„Wir haben sogar im eigenen Haus Angst“

El Príncipe in der spanischen Nordafrika-Exklave Ceuta – eine Stadt ohne Gesetz

Grenze zwischen Marokko und Ceuta

Grenze zwischen Marokko und Ceuta

Madrid. Man kann sich dem Viertel über Tripadvisor, dem Reiseportal, nähern. Da findet man ein malerisches Foto von El Príncipe vom September 2020 und dazu den Hinweis: „nicht ratsam, hinaufzugehen“. Oder man schaut sich eine Reportage auf Telecinco an: „Diebstähle und Raubüberfälle sind an der Tagesordnung“, oder eine auf Cuatro, einem anderen spanischen Fernsehsender: „An diesem Ort handeln praktisch alle jungen Leute mit Drogen“. Oder man liest eine Geschichte in El País von Nacho Carretero, einem gründlichen und ernsthaften Reporter und Buchautor, der einen Bewohner des Viertels zitiert: „Wir haben sogar im eigenen Haus Angst, ob uns nicht vielleicht eine verirrte Kugel trifft.“ Am Ende kann man noch einen Blick in die nationale Kriminalitätsstatistik werfen: 2012 war das letzte Jahr, in dem in Ceuta niemand ermordet wurde.

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Ceuta hat knapp 84000 Einwohner, etwa so viele wie Konstanz oder Worms, aber das Leben ist hier unruhiger. Meistens kommt Ceuta in die Schlagzeilen, weil um die Stadt eine der bestbewachten Außengrenzen der Europäischen Union verläuft, die immer wieder von Migranten berannt wird. Ceuta ist eine spanische Exklave an der nordafrikanischen Küste, umgeben (und für sich reklamiert) von Marokko. Knapp die Hälfte der Einwohner Ceutas sind marokkanischer Herkunft, und von denen leben etwa 11000 im Viertel El Príncipe. Ganz Spanien kennt El Príncipe spätestens seit der Fernsehserie gleichen Namens, die von 2014 bis 2016 auf Telecinco ausgestrahlt wurde (und danach in vielen Ländern der Welt, aber nicht in Deutschland). Darin ging es um Liebe und Verbrechen, vor allem um Drogenhandel, aber auch um Dschihadismus.

Nur 14 Kilometer bis zum europäischen Festland

Alles, was die Spanier über El Príncipe wissen, ist wahr, aber es ist natürlich nicht die ganze Wahrheit. Es gibt einen Alltag in El Príncipe, es gibt Tausende Familien, die aus ihrem Leben das Beste zu machen versuchen. Und es gibt Andere, die sie daran hindern. „Sie sind eine ausgesprochene Minderheit“, zitiert Nacho Carretero einen Lehrer aus dem Viertel. Doch die Minderheit hat die Mehrheit im Griff.

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Die Minderheit sind ein paar Dutzend Leute, eher Jungs als Männer, die sich um die lokale Herrschaft über den Drogenhandel streiten, viel Haschisch, ein wenig Kokain und ein wenig synthetische Drogen. Ceuta ist eigentlich kein guter Ort für den Drogenhandel: Der Zaun nach Marokko ist schwer zu überwinden, und es gibt noch nicht einmal eine Zollstation. Was Ceuta aber zu bieten hat, sind Leute – Spanier marokkanischer Herkunft –, die in zwei Welten zuhause sind: der marokkanischen und der spanischen. Marokko ist der größte Haschischanbauer der Welt, und von der nordmarokkanischen Küste sind es, an der schmalsten Stelle, nur 14 Kilometer über die Straße von Gibraltar nach Spanien und zum Rest Europas. Ein kurzer Transport, zumeist in kleinen Schnellbooten, der gerne von den jungen Männern aus Ceuta organisiert wird.

An der Grenze

Polizisten in der spanischen Exklave Ceuta versuchen marokkanische Trägerinnen mit Waren auf dem Rücken daran zu hindern, die Grenze zu überqueren.

Es ist alles wie im Film

Auf der eleganten Uferpromenade von Ceuta näherten sich an einem Julimorgen im Jahr 2013 zwei Männer einem Spaziergänger und feuerten sechs Schüsse auf ihn ab. Der Getroffene, bekannt als Tafa Sodia, starb auf der Stelle. Er war, in den Worten des damaligen Regierungspräsidenten der Exklave, „der Al Capone von Ceuta“. Sein Tod löste einen Bandenkrieg aus, der bis heute nicht beendet ist. Das bisher letzte Opfer dieses Krieges ist Dris Amar, Ende 30, Vater zweier Kinder, ein spanischer Soldat marokkanischer Herkunft, der am Montag vergangener Woche in der Garage seiner Wohnanlage erschossen wurde. Kollegen, Nachbarn und Freunden fiel nur Gutes zu Amar ein, weswegen anfangs alle von einem irrtümlichen Mord ausgingen. Es gibt andere Möglichkeiten: Ein jüngerer Bruder des Soldaten soll in die Bandenkonflikte verwickelt sein, vielleicht wurde Amar in einen Krieg hereingezogen, der nicht der seine war.

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Die Polizei nahm drei Männer als mutmaßliche Mörder fest. Es ist nicht so, dass die Polizei von Ceuta dem Treiben der Narcos tatenlos zusieht, aber sie ist überfordert. Gelegentlich wird sie bei Besuchen in El Príncipe von Steinhagel empfangen. Zeugen, die sie ausmacht, verweigern vor Gericht plötzlich die Aussage. Der Kontakt mit Informanten aus der Unterwelt bringt sie in den Verdacht der Kooperation mit den Kriminellen. Es ist alles wie im Film.

Die Leidtragenden sind die Bewohner von El Príncipe. Dort traut sich kein Erwachsener mehr, junge Leute zurechtzuweisen, sie könnten ja bewaffnet sein. Wer kann, zieht weg, und wer nicht kann, träumt davon. Nacho Carretero zitiert den Vater eines Zwölfjährigen: „Ich lasse ihn nicht allein raus. Ich selbst trinke schon lange keinen Kaffee mehr auf der Straße. Die meisten von uns haben Angst.“

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