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Pressefreiheit in Russland

CNN-Reporter Fred Pleitgen: „Der Informationskrieg wird verbissen geführt“

CNN-Reporter Frederik Pleitgen war als einer der ersten Journalisten in Butscha bei Kiew, wo die russische Armee ein Massaker verübt hatte.

CNN-Reporter Frederik Pleitgen war als einer der ersten Journalisten in Butscha bei Kiew, wo die russische Armee ein Massaker verübt hatte.

Frederik Pleitgen, 46, ist Krisen- und Auslandskorrespondent sowie Moderator beim US-Nachrichtensender CNN, seit 2015 als Senior International Correspondent mit Sitz in London und Berlin. Der gebürtige Kölner hat in den Hauptstadtstudios von ZDF und RTL gearbeitet, war bis 2006 sechs Jahre lang Reporter für n-tv und wechselte dann zu CNN. Für den US-Kanal berichtete aus Irak, Pakistan und 2011 vom Umsturz in Ägypten, später von den Bürgerkriegen in Libyen und Syrien und vertrat CNN-Legende Christiane Amanpour als Moderator.

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Gerade war Pleitgen sechs Wochen als Kriegsreporter in der Ukraine unterwegs, vor allem im Westen des Landes und rund um Kiew. Er zählte zu den ersten Reportern, die von der russischen Besetzung von Tschernobyl sowie vom Massaker in Butscha berichtet haben. Den Kriegsbeginn hatte er von Russland aus an der Grenze zur Ukraine verfolgt.

Herr Pleitgen, Sie haben über den Krieg von Russland aus und vor allem aus der Ukraine berichtet. Wie frei können Sie dabei arbeiten?

Wenn man von der grundsätzlichen Frage der Sicherheit absieht, kann man aus der Ukraine wesentlich freier berichten. Da gab es aufgrund der Kriegslage zwar gewisse Einschränkungen, wohin man fahren durfte. Aber Russland ist wesentlich restriktiver: Wenn man nicht mehrere Genehmigungen hat, kann man nirgendwo stehen, ohne sofort große Schwierigkeiten zu bekommen. Hinzu kommt das neue Mediengesetz in Russland, durch das man sehr schnell Probleme kriegt, wenn den Behörden nicht gefällt, was man berichtet.

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Sie davon auch Sie als CNN betroffen?

Die Behörden haben uns explizit gesagt, dass das Gesetz auch für Ausländer gilt, die in Russland arbeiten. Allein das ist ein großes Risiko für unsere Korrespondenten und Mitarbeiter. Noch gab es keinen konkreten Ärger – aber wir haben auch viele unserer Leute erst einmal abgezogen. Immerhin: Schon bei Kriegsbeginn konnten wir zwar noch relativ viel davon filmen, wie die Panzer die Grenze überquerten, aber mit Behörden oder Militärs zu reden, ging überhaupt nicht. Und als dann das Gesetz kam, haben uns vor allem russische Kollegen, die unabhängig berichten, dringend geraten, vorsichtig zu sein.

Wie gehen die russischen Kollegen damit um?

Viele russische Kollegen, die ich kenne, haben das Land bereits verlassen – allein aus der Angst, wegen der neuen Regeln hops genommen zu werden. Einige hatten auch schon Ärger mit den Behörden. Es herrscht auf jeden Fall ein Klima, in dem Journalisten klar ist, dass ihre Arbeit gefährlich ist. Viele unabhängige Medien haben ihre Arbeit deshalb schon eingestellt.

Was heißt das für die informierte Öffentlichkeit? Findet, wer will, genug im Internet, um sich neutral zu informieren?

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Es ist ein so großer Aufwand, sich unabhängig und über anonyme Server zu informieren, dass viele Russen derzeit wohl vor allem von den Staatsmedien berieselt werden. Entsprechend vorherrschend ist die offizielle Propaganda – zumal die ja nicht nur übers Staatsfernsehen stattfindet, sondern längst auch in großem Maße über das Internet bis hin zu Messengerdiensten wie Telegram. Dort versuchen sich viele Russen, unabhängig von staatlichen Medien zu informieren, gegen die es durchaus großes Misstrauen gibt. Aber gerade deshalb ist die russische Regierung mit ihren Sendern und Agenturen auch massiv dort präsent. Zugleich kenne ich viele Russen, die sich bei unabhängigen Medien informieren – dann aber ihre Meinung nicht öffentlich sagen, weil die Behörden gerade sehr aggressiv dagegen vorgehen.

Haben Sie selbst schon Erfahrungen damit gemacht?

Ja, als wir aus Butscha von den vielen Leichenfunden berichtet haben, hat die russische Regierung sehr wütend reagiert. Dass solche Informationen den Weg in die Welt finden oder sich in Russland selbst verbreiten, will man unbedingt verhindern. Wir haben gespürt, wie verbissen dieser Informationskrieg geführt wird.

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Auch die ukrainische Regierung hat ein Interesse an der Veröffentlichung bestimmter Bilder – und will manches eher nicht in den Medien sehen. Wie verhindern Sie es, mit CNN Teil von deren Propaganda zu werden – etwa, indem sie an bestimmten Orte drehen dürfen und an anderen nicht?

Es gab kaum Orte in der Ukraine, die sicher waren und in die wir trotzdem nicht fahren durften. An einige Orte durften wir nach dem Abzug der Russen nicht, weil es dort noch zu gefährlich war oder wegen strategischer Militärobjekte. Aber das ist eine ganz andere Ebene von Einschränkung als in Russland. Man merkt es schon daran, wie einfach der Zugang zur Front für westliche Journalisten auf der ukrainischen Seite ist, verglichen zur russischen Seite. Aus russisch besetzten Gebieten – nehmen Sie Mariupol oder die Orte in der Ostukraine – darf kein Sender frei berichten.

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Selbst wenn die Ukrainer uns aus Sicherheitsgründen mal eskortieren müssen: Einfluss auf die Auswahl unserer Drehorte oder Interviewpartner nehmen sie nie. Klar: Auch die Ukraine ist ihrerseits in einem Informationskrieg. Aber man merkt, dass deren Grundsatz ist, die Presse frei arbeiten zu lassen. Als ich damals zum Beispiel in Syrien mit der russischen Armee unterwegs war, wollten die mir am liebsten vorschreiben, wem ich welche Fragen stelle.

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Wie reagiert die Zivilbevölkerung auf westliche Journalisten?

Meistens sind die Menschen sehr froh, uns zu sehen – gerade im arabischen Raum. Natürlich trifft man derzeit etwa in Russland auch auf Skepsis gegenüber westlichen Journalisten – aber ich habe den Eindruck, dahinter steckt auch die Angst vor Ärger mit den eigenen Behörden, wenn man mit uns redet. Aber auch wenn die Menschen manchmal sauer auf den Westen oder die USA sind – im Großen und Ganzen reden sie gern mit uns. Selbst wenn die Lage angespannt ist, zum Beispiel nach einem US-Drohnenangriff, ist keiner auf uns losgegangen.

... anders als auf den Wahlkampfveranstaltungen von Donald Trump in den USA, wo Ihre CNN-Kollegen beschimpft oder sogar angegriffen wurden. Sogar als Präsident hat Trump CNN zum Feindbild erhoben, als Volksfeinde beschimpft, dem CNN-Korrespondenten Jim Acosta die Akkreditierung fürs Weiße Haus entzogen. Wie sportlich haben Sie das gesehen?

In gewissen Situationen haben sich viele Menschen durchaus Sorgen um die Pressefreiheit an sich gemacht. Aber die Kollegen haben darauf reagiert, indem sie umso professioneller weitergearbeitet haben. Dass CNN-Leute tätlich angegriffen oder drangsaliert worden sind, waren eher Einzelfälle.

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Aber es ist ja kein Geheimnis: Weit über CNN hinaus fand man es sehr bedenklich, dass Trump das in seinen Reden immer wieder angefacht hat – gerade das wurde als Druck auf die Medien gesehen. Es führte aber auch dazu, dass sich viele dagegengestemmt haben – und zu großer Solidarität von anderen Medien. Das hat in den USA seit den 1960er-Jahren Tradition: Die Medien konkurrieren zwar – aber wenn die Pressefreiheit angegriffen wird, halten wieder alle zusammen.

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RND/sgey.

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