Epidemiologe: Könnten mit Omikron den Schritt in die Endemie schneller machen

Epidemiologe Hajo Zeeb sieht in der Omikron-Variante des Coronavirus das Potenzial, Indikator für den Schritt in die Endemie zu sein.

Während in Südafrika die Fälle der neuen Corona-Variante Omikron wieder zurückgehen, zeichnet sich in Europa ein anderes Bild ab. Frankreich meldete am Mittwoch mit über 200.000 Neuinfektionen pro Tag einen neuen Europarekord. Die stagnierenden Zahlen in Deutschland sieht der Epidemiologe Hajo Zeeb vom Leibniz-Institut für Präventionsforschung und Epidemiologie in Bremen hingegen skeptisch. Im Interview mit dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND) spricht er über die neuen Corona-Maßnahmen zur Bekämpfung von Omikron, kürzere Quarantänezeiten und die kleine Hoffnung, die er in die neue Corona-Variante legt.

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Herr Zeeb, trauen Sie den aktuellen Corona-Zahlen gerade mit Blick auf die neue Omikron-Variante?

Es gibt dabei zwei Probleme: Einmal die Unsicherheit über die Feiertage. Die Zahlen jetzt sind sicher zu niedrig angegeben. Das liegt am Meldeverzug. Ein Problem, dass wir auch im vergangenen Jahr zu dieser Zeit hatten. Zum anderen entspricht meiner Ansicht nach die Anzahl der angegebenen Omikron-Fälle nicht der Realität, da wir nicht umfassend genomsequenzieren. Omikron dürfte schon einen größeren Teil der gesamten Neuinfektionen pro Tag ausmachen. Das heißt, ich traue den Zahlen nur bedingt und nehme sie eher als Indikation, was unterliegende Trends sein könnten – aber wirklich nicht mehr.

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Reichen die seit Dienstag geltenden strengeren Corona-Maßnahmen gegen das aktuelle Infektionsgeschehen?

Bei den Maßnahmen geht es ja wie immer nur darum, das, was wir jetzt von Omikron erwarten, zu verzögern, damit das Infektionsgeschehen handhabbar bleibt. Vor allen Dingen für das Gesundheitssystem, aber auch für die anderen Systeme. Dort soll es nicht zu einer Überwältigung kommen, und das kann schon gelingen durch die Maßnahmen. Die Omikron-Variante grassiert in unseren Nachbarländern, es gibt keinen Grund, warum das Virus um Deutschland einen Bogen machen sollte. Auch in der Menge der Neuinfektionen. Die Zahlen gehen auch hier demnächst rapide nach oben. Meine Hoffnung ist, dass schon länger geltende Maßnahmen und jetzt neu dazugenommene, den Anstieg an Neuinfektionen nicht ganz so steil werden lassen. Die Maßnahmen sind also gerechtfertigt, und man spürt ja auch mehr und mehr, dass die Menschen wieder vorsichtiger werden. Niemand möchte sich in dieser Phase der Pandemie noch anstecken.

Epidemiologe Hajo Zeeb vom Leibniz-Institut für Präventionsforschung und Epidemiologie in Bremen

Epidemiologe Hajo Zeeb vom Leibniz-Institut für Präventionsforschung und Epidemiologie in Bremen

Wir kennen die Omikron-Variante erst recht kurz. Es gibt bereits unterschiedlichste Studien. Neueste besagen, dass die bisherigen Antikörper gegen das Coronavirus bei Omikron nicht mehr ausreichen könnten, auch gibt es vermehrt Informationen über unzuverlässige Schnelltests. Sind wir jetzt technisch wieder bei null in der Pandemiebekämpfung?

Ganz so dramatisch sehe ich es nicht. Durch Omikron wird es jetzt überall wieder etwas schwieriger, da wir jetzt eine Corona-Variante haben, die allein schon bei den Proteinen auf der Hülle anders aussieht als Varianten zuvor. Jedoch wirken die Impfungen und die Grundimmunität weiter partiell. Die PCR-Tests sind weiter gut. Richtig ist, dass es bei den Schnelltests ein differenzielles Bild gibt. Die meisten Schnelltests scheinen gut zu funktionieren. Man muss aber auch sagen, dass andere dagegen komplett ausfallen. Tatsächlich sind wir nicht bei null, allerdings sind wir ein Stück zurückgeworfen. Die gute Nachricht bei Omikron ist aber, dass sich diese Variante klinisch anders verhält und nach aktueller Datenlage einen etwas milderen Verlauf hat als Vorgängervarianten.

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Gesundheitsminister Lauterbach sagte zuletzt, dass spätestens im März die Ungeimpften entweder geimpft, genesen oder gestorben seien. Das klingt so, als habe man im März in Deutschland die sogenannte Herdenimmunität erreicht. Braucht es dann überhaupt noch die viel diskutierte Impfpflicht?

Das ist eine Diskussion, die sehr spannend ist und die jetzt auf uns zukommen wird. Bei der Omikron-Variante sieht man bislang, dass sie sehr schnell durch die Bevölkerung läuft. In Südafrika gab es einen extrem schnellen Anstieg der Neuinfektionen, der ist jetzt schon wieder auf dem Weg nach unten. Selbst in Großbritannien scheint es so zu sein, dass es sehr schnell gipfelt, aber nicht lange bleibt. Diese Erkenntnisse könnten gegen die Annahme sprechen, dass sich am Ende alle mit der Omikron-Varinate infiziert haben werden. Das kann an einer schon vorhandenen Immunität in der Bevölkerung liegen. Ich gehe aktuell davon aus, dass wir mit Omikron den Schritt in die Endemie schneller machen können. Jetzt gilt es abzuwarten, ob es auch in Deutschland nach dem Peak an Neuinfektionen auch wieder so schnell nach unten geht wie in den anderen Ländern.

Heißt das, Omikron könnte vielleicht zum Glücksfall in dieser Pandemie werden?

Das Wort vielleicht ist hier entscheidend. Es ist aber tatsächlich so, dass von den Viren, die wir bisher hatten, wir bei Omikron in der Situation sind, dass wir relativ milde klinische Situationen beobachten bei hoher Infektiosität. Das sind typischerweise Merkmale für einen Virus, mit dem wir gut leben können als Menschen. Wir haben sonst auch viel mit Viren zu tun, die in etwa derart agieren, dass sie uns nicht in großem Stil krank machen. Wenn sich Omikron da einreiht, wäre das nicht das Schlechteste.

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In dem Zuge wird jetzt auch über die Länge der Quarantänepflicht diskutiert. Eine Verkürzung steht im Raum. Soll hier die Wirtschaft geschützt werden, oder gibt es dafür auch aus Sicht von Virologen gute Gründe?

Noch sehe ich nicht den zwingenden Anlass, sich wegen der Omikron-Variante in der Frage nach der Quarantäne grundsätzlich anders zu verhalten, als wir es bislang getan haben. Mit einem negativen Test den Nachweis zu erbringen, dass man keine Virenlast mehr hat, das halte ich wiederum für sinnvoll, auch schon nach etwa sieben Tagen. Das ist ein Mittelweg, den man da gehen kann. Abraten würde ich vom Vorgehen der USA, die jetzt komplett auf Selbsteinschätzung ohne negativen Testnachweis setzt. Es ist zu wagemutig, es dem Einzelnen zu überlassen, die eigene Infektiosität einzuschätzen und Symptome zu beurteilen.

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