Die Arroganz des Siegers

Keine gute Partie? Schachweltmeister Magnus Carlsen erwägt Absage des WM-Duells

Verlieren ist für ihn keine Option: Schachweltmeister Magnus Carlsen.

Siegertypen kennt der Sport viele. Manche waren so großartig wie großmäulig, allen voran Boxer Muhammad Ali: „Es ist schwer, bescheiden zu sein, wenn man so außergewöhnlich ist, wie ich es bin“, hat er mal gesagt.

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Das ist nur eines von vielen Zitaten, mit denen der dreimalige Weltmeister entweder sich selbst für den nächsten Kampf aufputschen oder den Gegner vorsorglich in seine Schranken weisen wollte. Merke: Die Entscheidung über einen Titel fällt manchmal im Kopf und nicht erst in der Manege.

Anrecht aufs Duell gegen den Weltmeister

So weit wie der amtierende Schachweltmeister Magnus Carlsen ging aber auch Ali nicht: Der 31-jährige Norweger weiß nach eigenen Worten nicht so genau, ob er Lust hat, seinen Titel gegen seinen Herausforderer Jan Nepomnjaschtschi zu verteidigen. Der Russe hat gerade das Kandidatenturnier gewonnen und damit das Anrecht auf ein Duell gegen Carlsen erworben.

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Bloß hat Carlsen bereits signalisiert, dass er nicht sonderlich geneigt ist, sich mit Nepomnjaschtschi, Spitzname: „Nepo“, überhaupt an einen Tisch zu setzen. Gegen ihn hat er Ende vorigen Jahres in Dubai schon mal nach langem Kampf letztlich souverän gewonnen. Und wenn er etwas hasst, dann ist es, sich zu wiederholen und dabei womöglich zu langweilen.

Seit 2013 hat Carlsen den Titel als damals jüngster Weltmeister inne und dominiert den Brettsport. In seiner Heimat gilt er als Popstar. Mit Preisgeld und Sponsorenverträgen verdient er Millionen. Die Corona-Zeit nutzte er, um sich eine weitere Einnahmequelle zu sichern: Mit einer börsennotierten Firma organisierte er Online-Turniere für die Weltklasse.

Remis gegen Garri Kasparow

Der „Mozart des Schachs“, wie ein Kinofilm über Carlsen hieß, kann sich also durchaus eine gewisse Arroganz leisten. Er hat sie sich geradezu antrainiert, wie in dem Film zu lernen ist, der auch von seinen Anfängen als Schach-Wunderkind erzählt: „Es ist ziemlich schwer, cool zu sein, wenn du ein Schachspieler bist“, sagt er da.

Vom pausbackigen Außenseiter mit Segelohren in der Schule und dem seltsamen Hobby Schach schaffte er es ganz nach oben an die Spitze. Verlor er als Kind doch mal, brach er nach Worten seiner Schwestern in Weinen aus. Er verlor allerdings nicht oft: Magnus war gerade einmal 13, als er seinem späteren Trainer Garri Kasparow ein Remis abzwang und dabei demonstrativ gelassen seine Figuren bewegte.

Später trat er mal gleichzeitig gegen die zehn besten Spieler der Harvard Elite-Universität an. Er ließ sich die Augen verbinden und stand mit dem Rücken zu seinen Gegnern. Aus dem Gedächtnis heraus schlug er einen nach dem anderen - und notierte sodann für die Verlierer großzügig die Zugfolge auf Zettel. Heute ist Carlson Paradebeispiel für Manager, die in Seminaren lernen wollen, wie sich unter großem Druck die richtigen Entscheidungen treffen lassen.

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Der Weltschachverband Fide steht jetzt vor einem Problem: Sollte Carlsen Besseres vorhaben als gegen „Nepo“ zu spielen und seinen Titel niederlegen, muss der Russe gegen den im Kandidatenturnier zweitplatzierten Chinesen Ding Liren antreten. Doch wer von den beiden auch gewinnt: In Norwegen sitzt dann immer noch ein genialer Sonderling, den viele für den besten aller Schachspieler halten - und er selbst sich vermutlich auch.

Aber vielleicht ist Carlsens demonstrativ zur Schau gestelltes Desinteresse ja auch nur ein psychologischer Schachzug, den er sich von noch Größeren wie Muhammad Ali abgeschaut hat. Womöglich hat das Duell gegen „Nepo“ für ihn längst begonnen.

Schließlich finden sich auch von Carlsen zuhauf Zitate, in denen er seinen eigenen Anspruch beschreibt: „Wenn Du einer der Besten sein willst, solltest Du verlieren nicht als Teil des Spiels akzeptieren.“ In manch früherer Partie hat Carlsen gegen den Russen Nepomnjaschtschi verloren.

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