Newsletter „Klima-Check“

Der Klimaschutz im Schatten der Energiekrise

Getrocknete Sonnenblumen sind auf einem Feld in der Nähe von Cottonwood Slough zu sehen. Die westlichen Staaten kämpfen mit einer der heißesten und längsten Hitzewellen im September, die es je gab.

Getrocknete Sonnenblumen sind auf einem Feld in der Nähe von Cottonwood Slough zu sehen. Die westlichen Staaten kämpfen mit einer der heißesten und längsten Hitzewellen im September, die es je gab.

Liebe Leserinnen und Leser,

wir melden uns mit dem Klima-Newsletter zurück aus der Sommerpause. Eine Sommerpause, in denen das früher übliche Sommerloch mit Nachrichten mehr als randvoll zugeschüttet wurde: Russlands brutaler Krieg, der Kampf ums Gas, die immer weiter steigenden Preise an Tankstellen und in Supermärkten. Und dann stirbt auch noch die Queen. Für etwaige Krokodile in Baggerseen war in diesem Sommer nachrichtlich überhaupt kein Platz.

Da droht beinahe unterzugehen, dass dieser Sommer der heißeste in Europa seit Beginn der Aufzeichnungen war. Dass der Klimawandel in diesem deutschen Sommer sehr real und sehr spürbar war, als der Rhein trockenfiel und Hitzewellen über das Land rollten. An die Waldbrände in Brandenburg, Sachsen und im Rest des Landes hat man sich – das ist bewusst zynisch formuliert – ja schon fast gewöhnt.

Das trockene Flussbett im Rhein vor Rheinkniebrücke und Rheinturm Ende Juli.

Das trockene Flussbett im Rhein vor Rheinkniebrücke und Rheinturm Ende Juli.

Und trotzdem gibt es gerade jetzt, inmitten all dieser Krisen, Anlass zur Hoffnung auf Wandel, beschreibt meine Kollegin Anna Schughart. In ihrem sehr lesenswerten Essay zitiert sie die Expertin für systemische Risiken, Pia-Johanna Schweizer. Sie sagt: „Derzeit öffnet sich ein sogenanntes Window of Opportunity, ein günstiger Zeitpunkt für Veränderungen“. Dass nun gleich mehrere große Krisen aufeinandertreffen, könne tatsächlich „hilfreich“ sein, sagt Schweizer. „Denn das erzeugt eine politische Dringlichkeit, die sonst nicht da gewesen wäre.“

 

Faktencheck der Woche: Kann man Bürger und Klima zugleich schonen?

An diesem Freitag sind die Energieminister aller EU-Mitgliedsländer zu einer Krisensitzung zusammengekommen. Spätestens bis Ende dieses Monats sollen gesamteuropäische Maßnahmen gegen die hohen Strompreise stehen. Diese Frist setzte Tschechien als aktuelle EU-Ratspräsidentschaft den Ministern bei ihrem Treffen. Man müsse schnell und gemeinsam handeln. Klar ist, dass die Menschen in der EU von den Energiekosten entlastet werden sollen. Als Ideen dafür kursieren ein fester Höchstbetrag für den Verkauf von Elektrizität an den Strombörsen und die Abschöpfung aller darüber hinaus gehenden Einnahmen aus Stromverkäufen. Mit den Einnahmen könnte dann den Verbrauchern geholfen werden.

Die hohen Einnahmen der Wind- und Solarbranche in den vergangenen Wochen waren auch ein Signal an die Energiewirtschaft, weiter zu investieren. Dieses Signal könnte nun abgewürgt werden.

Die hohen Einnahmen der Wind- und Solarbranche in den vergangenen Wochen waren auch ein Signal an die Energiewirtschaft, weiter zu investieren. Dieses Signal könnte nun abgewürgt werden.

Was bedeutet das für den Klimaschutz?

Es sind einerseits gute Nachrichten, da damit die teure fossile Energien wie insbesondere Erdgas, womöglich aber auch Kohle tendenziell aus dem Markt gedrängt würden. Die Bedeutung von klimaneutraler Wind- und Sonnenenergie würde steigen. Die schlechte Nachricht für die Erneuerbaren: Sie haben – wie Kohle- und Kernkraftwerke – enorm hohe Einnahmen in den vergangenen Wochen erzielt. Dies war ein Signal an die Energiebranche, mehr in die regenerativen Energien zu investieren. Zumal die Kosten hier gut kontrollierbar sind, da sie nicht von Schwankungen bei den Preisen für Brennstoffe beeinflusst werden. Der Chef des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft (IW), Michael Hüther, hat schon vor sinkenden Investitionen für Ökostromanlagen gewarnt.

Welche Rolle spielen Investitionen in Erneuerbare für die Bewältigung der Energiekrise?

Mittel- und langfristig werden sie der entscheidende Faktor für eine neues Energiesystem werden: „Wir müssen uns aus dieser Krise herausinvestieren. Wir brauchen kluge Ansätze, die den Standort Deutschland und die Energiewende voranbringen“, sagte Kerstin Andeae, Chefin des Energiedachverbandes BDEW dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND). Dazu gehöre ein massiver Ausbau der Erneuerbaren Energien. Zudem müsse aber auch erheblich mehr bei Gas- und Wasserstoff- und Hybridkraftwerken, Speichertechnologien sowie Elektrolyseanlagen geschehen. „Diese Investitionen in die Energiewende dürfen durch eine Übergewinnsteuer nicht vermindert werden“, so Andreae. Auch Ursula von der Leyen hat in ihrem Maßnahmenpaket zur Bewältigung der Energiekrise einen schnellen Ausbau der Erneuerbaren angemahnt.

An diese Energiesparmaßnahmen müssen sich Privathaushalte nun halten

Ab Herbst soll es in deutschen Städten dunkler und kühler werden – jedenfalls ein bisschen. Doch was gilt jetzt für Privatwohnungen?

Was ist für Deutschland geplant?

Vieles ist derzeit noch offen. Geplant ist unter anderem die CO₂-Abgabe fürs Heizen und für den Verkehr einzufrieren. Es soll auch im nächsten Jahr bei 30 Euro pro Tonne bleiben. Eigentlich war für 2023 eine Erhöhung auf 35 Euro geplant. Auch das bislang geplante weitere Herauffahren wird um ein Jahr gestreckt. Geplant waren ursprünglich 55 Euro für 2025. Das wird nach derzeitiger Planung ein Jahr später kommen.

Welche Folgen hat das Strecken der CO-Abgabe?

Die Einnahmen des Staats aus der Abgabe fallen geringer aus – 2021 wurden durch die erstmals eingeführte Abgabe rund 7 Milliarden Euro eingenommen. Die geringeren Zahlungen in die Staatskasse reduzieren auch die Spielräume der Regierung, die an der Schuldenbremse festhalten will, bei der Entlastung der Bürger. Die CO₂-Einnahmen sollten ja als „Energiegeld“ an die Verbraucher zurückgegeben werden. Wobei auch die 35 Euro eine recht bescheidene Summe sind. Entsprechend niedrig wäre die Belastung für die Bürger ausgefallen. So würden Verbraucher durch eine Erhöhung um 5 Euro pro Tonne beim Erdgas lediglich um 0,1 Cent pro Kilowattstunde mehr belastet. Das ist ein verschwindender Betrag angesichts der anstehenden Tariferhöhungen, die bei mehr als 20 Cent pro Kilowattstunde ausmachen würden. Bei Kraftstoff wären rechnerisch pro Liter 1,4 bis 1,5 Cent angefallen. Auch diese Summe würden Autofahrer kaum spüren – angesichts der enormen Sprünge beim Sprit.

 

Verbrauchertipp der Woche

Rund 40 Prozent des gesamten CO₂-Ausstoßes in Deutschland verursacht die Bauwirtschaft. Nach Ansicht von Emanuel Lucke und Matthias Wohlfahrt vom Verein Architects for Future Deutschland ist deshalb eine Bauwende nötig, um die Klimaschutzziele der Politik einhalten zu können. Bereits in acht Jahren sollen im Gebäudebestand bis zu 67 Prozent Treibhausgasemissionen eingespart werden, 2050 soll er klimaneutral sein. Um das zu erreichen, sei ein ganzheitlicher Ansatz erforderlich, sagen Lucke und Wohlfahrt.

Bauarbeiter arbeiten an einem Fundament: Die Bauwirtschaft ist für einen großen Teil des CO₂-Ausstoßes verantwortlich.

Bauarbeiter arbeiten an einem Fundament: Die Bauwirtschaft ist für einen großen Teil des CO₂-Ausstoßes verantwortlich.

Von der Kaufentscheidung bis zur Materialwahl: Viele Faktoren beeinflussen den CO₂-Fußabdruck einer Immobilie. Wie er sich verkleinern lässt, hat mein Kollege Sebastian Hoff aufgeschrieben.

 

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Die gute Nachricht

Australien stand in den vergangenen Jahren an der Front des Klimawandels: 2019/20 verwüsteten verheerende Buschfeuer den Osten des Landes. Anfang des Jahres erlebte das Great Barrier Reef die sechste Massenbleiche seiner Korallen seit 1998. Gleichzeitig versanken große Teile der Ostküste unter Wassermassen. Viele Forscher vergleichen das Land gerne mit dem Kanarienvogel in der Kohlemine, dessen Gesundheitszustand den Minenarbeitern einst verriet, wann sie aufgrund schlechter Luftqualität lieber das Weite suchen sollten.

Das Great Barrier Reef vor Australiens Nordostküste ist angesichts wärmerer Meerestemperaturen immer wieder ernsthaften Korallenbleichen ausgesetzt. Jetzt aber will das Land nachsteuern und ein „historisches“ Klimaschutzgesetz beschließen.

Das Great Barrier Reef vor Australiens Nordostküste ist angesichts wärmerer Meerestemperaturen immer wieder ernsthaften Korallenbleichen ausgesetzt. Jetzt aber will das Land nachsteuern und ein „historisches“ Klimaschutzgesetz beschließen.

Jetzt will Australien zwar immer noch nicht seine umstrittene Kohleförderung aufgeben, trotzdem aber gegen den Klimawandel kämpfen. Zum ersten Mal in der Geschichte des Landes soll ein Klimagesetz sicherstellen, dass die CO₂-Emissionen bis 2030 um 43 Prozent sinken. Damit schließt das Land immerhin zu anderen Industrienationen wie Japan, Südkorea oder Kanada auf, schreibt Barbara Barkhausen aus Sydney. Sie nennt das neue Gesetz sogar „historisch“.

 

Bild der Woche

Ein Hund blickt aus dem Fenster eines Autos, während der Himmel sich über der Gemeinde Foresthill in Placer County durch die Waldbrände des sogenannten Mosquito Feuers färbt.

Ein Hund blickt aus dem Fenster eines Autos, während der Himmel sich über der Gemeinde Foresthill in Placer County durch die Waldbrände des sogenannten Mosquito Feuers färbt.

Nach einem fast regenlosen Sommer sind viele Gebiete in Kalifornien stark ausgetrocknet und leicht entzündbar. Zudem herrscht im Westen der USA seit Tagen extreme Hitze. In der Landeshauptstadt Sacramento waren die Temperaturen am Montag auf 45 Grad Celsius angestiegen, der US-Wetterbehörde zufolge ein neuer Stadtrekord.

 

Termine

Samstag, 10. September in Berlin: Nach zwei Jahren Corona-Pause veranstaltet der BUND, gefördert auch durch die Berliner Senatsverwaltung den Berliner Klimatag. Dort präsentiert sich ein großer Teil der in Berlin aktiven zivilgesellschaftlichen Gruppen, Initiativen und Verbände. Dazu gibt es Vorträge, Workshops und rund 80 Ausstellende aus Politik, Wissenschaft und Zivilgesellschaft.

Montag, 12. September in Straßburg: Das EU-Parlament debattiert über Entwaldung. Rund 10 Prozent der weltweiten Entwaldung resultieren aus dem Verbrauch der EU, daher soll über einen Vorschlag des Umweltausschuss diskutiert werden, nur noch Produkte zu erlauben, die nicht zur weltweiten Entwaldung beitragen.

Dienstag, 13. September: Die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit und das Umweltbundesamt haben zum internationalen, virtuellen „Green Cooling Summit“ geladen. Im Fokus steht diesmal der Ausstieg aus klimaschädlichen teilfluorierten Kohlenwasserstoffen (HFKW) in der Supermarktkühlung. Die Frist zum Einfrieren des HFKW-Verbrauchs rückt für die meisten Entwicklungsländer näher: Ab dem 1. Januar dürfen diese nur noch so viel HFKW einsetzen wie im Durchschnitt der Jahre 2020 bis 2022. Da in vielen dieser Länder der Verbrauch in den letzten Jahren aber stark angestiegen ist, muss hier gegengesteuert werden.

 

Von nun an ist unser „Klimacheck“-Newsletter wieder jede Woche für Sie da – mit dem Neusten, dem Wichtigsten und einigen Tipps rund um die Energiekrise, den Klimaschutz und wie sie miteinander zusammenhängen.

Falls Sie Anregungen oder Kritik haben, melden Sie sich gern direkt bei unserem Redaktionsteam: klima@rnd.de Wir freuen uns auf Ihr Feedback!

Nachhaltige Grüße,

Ansgar Nehls und Frank-Thomas Wenzel

 

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