Jahreswechsel 2021/2022: Es ist zum Decke-über-den-Kopf-Ziehen

Eine Frau steht an der Ostseeküste in Mecklenburg-Vorpommern. Viele Wolken sorgen für trübes Wetter im Norden – auch der Jahreswechsel sorgt oft für Trostlosigkeit.

Berlin. Das Jahr 536 war viel schlimmer, sagt der US-Historiker Michael McCormick. Monatelange Dunkelheit nach einem Vulkanausbruch, ein drastischer Temperatursturz mit all seinen Folgen – wenn es ein Szenario der Trostlosigkeit gibt, das wäre in der Tat eine passende Kulisse.

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Aber man muss gar nicht 1500 Jahre zurückgehen: Krieg, Hunger, Verfolgung, all das ist nicht so lange her in Deutschland. Angst und Einschränkung können ganz andere lebensbedrohliche und vernichtende Dimensionen erreichen.

So viel zu den Vergleichen. Sie können helfen, Beschwernisse in Relation zu setzen. Aber das gelingt nicht immer: Das eigene Leben geschieht ja jetzt und in der Zukunft, und da gibt es die ganz eigenen, ganz aktuellen Gründe für Frust, Erschöpfung und Verzweiflung, von persönlichen Schicksalsschlägen bis zum Blick auf die Weltlage.

Verlängerte Ausnahmesituation

Und die macht es zu diesem Jahreswechsel leicht, in Trübsinn zu verfallen. 2021 war ein politisch und gesellschaftlich strapaziöses Jahr, eine Ausnahmesituation in der Verlängerung. Das Coronavirus, dieses winzige Ding in Form eines Massageballs, hat dafür gesorgt, dass das Land immer wieder an den Rand eines kollektiven Nervenzusammenbruchs zu kommen scheint.

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Es hat offengelegt, an welchen Stellen das Land nicht funktioniert: schleppende Digitalisierung, ein unter dem schönfärberischen Begriff Optimierung heruntergespartes Gesundheitswesen. Der Streit ums Impfen hat Freunde und Familien entzweit. Die Politik schlingert durch Entscheidungen, in einer Mischung aus verständlicher Unsicherheit und hoffnungsgetriebener Naivität.

Es gibt so viele Verliererinnen und Verlierer: die Kinder, die Alten, die Kranken ganz vornedran. Demokratiefeinde versuchen das Thema lautstark für ihre Zwecke zu kapern.

Und da haben wir ja noch gar nicht über die anderen Megathemen gesprochen: die gefährliche Zuspitzung zwischen Russland und der Ukraine, das Abdriften der Republikaner in den USA, das Elend im Afghanistan der Taliban sind nur Beispiele.

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Hiobsbotschaft fürs Klima

Der Klimawandel nimmt keine Rücksicht auf die Pandemie. Der neue Wirtschaftsminister Robert Habeck hat gerade die Hiobsbotschaft verbreitet, Deutschland werde die Klimaziele in den nächsten beiden Jahren verfehlen. Das ist nicht nur realistisch und strategisch nachvollziehbar: Gleich zu Beginn der Amtszeit, wenn noch gut auf die Vorgängerregierung gedeutet werden kann, Erwartungsmanagement betreiben. Aber in die graue Zeit passt es auch.

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Im neuen Jahr geht es gleich so weiter: Die erste Woche schon bringt die erste Ministerpräsidentenkonferenz, und es lässt sich davon ausgehen, dass die Corona-Maßnahmen weiter verschärft werden. Es ist zum Decke-über-den-Kopf-Ziehen.

Der Blick aufs Positive

Wenn man da allerdings kurz zur Ruhe kommt, lohnt ein Blick aufs Positive. Nach der Bundestagswahl hat es einen sehr ruhigen Regierungswechsel gegeben, auf 16 Jahre Angela Merkel folgt keine politische Instabilität. Die neue Regierung ist, anders als die letzte, kein energiearmes Notbündnis, sondern eine, die mit Gestaltungslust startet.

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Es gibt Impfstoffe gegen Corona, sie sind weit schneller da gewesen als erwartet, und dass es da doch ein paar Pikse mehr braucht, ist nun wirklich kein Drama. Der größte Teil der Gesellschaft zeigt sich solidarisch, auch wenn es oft sehr viel Kraft kostet. Und auch wenn nicht wenige ihren Job, ihre Existenzgrundlage verloren haben – insgesamt ist die Wirtschaft stabil geblieben.

Es mag nichts ändern am Ohnmachtsgefühl von Pflegern, von Eltern, von Hinterbliebenen, von Kranken, von all denen, denen ihre Pläne und ihre Gewissheiten gerade zwischen den Fingern zerrinnen. Der Himmel hat sich zugezogen, aber er ist nicht auf immer dunkel. Wir schaffen das 2022, zusammen.

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