Kommentar zum Becker-Urteil

Viel Schuld, wenig Reue

Aus dieser Tür zum Gericht „Southwark Crown Court“ kam Boris Becker nicht wieder heraus. Nach dem Urteil wurde er direkt abgeführt.

Aus dieser Tür zum Gericht „Southwark Crown Court“ kam Boris Becker nicht wieder heraus. Nach dem Urteil wurde er direkt abgeführt.

Hannover. Dieses Spiel also hat er verloren. Ziemlich deutlich sogar. Zu zweieinhalb Jahren Haft hat ihn ein Gericht in London verurteilt, mindestens die Hälfte davon wird er tatsächlich im Gefängnis verbringen müssen. Nach der Verkündung soll Boris Becker im Gerichtssaal förmlich zusammengesackt sein, als hätten ihn die Sätze auch körperlich getroffen. Doch während es auf dem Tennisplatz seine Stärke war, uns an seinen Gefühlen teilhaben zu lassen, uns mitleiden zu lassen, wenn er litt, uns mittriumphieren zu lassen, wenn er siegte, so dürfte sich das Mitgefühl jetzt doch deutlich in Grenzen halten.

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Strafmaß für Becker ist nicht überraschend

Zunächst mal ist das Strafmaß weder übermäßig hart noch überraschend – sondern schlicht das, womit auch er nach dem bereits ergangenen Schuldspruch und angesichts der Anklagepunkte rechnen musste, zumal als juristisch einschlägig Vorbelasteter. Boris Becker hat nach seiner Insolvenz Zahlungen an seine Ex-Frauen verschwiegen, genau wie den Besitz seines Elternhauses in Leimen. Es ging um Millionen, nicht um Lappalien, dafür sehen das deutsche wie das englische Recht deutliche Strafen vor. Mit der Strafe bewegt sich das Gericht jedenfalls relativ genau in jener Höhe, die auch Experten für britisches Recht zuvor prophezeit hatten.

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Im Fall Becker liegt eine gewisse Tragik, es ist der Sturz eines deutschen Helden, die Geschichte von einem, der mit frühem Ruhm und Reichtum offenbar überfordert war. Aber auf eine bestimmte Art hat Boris Becker, könnte man sagen, auch schon seit Langem daran gearbeitet, unser Mitleid für diesen Fall der Fälle gleichsam prophylaktisch zu dämpfen. Beckers Aussagen aus den letzten Jahren zur eigenen Biografie und seinen finanziellen Dingen wirken nicht erst im Lichte dieses Prozesses irritierend bis verstörend.

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Das Urteil ist gesprochen – Boris Becker muss für zweieinhalb Jahre ins Gefängnis. Wie das Urteil den Tennisstar trifft und wie es juristisch weitergeht.

„Viele Menschen wollen nicht verstehen, dass ich früher Tennisspieler war und heute Unternehmer bin“, sagte er zum Beispiel 2017, kurz nachdem ihn ein Gericht für insolvent erklärt hatte. „Ich bin über alles Finanzielle im Bilde“, versicherte er da auch. Und: „Ich bin weder zahlungsunfähig noch pleite.“ Man konnte vieles aus diesen Sätzen herauslesen: Hochmut. Naivität. Ökonomische Unkenntnis. Eine massive Verkennung der Realität. Und das sind noch die wohlwollenderen Interpretationen.

Becker wählt die falsche Taktik

Jetzt, mit fünf Jahren Verspätung, haben ihn solche Äußerungen auch vor Gericht wieder eingeholt – und seine Verteidigungslinie torpediert, die er sich offenbar zurechtgelegt hatte. Er sei unschuldig, habe die Dinge nicht richtig durchschaut, sich auf seine Berater verlassen, so stellte er es dar. Wer sollte das glauben? Von Reue, die auch die Richterin vielleicht etwas milder gestimmt hätte, keine Spur. Im Tennis würde man sagen: Mit der komplett falschen Taktik ins Spiel gegangen.

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Wie die Öffentlichkeit eines Tages auf Boris Becker schauen wird, wird vor allem von der Haltung abhängen, mit der er aus dem Gefängnis zurückkehrt. „Ich habe eine große Torheit begangen, einen Riesenfehler, den ich so gut wie möglich korrigieren will“: Diesen Satz hat Uli Hoeneß gesagt, kurz nach Bekanntwerden seiner Steueraffäre. Boris Becker ist der Öffentlichkeit keine Rechenschaft schuldig, er muss sich ihr nicht erklären, sich nicht unterwerfen. Aber wenn er eines Tages wieder von und mit ihr leben möchte, wäre er gut beraten, sich zu irgendwas Ähnlichem durchzuringen. Und als früherer Fan wäre es doch irgendwie auch ganz schön, sie zu hören.

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