Sind Sie bereits Abonnent? Hier anmelden

 

Sind Sie bereits Abonnent? Hier anmelden

Putins Krieg

Dreh­kreuz im Krieg: Warten auf die Flucht und den Kampf

Er geht nach Kiew, sie flüchtet aus dem Land. Der Bahnhof Lwiw dient derzeit als Drehkreuz für viele Ukrainerinnen und Ukrainer mit ungewisser Zukunft.

Lwiw. Tausende Menschen strömen über die Bahn­steige des Bahn­hofs von Lwiw. Kinder, Frauen und Familien beladen mit Haustieren, Sack und Pack drängen sich die Treppen auf den Vorplatz hinunter. Vor einem alten sowjetischen Zug in den Landes­farben blau-gelb hält Sergej Marina im Arm. Eine Träne rollt über ihre Wange. Mehrere Minuten stehen sie so da. Marina will fliehen, Sergej fährt nach Kiew.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Es ist einer der vielen tragischen Momente, die sich hier, nur rund 80 Kilometer von der polnischen Grenze, in der westlichsten Stadt der Ukraine, abspielen. Etwa 730.000 Menschen leben hier. Seit der russischen Invasion sind mittlerweile laut UNHCR-Angaben bereits mehr als eine Millionen Menschen außer Landes geflüchtet.

Empfohlener redaktioneller Inhalt

An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt von Spotify Ltd., der den Artikel ergänzt. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen.

 

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unseren Datenschutzhinweisen.

Khalid will seine Familie in Sicherheit bringen

Bald will auch Ansari Khalid die Ukraine verlassen. Der 49-Jährige trägt einen dicken, schwarzen Parker und beobachtet das Treiben vom Rand des Bahn­steiges. Er und seine Familie sind aus Charkiw, der zweitgrößten Stadt der Ukraine, geflohen. Charkiw steht seit Tagen unter russischem Beschuss.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

„Ich habe beschlossen, das Land zu verlassen, weil ich nicht weiß, was morgen ist. Heute, als ich hier angekommen bin, haben sie mich von zu Hause angerufen, dass unser Haus bombardiert wurde“, erzählt Khalid. Er reist mit seiner Familie, seiner Frau und seinem Sohn. Die wolle er in Sicherheit bringen, erzählt er weiter. 25 Jahre habe er nun in der Ukraine gelebt, in Charkiw sogar eine eigene kleine Firma für Service­dienst­leistungen gehabt. „Ich habe nicht erwartet, dass dieser Krieg passiert“, sagt er und wünscht sich, dass morgen doch nur alles wieder, wie vor einem Monat wäre.

Ob Khalid bald mit einem Zug außer Landes kommen wird, ist unklar. Immer wieder gibt es Berichte, dass andere People of Colour, sowohl beim Anbordgehen in Lwiw, als auch mit den polnischen Behörden Probleme hatten. Das zeigen Recherchen des Netzwerks Lighthouse Reports, die auf Twitter verbreitet werden:

Empfohlener redaktioneller Inhalt

An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt von Twitter, Inc., der den Artikel ergänzt. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen.

 

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unseren Datenschutzhinweisen.

Alle wollen einen Platz – Panik bricht aus

Das Ringen um die Plätze an Bord ist immens. Immer wieder stürzen ältere Frauen beim Verlassen der Züge. Eine wird auf einem Trage­tuch eine riesige Stein­treppe zu einer Kranken­station im Unter­geschoss des Bahn­hofes gebracht. Als auf einmal alle Passagiere eines Zuges, der eigentlich nach Polen fahren sollte, wieder aussteigen müssen, bricht Panik aus, berichten Journalistinnen und Journalisten dem Redaktions­Netzwerk Deutschland (RND).

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Ein Ticket für den Zug ins Ausland zu bekommen, das dauere ewig, erzählen immer wieder Menschen aus der Schlange, die sich hunderte Meter über den Bahnhofs­vorplatz windet. Aus Laut­sprechern läuft ukrainische Musik. Direkt neben einer Feuer­tonne, an der sich Menschen wärmen, steht in der Schlange Nastya, die ihren Nach­namen lieber nicht nennen will. Die Zwanzig­jährige stammt aus einem Vorort der Haupt­stadt Kiew.

Nastya wartet seit drei Tagen

Die große Temperatur­anzeige über dem Haupt­eingang zeigt drei Grad. Nastya ist in eine flauschige Jacke gehüllt. Mit ihrem Bruder und ihrer Mutter ist sie auf dem Weg nach Polen. Seit drei Tagen hätten sie versucht, einen Zug über die Grenze zu bekommen, heute sei es endlich so weit. „Ich habe große Angst vor der Situation, in der mein Land steckt“, sagt Nastya.

Die anhaltenden Angriffe mit Bomben und Raketen setzten ihr zu. In Polen hoffen sie und ihre Familie, etwas Ruhe zu finden. „Meine Mutter hat über ein Hilfs­angebot gelesen, dass wir mehrere Monate bei einer anderen Familie leben können“, sagt sie.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Und nicht nur auf der anderen Seite der Grenze helfen polnische Aktivistinnen und Aktivisten. Seit Tagen stauen sich nun auch auf dem Weg in die Ukraine die Autos. Viele tragen eine rote Markierung mit der Aufschrift „humanitäre Hilfe“.

Das Ziel einiger: der Bahnhofs­vorplatz. Hier steht eine Gulasch­kanone, ein Feuerwehr­mann heizt eine Feld­küche mit Feuer­holz, um für Warm­wasser zu sorgen und in einem Koch­topf, so groß, dass ein ganzer Mensch hineinpassen könnte, wird Suppe für alle gekocht.

Vor dem Bahnhof wurde in Lwiw eine Versorgungs­struktur aufgebaut. Freiwillige, NGOs und Feuer­wehr versorgen hier Menschen, die auf die Weiterfahrt in Richtung Polen warten.

Vor dem Bahnhof wurde in Lwiw eine Versorgungs­struktur aufgebaut. Freiwillige, NGOs und Feuer­wehr versorgen hier Menschen, die auf die Weiterfahrt in Richtung Polen warten.

Der Andrang ist riesig

Neben Zelten mit Rotkreuz­markierung wird Wasser ausgegeben. Auch auf dem Bus­bahnhof drängen sich Hunderte, die flüchten wollen. Und auch hier soll es am Nachmittag zu tumultartigen Szenen gekommen sein, wie ein Journalist berichtet, der bereits länger vor Ort ist.

So soll ein Militär, als das Gedränge bei einem Bus nach Polen zu groß wurde mit seiner AK-47 gefuchtelt haben. Wenig später fuhr der Bus vollgepackt ab.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige
Portrait von Paul Hughes am Banhof von Lwiw in der Ukraine.

Portrait von Paul Hughes am Banhof von Lwiw in der Ukraine.

Paul Hughes, Kanadier, will gegen Putin in den Krieg ziehen

Doch bei Weitem nicht alle können oder wollen die Ukraine verlassen. Zwischen den Geflüchteten stehen mehrere ältere Männer. Einer trägt, als einer der Wenigen hier, eine taktische Weste in olivgrün. Auf seiner Brust prangt eine kanadische Flagge. Paul Hughes ist 57 Jahre alt, kanadischer Infanterie­veteran und will unbedingt bei den Kämpfen gegen die Russen mitmischen. Hughes wartet seit mehreren Tagen in Lwiw auf weitere Informationen. Das ukrainische Verteidigungs­ministerium hat eine „Internationale Legion“ gegründet, der sich Nichtukrainerinnen und -ukrainer anschließen können.

Seit Beginn der russischen Invasion sind dafür laut ukrainischem Innen­ministerium mehrere tausend freiwillige Kämpferinnen und Kämpfer eingereist. Einen Anlauf­punkt für die „Internationale Legion“ hat Hughes allerdings noch nicht gefunden. Dabei scheint ein Beitritt eigentlich nicht schwer. Über einschlägige Telegram-Channels werden Rekrutinnen und Rekruten angeworben. Auch die nationalistische Milizen wie der „Rechte Sektor“ rekrutieren offen mit Plakaten in der Stadt für ihre Einheiten.

„Ich war inspiriert durch den Mut der Ukrainer“, so Hughes. Nur dass es hier keinen Rekrutierungs­tisch, ein Schild oder ähnliches gebe, enttäusche ihn. Man habe ihm bis jetzt auch keine Waffe gegeben, wegen der scharfen Gesetze – das findet er problematisch.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Alle 18- bis 60-Jährigen sollen kämpfen

Dabei ist es tatsächlich so, dass immer wieder vor dem Haupt­bahnhof von Lwiw Männer in schwarzer Kleidung diejenigen ansprechen, die aus dem Osten des Landes ankommen. Mutmaßlich, um diese für den Kampf zu rekrutieren. Per Dekret hat der Präsident der Ukraine verfügt, dass alle 18- bis 60‑Jährigen das Land nicht verlassen dürfen. Sie sollen kämpfen.

Immer wieder kam es bereits zu Flucht­versuchen. So sollen laut ukrainischem Grenz­schutz 60 Männer bei einem Versuch, dem Dekret zu entgehen, an der Grenze zur Republik Moldau abgefangen worden sein. Sie sollen versucht haben, über den Fluss Dnister die Ukraine zu verlassen.

Ich bin kein mutiger Typ oder Held, aber ich habe keine Angst zu sterben.

Paul Hughes,

kanadischer Infanterie­veteran

Und auch Hughes gerät schlussendlich ins Gespräch mit einem rumänischen Mann, der vor allem auf Tiktok mit vermeintlichem Soldaten­insiderwissen Aufmerksamkeit durch seine kurzen Videos erregt. Auch er will sich einer Einheit anschließen und habe schon mit einem Kommandanten geredet, sagt er. Bald gehe es an die Front, bald gehe es nach Kiew. „Ich bin kein mutiger Typ oder Held, aber ich habe keine Angst zu sterben“, sagt der Infanterist Hughes.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Unterschiedlicher könnten die Stimmungen am Bahnhof wohl kaum sein. Und während die einen hoffen, dass sie fliehen können, bevor der Krieg auch den Westen der Ukraine erreicht hat, hoffen die anderen auf Waffen und eine Beteiligung am Kampf. Während­dessen liegt der Rauch der mit Holz­scheiten beheizten Bahn­wagen über den Gleisen. Auch zwei Stunden vor Beginn der nächtlichen Ausgangs­sperre drängt sich zu Füßen der Jugendstil­kuppel immer noch eine Menschen­menge. Nach Einbruch der Dunkelheit stehen die Menschen weiter Schlange.

Mehr aus Politik

 
 
 
 
 
Anzeige
Empfohlener redaktioneller Inhalt

An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt von Outbrain UK Ltd, der den Artikel ergänzt. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen.

 

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unseren Datenschutzhinweisen.