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Russlands Krieg als Einschnitt

Das Verhältnis der Deutschen zum Militär muss sich wandeln

Eine Panzerhaubitze der Bundeswehr vor ihrem Transport Richtung Litauen.

Man kann nicht sagen, dass die Nachkriegsdeutschen vom Militärischen völlig verschont geblieben wären. Für viele Ostdeutsche war der Einmarsch von Truppen des Warschauer Pakts in die Tschechoslowakei 1968 ein tiefer Einschnitt. Gesamtdeutsch erinnern wir uns an den Kosovo-Krieg 1999, den Afghanistan-Einsatz 2001 und den Irak-Krieg 2003. Doch anders als bei der Erlebnisgeneration des Zweiten Weltkrieges rückte das Militärische an Angehörige der Jahrgänge 1960 und folgende geografisch nie so weit heran, dass es bedrohlich geworden wäre.

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Das ist seit dem Angriff Russlands auf die Ukraine, der als das Böse schlechthin erscheint, anders – nicht nur, weil zwischen Görlitz und Lemberg lediglich 750 Kilometer liegen, sondern auch, weil sich der Krieg ausweiten könnte und wir die Folgen in jedem Fall spüren werden.

Ja, dieser Krieg wird auch unser Krieg sein. Er ist eine Zäsur – keine bloß rhetorische, sondern eine echte – und ein generationenprägendes Ereignis. Das muss zu einem anderen Umgang mit der Bundeswehr führen – und einem Wandel der Bundeswehr selbst.

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An den deutschen Streitkräften wird ja seit 1990 herumreformiert. Zuerst wurde die Bundeswehr geschrumpft. Später und verstärkt seit dem 11. September 2001 wurde sie auf Auslandseinsätze getrimmt. Das mit der Landesverteidigung, so glaubten wir, habe sich erübrigt. Rückblickend ist offenkundig, dass die Annexion der Krim 2014 ein Einschnitt war, der jenem des Jahres 2001 in nichts nachsteht. Nur haben wir es nicht gemerkt.

Bedingt einsatzbereit

Gewiss ist, dass die Bundeswehr mehr Geld bekommen wird. Das hat Finanzminister Christian Lindner – übrigens Hauptmann der Reserve – bereits angekündigt. Gewiss ist ebenfalls: Die Konzentration auf ambitionierte Auslandseinsätze ist vorüber. Nach dem Abzug aus Afghanistan ist der Abzug aus Mali mit Putins Krieg noch wahrscheinlicher geworden.

Hinzukommt, dass sich Struktur und Bewaffnung dringend wandeln müssen. In der Truppe herrscht eine Diffusion der Zuständigkeiten – und zu viel Bürokratie. Dies ist ein Grund dafür, dass sie nicht jene Ausrüstung bekommt, die sie braucht. Von den Hauptwaffensystemen der Bundeswehr sind zurzeit 77 Prozent einsatzbereit. Bei Kriegsschiffen für anspruchsvolle Operationen liegt die Quote bei 30 Prozent, bei Hubschraubern bei 40 Prozent.

Die Wehrbeauftragte Eva Högl hat soeben gar beklagt, dass es den Soldaten im Baltikum an dicken Jacken (!) und Unterwäsche (!) fehle. Dass wir unterhalb der Schwelle tödlicher Waffen keine Rüstungsgüter an die Ukraine liefern, hat im Übrigen auch damit zu tun, dass wir wenig zu liefern haben. Nebenbei bemerkt: Nicht alle Verteidigungsminister der letzten Jahrzehnte waren vom Fach.

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THW unter Waffen

Dabei muss sich die Kluft zwischen Bundeswehr und Gesellschaft schließen. In den 1950er- und 60er-Jahren sorgte die Wiederbewaffnung der alten Bundesrepublik für massive Konflikte – nach dem Zweiten Weltkrieg verständlicherweise. Die 68er-Bewegung hat die Kluft vertieft. An der Entfremdung haben die Auslandseinsätze im Kosovo und in Afghanistan, die der Durchsetzung von Menschenrechten dienten, nichts Wesentliches ändern können. Die Aussetzung der Wehrpflicht 2011 hat weitere Verbindungen gekappt. Zuletzt wurde der Bundeswehr bestenfalls wohlwollendes Desinteresse zuteil – während diese sich in der Corona-Krise und im Hochwassereinsatz auf ein Technisches Hilfswerk unter Waffen verzwergt sah.

Das alles – die Prognose darf man wagen – ist Geschichte. Die Bundeswehr dürfte im Lichte des Ukraine-Krieges und vereint mit den Streitkräften der Nato wieder als das erkennbar werden, was sie ist: unsere Lebensversicherung für Frieden und Freiheit.

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