichtshofes der Balearen von dieser Woche haben spanische Gemeinden keinesfalls das Recht, sich als „antitaurino“ – als Gegner des Stierkampfs – zu erklären. Das sei gut so, findet die Fundación Toro de Lidia, die gegen die mallorquinische Gemeinde Calvià eben deshalb geklagt hatte: weil sie sich vor sieben Jahren zur „Freundin der Tiere und antitaurino“ deklariert hatte. Da könnte eine Gemeinde auch herkommen und ihre Abneigung gegen das Theater, gegen den Trap, einen Musikstil, oder gegen die Nacktheit in der Malerei erklären, sagt Chapu Apaolaza von der klagenden Fundación Toro die Liria (zu Deutsch: Kampfstierstiftung). Man sieht, es geht ums Ganze: um das, was wir als Kultur begreifen oder nicht.

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„Tortur ist keine Kultur“ sagen die spanischen Stierkampfgegner seit Langem. 125 von insgesamt gut 8000 spanische Gemeinden haben sich diesem Ruf angeschlossen und sich zur stierkampffreien Zone erklärt. Die Bewegung begann 1989 im katalanischen Tossa de Mar und nahm 15 Jahre später im Rest Kataloniens Fahrt auf, wobei es immer auch um die Abgrenzung vom Rest Spaniens ging.

Auf Mallorca, wo ebenfalls Katalanisch gesprochen wird und das Zugehörigkeitsgefühl zu Spanien ein gebrochenes ist, schloss sich im Jahr 2006 die 1300-Einwohner-Gemeinde Costitx der Initiative an; ab 2014 folgten Dutzende andere dem Vorbild. Bis heute haben die Lokalparlamente von 34 der insgesamt 53 mallorquinischen Gemeinden ihre Orte als „antitaurino“ erklärt.

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Stierkampf ist Kulturgut

Praktische Konsequenzen darf das nicht haben, sagen die spanischen Gerichte immer wieder. Die Tauromaquia (Stierkampfkunst) ist nach einem Beschluss des spanischen Senates von 2013 ein nationales Kulturgut, woran regionale oder lokale Behörden nicht rütteln können, auch wenn sie es immer wieder versuchen. Im Juli 2010 beschloss das katalanische Regionalparlament, die Corridas de Toros (die klassischen Stierkämpfe) zu verbieten, was ihnen aber später das spanische Verfassungsgericht untersagte.

Die Argumentation ist in diesen Fällen immer die gleiche: Das Verbot oder die Zulassung von Stierkämpfen ist Sache des nationalen Gesetzgebers, nicht der Regionen oder der Kommunen. Die einzige Ausnahme bilden die Kanarischen Inseln, weit weg vom spanischen Festland und ohne Stierkampftradition, wo die Corridas schon 1991 verboten wurden, ohne dass jemand dagegen Einspruch erhoben hätte.

Kulturkampf um den Stierkampf

Der Kulturkampf um den Stierkampf wird in Spanien mit erheblicher Verve geführt, was an den meisten Spaniern aber vorbeigeht. Sie interessieren sich einfach nicht für die Stiere. Gerade sind die Ergebnisse der jüngsten „Umfrage über die kulturellen Gewohnheiten und Praktiken“ der Spanier veröffentlicht worden, die das spanische Kulturministerium alle drei bis vier Jahre in Auftrag gibt. Eine Frage gilt dem „Interesse an den Stieren“, und das ist im Durchschnitt eher gering ausgeprägt: Es erreicht einen Wert von 2,3 auf einer Skala von null bis zehn, ganz ähnlich wie bei der letzten Umfrage vor drei Jahren (2,5) und der vorletzten vor sieben Jahren (2,4).

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Es gehen auch nur noch wenige Menschen in die Arenen. Hier sind Vergleiche mit den vorigen Umfragen schwierig. Ein Jahr lang fanden wegen der Corona-Pandemie überhaupt keine Corridas statt, weswegen auch die Zahl der Befragten, die in letzter Zeit ein Stierspektakel besucht hatten, stark zurückging: von 8 Prozent in der vorigen Umfrage auf diesmal 1,9 Prozent. Die Zahl wird sicher wieder raufgehen, aber die Tendenz über die vergangenen Jahrzehnte ist eindeutig: Die Spanierinnen und Spanier verlieren die Lust am Stierkampf. Auch wenn ihnen dessen Besuch nicht verboten ist.

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