Zwangsehen in Deutschland

„Oft bleibt nur ein Ausweg: Die Frauen müssen den Kontakt zu ihren Familien abbrechen“

Demonstration nach der Ermordung von Hatun Sürücü, die als 16-Jährige zwangsverheiratet wurde und 2005 nach der Trennung von ihrem Bruder in Berlin erschossen wurde.

Demonstration nach der Ermordung von Hatun Sürücü, die als 16-Jährige zwangsverheiratet wurde und 2005 nach der Trennung von ihrem Bruder in Berlin erschossen wurde.

In Deutschland gelten eigentlich nur Menschen als verheiratet, die eine standesamtliche Ehe geschlossen haben, eine Eheurkunde besitzen. Was hat eine Ehe für Frauen, die nicht nach deutschem, aber nach muslimischem, jesidischem oder anderem religiös-fundamentalistischen oder kulturellem Recht verheiratet sind, zu bedeuten?

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Es geht um die Bedeutung der Ehe in dem sozialen Kontext, in dem sich die Frauen befinden. Wenn die gesamte Community sagt, dies ist eine gültige Ehe, wenn die junge Ehefrau ins Haus ihres Mannes übersiedelt, wenn eine Hochzeitsnacht stattfindet und die Erwartung meistens auch da ist, dass sie nun Kinder zu gebären habe, dann ist das eine Eheschließung. In so einem sozialen Kontext spielt in der Regel Jungfräulichkeit eine große Rolle. Die Entjungferung in der Hochzeitsnacht hat eine ganz hohe symbolische Bedeutung. Was dann auf dem Papier und in irgendwelchen Gesetzen steht, das ist für die Community, für die Familie und auch für das Leben des Mädchens nicht wirklich relevant.

Welchen Anteil haben Kinderehen bei den Zwangsehen?

International werden Ehen von unter 18-Jährigen zunehmend als Kinderehen definiert – wenn mindestens einer der Partner minderjährig ist. Auf jeden Fall aber dann, wenn er oder sie unter 16 ist. Man geht davon aus, dass minderjährige Kinder die Folgen ihres Handelns und die Folgen eines solchen Eheversprechens überhaupt nicht überblicken können. Es gibt, das wird uns von Lehrerinnen erzählt, Zwölfjährige, die begeistert sagen: „Meine Mutter hat gesagt, ich kann demnächst heiraten und dann habe ich mein eigenes Haus und dann kriege ich Kinder und dann kann ich ganz alleine bestimmen.“ Die finden das erst einmal ganz toll. Und das zeigt, dass sie weder eine Vorstellung davon haben, was Sexualität bedeutet, noch davon, was eine Ehe bedeutet. Ihnen wird ein rauschendes Fest versprochen und ein Brautkleid hingehalten, das hat für sie teilweise eine hohe Attraktivität. Vor allem, wenn sie in einer Familie mit vielen Geschwistern und vielen Regeln und vielleicht auch vielen Schlägen leben. Man geht international zunehmend davon aus, dass alle Kinderehen Zwangsehen sind, aber nicht alle Zwangsehen Kinderehen.

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Wie groß ist das Problem von Zwangsehen in Deutschland?

Wenn wir das mal wüssten. Wir haben Einblicks ins Hellfeld, gehen aber von einer hohen Dunkelziffer aus. Es gibt kaum systematische Erhebungen. Man hat für 2008 deutschlandweit sämtliche Einrichtungen, Jugendämter und auch Schulen befragt und kam auf eine Hellziffer von 3443 Personen, die 2008 in die 830 Beratungsstellen kamen. In Berlin wurden bei der letzten Zählungen 2017 570 Fälle von Zwangsheirat festgestellt. Bei der Mehrheit handelt es sich um Mädchen und junge Frauen, denen die Zwangsheirat bevorsteht, oft schon sehr konkret. Meistens gibt es schon ein Heiratsdatum oder einen potenziellen Ehemann. Aber unsere Erfahrung ist, dass in einer Familie von mehreren Kindern meist nicht nur ein Kind zwangsverheiratet wird, sondern auch seine Geschwister. Und dass viele aus Angst auch nicht gegen die Zwangsheirat vorgehen.

Was machen Sie, wenn eine Frau Hilfe bei Ihnen sucht? Reden Sie mit der Familie?

Um Himmels Willen, nein! Das würde die junge Frau gefährden. Wir sprechen mit ihr und zeigen ihr die Möglichkeiten auf, die sie hat. Wir fragen etwa ab, ob es in der Familie vielleicht Verbündete gibt, die ebenfalls gegen diese Ehe sind. Oder ob vielleicht der potenzielle Ehemann diese Ehe auch nicht will. In den meisten Fällen sind die Vorbereitungen schon weit vorangeschritten und nicht selten haben die jungen Frauen auch schon versucht, mit ihrer Familie zu sprechen – erfolglos. Manchmal werden sie von den Heiratsplänen aber auch völlig überrascht. Sie fahren mit ihren Eltern zum Urlaub ins Herkunftsland und werden dort mit ihrer Hochzeit konfrontiert. Meistens ist es aber ein Prozess, in dessen Verlauf sie sich bei uns melden. Wenn sich keine Hilfe innerhalb der Familie findet, bleibt oft nur ein Ausweg: Dann müssen die Mädchen oder Frauen aus ihren Familien raus und anonym in Schutzeinrichtungen für Jugendliche oder Frauenhäusern unterkommen.

Was bedeutet das für die Mädchen und Frauen?

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Sie verlieren ihr komplettes soziales Umfeld. Die Familie hat einen hohen Stellenwert und Außenkontakte wurden ihnen häufig verboten. Selbstständigkeit war kein Erziehungsziel. Sie brauchen erhöhten Schutz, weil ihre Familie und manchmal die gesamte Community sie suchen und zurückbringen wollen. Angst spielt auch eine zentrale Rolle und ist ernstzunehmen – es kann bis hin zu sogenannten Ehrenmorden gehen. Dass sie zunächst fliehen müssen, bedeutet nicht, dass die Mädchen und Frauen für immer den Kontakt zur Familie abbrechen müssen, aber auf jeden Fall für eine längere Zeit.

Aus welchen gesellschaftlichen Bereichen kommen die Frauen, die Hilfe bei Ihnen suchen?

Hauptsächlich aus Gesellschaften mit stark patriarchalen Strukturen, in denen Patriarchat, Tradition und strikte Genderrollennormen eine große Rolle spielen. Das sind in Deutschland vor allem Frauen aus dem arabischen Raum, aus der Türkei und vom Balkan, etwa Bulgarien und Rumänien. Aber auch aus Pakistan und Tschetschenien sind uns Fälle bekannt. Das unterscheidet sich in Zuwanderungsländern aber stark: In Großbritannien ist der Anteil von Frauen aus Südostasien, die Hilfe suchen, deutlich höher als in Deutschland.

Zwangsehe

 

Beratungsstellen für Frauen

Das Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen“ ist 365 Tage im Jahr jeweils 24 Stunden besetzt und erreichbar unter der Nummer 08000/116016. Zudem gibt es unter www.hilfetelefon.de eine Online-Beratung. Der Jugendnotdienst in Berlin, mit dem Papatya zusammenarbeitet, ist telefonisch täglich von 9 bis 21 Uhr erreichbar unter der Nummer 030-610062. Fragen können betroffene Frauen an info@papatya.org richten. Außerdem gibt es eine mit Passwort geschützte und anonyme Online-Beratung unter papatya.org.

In den Gedanken vieler Menschen ist Zwangsheirat mit dem Islam verbunden. Haben Sie nach der Flüchtlingswelle 2015 mehr Zulauf erfahren?

Wir haben schon festgestellt, dass unter den Frauen, die Hilfe bei uns suchen, viele Geflüchtete sind. Aber unserer Erfahrung nach hat das weniger mit der Religion und weniger mit dem Islam zu tun, als vielmehr mit dem Patriarchat. Viele der Familien der Frauen, die Hilfe suchen, sind zwar muslimisch, leben aber nicht nach streng muslimischen Regeln. Da spielen Traditionen und Erwartungen ihrer Communitys eine größere Rolle als die Religion.

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40 Prozent der erfassten Fälle in den Beratungsstellen 2008 betrafen Frauen, die bereits zwangsverheiratet wurden. Manchmal sind sie jahrelang in diesen Strukturen gefangen. Warum zögern die Frauen, sich Hilfe zu suchen?

Es gibt in vielen Paarbeziehungen in Deutschland Gewalt, nicht nur bei migrantischen Gruppen. Auch diese Frauen bleiben aus vielen Gründen oft lange bei ihrem Partner und benötigen mehrere Anläufe, ehe sie sich trennen. Ich glaube, im Falle einer Zwangsheirat ist die Schwelle noch sehr viel höher. Sich gegen die eigene Familie zu stellen, braucht wirklich viel Mut und viel Verzweiflung, damit man die damit verbundenen Risiken eingeht. Die Frauen verlieren ihr soziales Gefüge, werden möglicherweise von ihrer Familie verstoßen und gelten als Beschmutzerinnen der Familienehre. Wenn sie ausbrechen, müssen sie oftmals ein Leben in Anonymität führen, um vor Gewalt und Mord geschützt zu werden. Für die Frauen verändert sich alles.

Wie kann man denn die Familien der Frauen erreichen?

Das ist nur schwer möglich, ich bin da relativ pessimistisch. Ich glaube, es gibt eine Menge Projekte, die versuchen, auf die Erziehung einzuwirken und ein Stück weit auch auf die Familien zuzugehen. Aber man darf nicht vergessen: Die Eltern stehen nicht nur für sich, da ist oft auch ein erweitertes familiäres Umfeld vorhanden, das Druck auf die Eltern ausübt. Klassisches Beispiel: Da heißt es dann: „Okay, ihr seid jetzt in Europa. Deine Tochter hat in Europa einen sicheren Aufenthalt. Mein Sohn, ihr Cousin, ist in Bangladesch, Pakistan, im Irak, ist kriegerischen Konflikten, Not und Hunger ausgesetzt. Verheirate deine Tochter mit ihm und rette ihn, sodass er eine Möglichkeit hat, nach Europa zu kommen.“ Abgesehen davon finden aber auch viele, dass sie durch ihr Handeln die soziale Ordnung aufrecht erhalten. Da ist auch manchmal der Blick auf die Einwanderungsländer gerichtet, und man findet, dass da alles drunter und drüber geht, dass Familien zerbrechen, und dass man sich dem entgegenstellen muss.

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