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Missbrauch in Spaniens Kirche: Und sie bewegt sich doch

Die katholische Kirche in Spanien lässt sexuellen Missbrauch an Kindern und Jugendlichen untersuchen.

Madrid. Fernando García Salmones hat kein Vertrauen in die katholische Kirche. Er erinnert sich an einen Religionslehrer, der ihn missbraucht habe, das war 1975. Heute ist García Salmones ein Aktivist für die Aufklärung von Fällen wie dem seinen, von denen es in Spanien „sehr, sehr viele“ gebe. Aber er misstraut dem Aufklärungswillen der Kirche. Die zeige eine „Blockade­haltung“ und weigere sich, ihre Missbrauchsfälle „wahrhaft aufzuklären“. Dass die Bischofs­konferenz gerade eine Anwaltskanzlei damit beauftragt hat, die Geschichte des kirchlichen Umgangs mit Verdachtsfällen auf Kindesmissbrauch zu prüfen, hält García Salmones für eine „Ablenkung“.

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Das wird sich zeigen müssen. Der Chef der beauftragten Kanzlei, Javier Cremades, macht nicht den Eindruck, als wolle er etwas verstecken. Als er dieser Tage auf einer Pressekonferenz den Auftrag erläutert, den er von der spanischen Bischofskonferenz erhalten hat, sagt er zur Einführung: „Ich möchte Sie wissen lassen, dass ich Katholik bin und Mitglied des Opus Dei, und deswegen bin ich davon überzeugt, dass die Kirche bis ans Ende gehen muss, bis auf den Grund, dass sie um Entschuldigung bitten muss, wenn es nötig ist, und alles berichtigen muss, was nötig ist.“ Das Opus Dei ist ein katholischer Eliteverband, der außerhalb der Kirche eher geringes Prestige besitzt. Cremades versteckt seine Mitgliedschaft nicht: Er will mit Offenheit seinen Gegnern den Wind aus den Segeln nehmen. Das soll das Grundprinzip seiner Aufklärungsarbeit für die katholische Kirche sein.

In Spanien bewegt sich was

Während in anderen Ländern schon seit Jahren über den sexuellen Missbrauch Minder­jähriger in kirchlichen Institutionen als möglicherweise strukturelles Problem gesprochen wird, gab es in Spanien bisher nur Einzelfallberichterstattung. Der Fall, der die meisten, auch internationalen Schlagzeilen machte, war am Ende keiner: Ein junger Mann aus Granada hatte sich 2014 an den Papst gewandt und ihm von jahrelangen sexuellen Ausschweifungen einer Gruppe von Geistlichen mit Minderjährigen berichtet. Eine erfundene Geschichte, stellte ein Gericht später fest. Dass aber die Existenz von Missbrauch in der Kirche keine erfundene Geschichte ist, hatte Jahre vorher unfreiwillig der Bischof von Teneriffa, Bernardo Álvarez, bestätigt, als er 2007 in einem Zeitungsinterview sagte: „Es gibt 13-Jährige, die vollkommen einverstanden sind und es sogar wollen. Und wenn du nicht aufpasst, reizen sie dich auf.“ Dass Álvarez heute noch Bischof ist, ist einer der Gründe, weswegen Menschen wie Fernando García Salmones kein Vertrauen in die spanische Kirche haben.

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Der Auslöser für die neue Beweglichkeit der Kirche ist eine Artikelserie der großen Madrider Tageszeitung „El País“. Die Zeitung sammelte in den vergangenen drei Jahren die Aussagen von Spaniern, die von bisher unbekannten Missbrauchsfällen berichteten: Der älteste Fall liegt 78 Jahre zurück, der jüngste vier Jahre. Es sind insgesamt 251 Aussagen von Menschen, deren Erzählungen die Rechercheure für glaubwürdig hielten. Die Zeitung übergab ihren ausführ­lichen Bericht im Dezember sowohl dem Papst als auch der spanischen Bischofskonferenz. Und die Kirche handelte.

Renommierte Anwaltskanzlei soll Bericht erstellen

Die Madrider Anwaltskanzlei Cremades & Calvo-Sotelo, eine der renommiertesten Spaniens, will sich mindestens ein Jahr Zeit für die Erarbeitung ihres Berichts geben. Wichtiger noch als die Aufklärung konkreter Missbrauchsfälle ist die Erforschung des bisherigen Umgangs der Diözesen mit früheren Vorwürfen. Wie viel wurde vertuscht, unter den Teppich gekehrt, wie viele Beschuldigte wurden unauffällig versetzt, statt sie zur Verantwortung zu ziehen?

Íñigo Domínguez, einer der Rechercheure von „El País“, sagt: „Die Kirche sah keine Straftaten, sondern Sünden.“ Das soll sich ändern. Bei der Aufklärung der Vergangenheit werden auch zwei deutsche Anwälte von der Münchner Kanzlei Westpfahl Spilker Wastl helfen, die gerade ihr Gutachten zu Fällen sexuellen Missbrauchs im Erzbistum München und Freising veröffentlicht hat. Und auch die Politik will aktiv werden, entweder mit einem parlamentarischen Untersuchungsausschuss oder einem Rechercheauftrag an den Ombudsmann des Parlaments. In Spanien bewegt sich was.

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