Microsoft befürchtet schwere Cyberattacken

Warnung vor Russlands Cyberoffensive im Winter: Plant Putin den nächsten Großangriff auf die Infrastruktur?

Im Angriffskrieg gegen die Ukraine nutzt Russland auch Cyberattacken gegen ukrainische Behörden und Unternehmen.

Im Angriffskrieg gegen die Ukraine nutzt Russland auch Cyberattacken gegen ukrainische Behörden und Unternehmen.

Der US-Techriese Microsoft hat vor einer großen Welle russischer Cyberattacken auf zivile Infrastruktur in der Ukraine und der westlichen Verbündeten gewarnt. Russland habe in den vergangenen Wochen seine Vorbereitungen intensiviert, um Druck auf Kiews militärische und politische Unterstützer im In- und Ausland auszuüben, so Clint Watts von Microsofts Analysezentrum für digitale Bedrohungen. Russland verfolgt den Ansatz, mit „zerstörerischen Raketen- und Cyberangriffen auf die zivile Infrastruktur in der Ukraine, Cyberangriffen auf die Lieferketten im Ausland und cybergestützter Propaganda die Hilfe von USA, EU und Nato für die Ukraine zu untergraben“.

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Vor allem zu Beginn des Krieges zählten Cybersicherheitsexperten eine ganze Reihe schwerwiegender Angriffen auf die ukrainische Infrastruktur. „Damals gab es viele Versuche, Daten von Unternehmen und Regierungsbehörden komplett zu löschen“, sagt Mischa Hansel, Experte für internationale Cybersicherheit am Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik der Universität Hamburg. „Die Auswirkungen russischer Cyberattacken gegen die Ukraine waren aber weniger gravierend, als viele erwartet hatten“, so der Experte im Gespräch mit dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND). Der Großteil der Cyberangriffe sei vereitelt worden. „Die Ukraine ist in der Cyberabwehr extrem stark“, erklärt Hansel.

Wir sehen ein klares Muster, gegen wen sich die Angriffe richten. Seit Beginn des Krieges sind vor allem Staaten von Cyberangriffen aus Russland betroffen, die Sanktionen gegen Russland verhängt haben oder Waffen an die Ukraine liefern.

Mischa Hansel,

Cybersicherheitsexperte am Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik der Universität Hamburg

Jahrelange internationale Hilfe, darunter auch von Microsoft, ist nur einer der Gründe für die gute Abwehr von Cyberattacken der Ukraine. In der Vergangenheit waren die ukrainischen Sicherheitsbehörden nicht immer erfolgreich. Im Dezember 2015 brach die Stromversorgung in Teilen der Ukraine infolge von Hackerangriffen zusammen. 700.000 Menschen waren im Südwesten des Landes über Stunden vom Stromnetz abgeschnitten. „Dadurch hat die Ukraine die Möglichkeit gehabt, aus den Angriffen zu lernen und Cybersicherheit zu priorisieren“, erklärt Experte Hansel. Die Ukraine sei weltweit vermutlich einer der am besten vorbereiteten Staaten auf Cyberoperationen im Rahmen eines Krieges und könne sich deshalb auch heute gut wehren.

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Seit Beginn des russischen Vernichtungskriegs gegen die Ukraine haben mit dem russischen Militärgeheimdienst verbundene Hackergruppen immer wieder ukrainische Behörden und Unternehmen attackiert. Die Angriffe fokussieren sich laut Microsoft auf die kritischen Branchen Energie und Wasser. „Von den rund 50 ukrainischen Organisationen, die russische Militärdienste seit Februar 2022 mit zerstörerischer Malware angegriffen haben, gehören 55 Prozent zur kritischen Infrastruktur“, so Microsoft.

Cyberangriffe sind seit Jahren Teil der russischen Kriegsführung, aber nicht immer das bessere Mittel. Dies zeigt sich laut Experte Hansel bei den Luftangriffen Russlands, die in dieser Woche erneut ukrainische Städte zerstört haben. „Russland kann mit Raketen gerade leichter und effektiver kritische Infrastruktur zerstören als mit Cyberattacken“, sagt er. Das sei einer der Gründe, warum man derzeit wohl nicht das volle Arsenal an Cyberoperationen sehe. „Russland hat seine Fähigkeiten bisher noch nicht voll ausgespielt.“

Das könnte sich laut Microsoft aber in den nächsten Wochen ändern. Der Techkonzern rechnet damit, dass Russland eine große Welle Cyberangriffe für diesen Winter vorbereitet. Es gehe nicht bloß um eine Fortsetzung der Cyberoffensive gegen ukrainische Infrastruktur, sondern auch Nato-Länder könnten zum Ziel werden. Cybersicherheitsexperte Hansel beobachtet, dass inzwischen die einfachen Cyberattacken gegen den Westen zunehmen. Es sei ein klares Muster zu erkennen, gegen wen sich die Angriffe richten: „Seit Beginn des Krieges sind vor allem Staaten von Cyberangriffen aus Russland betroffen, die Sanktionen gegen Russland verhängt haben oder Waffen an die Ukraine liefern.“

Schwere Angriffe gab es nur selten – wie den Angriff auf den satellitengestützten Internetdienst Viasat, der auch in der Ukraine häufig genutzt wird. Damals konnten auch deutsche Windkraftanlagen nicht mehr aus der Ferne gewartet werden. Dass Russland offenbar Auswirkungen solcher Angriffe auf Nato-Länder billigend in Kauf nimmt, hat viele Fachleute überrascht. „Einen weiteren Angriff gab es im Oktober auf polnische Logistikunternehmen, die möglicherweise humanitäre Hilfe und Waffen in die Ukraine transportiert haben“, sagt Hansel.

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Außenministerin Annalena Baerbock warf dem russischen Präsidenten bei einem Nato-Treffen in Bukarest vor, gezielt die ukrainische Infrastruktur zu zerstören.

Microsoft geht davon aus, dass dieser Angriff nur ein „Vorbote“ sein könnte und Russland die Cyberangriffe auf Länder und Unternehmen ausdehnen wird, die in diesem Winter die Ukraine mit lebenswichtigen Hilfsgütern und Waffen versorgen. Dass sich der Westen davon beeindrucken lässt und dieses Kalkül aufgeht, gilt allerdings als fraglich. Größere Cyberangriffe auf westliche Staaten könnte die Unterstützung für die Ukraine nur noch mehr stärken, meint Hansel. „Statt Einschüchterung könnten wir den umgekehrten Effekt sehen.“

Wenn Russlands Präsident Wladimir Putin durch immer neue Kriegsniederlagen um sein politisches Überleben fürchtet, könnte auch die Zahl großer Cyberattacken zunehmen. „Er könnte vermehrt Infrastruktur in Nato-Ländern angreifen“, so Hansel, um Reaktionen zu provozieren und im eigenen Land zu behaupten, der Westen führe einen Krieg gegen Russland. Diese Behauptungen versucht der Kreml offenbar schon jetzt in seiner Propaganda einfließen zu lassen. Der gesamte Westen habe einen Krieg gegen Russland losgetreten, behauptete jüngst der russische Außenminister Sergej Lawrow, und versuchte von der Rolle Russlands als Aggressor abzulenken. Die russische Propaganda im Internet wird alles daran setzen, fürchtet Microsoft, um mit diesen und weiteren Narrativen besonders Deutschland von einer weiteren Unterstützung der Ukraine abzuhalten.

Schon jetzt ist der Einfluss der russischen Propaganda laut einer Analyse des Onlinenachrichtenverkehrs in Deutschland so hoch wie nirgendwo sonst in Westeuropa. Nach Berechnungen von Microsoft werden hierzulande dreimal so viel russische Propaganda verschickt und dreimal so häufig deutschsprachige Propagandawebseiten aufgerufen wie im europäischen Durchschnitt. Eine Änderung ist nicht in Sicht, glauben die Fachleute von Microsoft. Russland werde seine Propagandamaßnahmen auch in diesem Winter weiter auf Deutschland konzentrieren.

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