Rede im Bundestag

Israels Staatspräsident Herzog: Deutschlands Erfolg beruht auf seiner Erinnerungskultur

Israels Staatspräsident Isaac Herzog bei seiner Rede im Deutschen Bundestag im Rahmen seines Staatsbesuchs in Deutschland.

Israels Staatspräsident Isaac Herzog bei seiner Rede im Deutschen Bundestag im Rahmen seines Staatsbesuchs in Deutschland.

Berlin. Die vertraulichen Gesten sind nicht einstudiert, nicht aufgesetzt, sondern offensichtlich echt. Denn die Kameras und der Plenarsaal sind fern und außer Sichtweite, als der israelische Staatspräsident Izchak Herzog nach seiner emotionalen und zugleich hochaktuellen Rede vor dem Bundestag an der Seite des Bundespräsidenten nach draußen läuft, tief durchatmend, lächelnd, und dann die Hand auf den Rücken von Frank-Walter Steinmeier legt und ihm mehrfach freundschaftlich über die Schulter streicht. Drinnen applaudieren noch die Abgeordneten, und auch Steinmeier lächelt.

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„Die Vergangenheit kann man nicht überbrücken“

Herzog hat an diesem Dienstag als fünfter Staatspräsident Israels im Bundestag gesprochen, und wie jede der vorherigen Ansprachen war auch seine etwas Besonderes. Das beginnt schon damit, dass nur wenige Gäste in diesem Haus vom gemeinschaftlichen stehenden Applaus aller Anwesenden begrüßt werden, so wie der israelische Präsident an diesem Morgen.

„Die Vergangenheit kann man nicht überbrücken, die Zukunft jedoch gehört uns beiden“, sagt Herzog nun im Bundestag unter dem Applaus des Plenums.  Einen weiteren einmaligen Moment erzeugte er, als er alle Abgeordneten und alle Gäste um ein gemeinsames Gebet bittet – und sich der gesamte Saal erhebt, um gemeinsam für die Seelen der sechs Millionen ermordeten Juden zu beten.

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Israels Staatspräsident Herzog am Brandenburger Tor

Herzog und seine Frau wurden am Wahrzeichen Berlins von der regierenden Bürgermeisterin Giffey empfangen.

Das zeigt, dass sich alle Fraktionen des besonderen Verhältnisses zwischen Deutschland und Israel bewusst sind, das Steinmeier jüngst als „Geschenk“ an die Deutschen bezeichnet hatte: Vom „Wunder der Versöhnung“ hatte der Bundespräsident gesprochen, als er im November in New York mit der Leo-Baeck-Medaille ausgezeichnet wurde, für seinen Einsatz für jüdisches Leben in Deutschland.

Herzog betont nun im Bundestag, dass die Versöhnung weder auf Vergessen, noch auf Vergebung beruht: „Die Geschichte der Menschheit kennt kein Beispiel für die von den Nazis und ihren Helfern begangenen Taten zur Vernichtung des jüdischen Volkes“, sagt der Israeli.

Er zitiert seinen Vater Chaim Herzog, der 1945 als britischer Offizier an der Befreiung des Vernichtungslagers Bergen-Belsen beteiligt war und 1987 selbst als israelischer Staatspräsident Deutschland besucht hatte: „Kein Vergeben bringe ich, kein Vergessen“, hatte er damals gesagt. „Nur die Toten haben das Recht zu vergeben. Die Lebenden haben kein Recht zu vergessen.“ Zum Abschluss seines Staatsbesuchs besucht der Sohn dann am Dienstagnachmittag selbst die KZ-Gedenkstätte, gemeinsam mit Steinmeier.

Israels Präsident Izchak Herzog (2.v.l.), Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier (3.v.l.) reden auf dem Gelände der Gedenkstätte Bergen-Belsen im Landkreis Celle mit ihren Ehefrauen Michal Herzog (l) und Elke Büdenbender (r). Im April 1945 befreiten britische Truppen das Konzentrationslager Bergen-Belsen, in dem über 52 000 Menschen starben.

Israels Präsident Izchak Herzog (2.v.l.), Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier (3.v.l.) reden auf dem Gelände der Gedenkstätte Bergen-Belsen im Landkreis Celle mit ihren Ehefrauen Michal Herzog (l) und Elke Büdenbender (r). Im April 1945 befreiten britische Truppen das Konzentrationslager Bergen-Belsen, in dem über 52 000 Menschen starben.

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Im Bundestag würdigt er zugleich Deutschlands Beitrag zur Erinnerung an die Opfer des Nationalsozialismus: „Der ehrenwerte Status, den das demokratische Deutschland in der Völkerfamilie genießt, der es zu einem der wichtigsten Anführer der freien Welt werden ließ“, beruhe sowohl auf der Verpflichtung der Vergangenheit gegenüber als auch der Zukunft der Menschheit gegenüber, sagt er.

Als Beispiel nennt er den deutschen Sozialstaat, in dem die Sorge um die Schwachen zu einer beeindruckenden Infrastruktur gegossen worden sei. Deutschland beweise zudem, dass es der Erinnerungskultur und dem Gedenken erhebliche Anstrengungen widmet.

Herzog bezieht in dieses Lob auch seinen Dank für die Gedenkveranstaltung am Vortag ein, als sich Steinmeier als erster deutscher Spitzenpolitiker für die Mitschuld der Bundesrepublik am Ausmaß des Münchner Olympia-Attentats von 1972 sowie für deren nachträgliche Vertuschung und den unwürdigen Umgang mit den Hinterbliebenen entschuldigte.

Bärbel Bas, Bundestagspräsidentin, bei der Sonderveranstaltung aus Anlass der Ansprache des israelischen Staatspräsidenten Isaac Herzog.

Bärbel Bas, Bundestagspräsidentin, bei der Sonderveranstaltung aus Anlass der Ansprache des israelischen Staatspräsidenten Isaac Herzog.

Nicht nur Herzog und Steinmeier wissen, dass der Staatsbesuch Herzogs und die Rede im Bundestag um ein Haar ganz andere Töne enthalten hätte – wenn nämlich die Einigung mit den Hinterbliebenen auf Entschädigung und Aufklärung nicht in letzter Minute gelungen wäre.

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Beifall erhält der israelische Präsident, als zum kompromisslosen Einsatz gegen Rassismus und Antisemitismus aufruft. Das hatte zuvor auch Bundestagspräsidentin Bärbel Bas (SPD) in ihrer Begrüßungsrede getan: „Antisemitismus ist nicht nur ein Problem der Vergangenheit. Nicht nur ein Problem der anderen, der Extremisten. Antisemitismus ist mitten unter uns, in der Mitte unserer Gesellschaft.“

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Sie erhielt Beifall, als einen neuen Anlauf zur Einrichtung eines deutsch-israelischen Jugendwerks versprach. Beschlossen hatte der Bundestag das bereits 2018, seither ist jedoch nicht viel passiert.

Herzog allerdings bezieht in seinen Aufruf auch das iranische Regime ein: Finstere, hasserfüllte, vom Iran angeführte Kräfte bedrohten aktuell den Staat Israel und die gesamte Weltordnung, warnt er. Es sei notwendig, „entschieden und hart“ gegen die Entwicklung iranischer Atomwaffen vorzugehen.

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