Psychologin über Verschwörungserzählungen: „Das gesellschaftliche Gedächtnis in Deutschland hat große Schwächen“

Protestierer rangeln mit Polizisten bei einer Demonstration gegen Corona-Maßnahmen in Bautzen. Spaltet die Corona-Pandemie die Gesellschaft? Die Psychologin Pia Lamberty sagt: Nein.

Berlin. Frau Lamberty, wie geht es unserer Gesellschaft gerade?

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Die Gesellschaft leidet unter der Pandemie – auf verschiedenen Ebenen. Es gibt ein gestiegenes Aggressionspotenzial, sowohl im digitalen Raum als auch im Alltag. Das bereitet mir große Sorge. Betroffen sind vor allem die, die Corona-Schutzmaßnahmen umsetzen müssen, sei es in Supermärkten, Apotheken oder in der Bahn.

Immer wieder kommt es zu Beleidigungen, Bedrohungen und Übergriffen. Das hat auch Einfluss darauf, wie wir insgesamt mit der Pandemie umgehen: Menschen trauen sich etwa nicht mehr, andere auf die Maskenpflicht hinzuweisen. Eine kleine Gruppe schafft es so, die gesellschaftliche Mehrheit zu beängstigen und Diskurse stark zu beeinflussen.

Macht die Corona-Pandemie uns nicht nur körperlich, sondern auch psychisch kränker als zuvor?

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Ja, viele Studien zeigen die negativen Auswirkungen dieser Pandemie auf die psychische Gesundheit. Besonders Angsterkrankungen und Depressionen verstärken sich. Die Pandemie ist noch längst nicht vorbei, aber die Pandemiemüdigkeit nimmt zu. Frühere Studien haben gezeigt, dass Pandemien und Epidemien auch langfristige Konsequenzen haben und Gesellschaften instabiler werden lassen.

Ist es die verstärkte Einsamkeit, die die Pandemie so gesundheitsgefährdend macht?

Da kommt verschiedenes zusammen. Eine große Rolle spielt der objektive Kontrollverlust, den wir alle erleben. Niemand weiß, was als Nächstes passiert. Noch vor einem Jahr dachte man, mit den Impfungen hätte sich das bald alles erledigt. Viele Zeitungsartikel beschäftigten sich bereits im Sommer mit dem Ende der Pandemie, und manche wollten einen Freedom Day ausrufen.

Und dann kommen plötzlich neue Mutationen, die alles noch mal verändern. Das Bedürfnis nach Kontrolle über das eigene Leben ist ein grundlegender psychologischer Mechanismus. Wenn es nicht erfüllt wird, führt das zu mehr Angst, mehr Depression und auch zu einem zunehmenden Glauben an Verschwörungen.

Pia Lamberty ist Psychologin und Geschäftsführerin des Center für Monitoring, Analyse und Strategie (Cemas).

Pia Lamberty ist Psychologin und Geschäftsführerin des Center für Monitoring, Analyse und Strategie (Cemas).

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Hätte die Politik offener mit den Unsicherheiten umgehen müssen?

Ich glaube, dass absolute Aussagen generell nicht hilfreich sind, wenn es darum geht, Vertrauen zu bilden: Es wird nie wieder einen Lockdown geben, wir werden niemals eine Impfpflicht einführen, wenn geimpft wird, ist die Pandemie vorbei. Das sind Aussagen, die keine Sicherheit vermitteln, sondern eher Misstrauen schüren.

Das Vertrauen der Bevölkerung in die Politik ist in den letzten Monaten stark zurückgegangen – auch bei geimpften Menschen. Viele haben auch eine langfristigere Planung vermisst. Impfzentren wurden ab- und dann wieder aufgebaut, auch bei den Schutzmaßnahmen gab es ein Hin und Her. So verliert man die Menschen. Es wird sich zeigen, wie die neue Regierung hier vorgeht.

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Wenn es um Themen wie eine allgemeine Impfpflicht geht, ist häufig von Polarisierung die Rede. Leben wir in einer gespaltenen Gesellschaft?

Hinter dem Gedanken einer gespaltenen Gesellschaft steckt das Ideal, dass alle zusammenhalten und an einem Strang ziehen. Das ist aber eine Illusion, eine völlig zusammenhaltende Gesellschaft hat es nie gegeben. Wir haben Rassismus und Antisemitismus, es gab immer Menschen, die schlechter gestellt und diskriminiert wurden. Diese Debatte um eine Polarisierung oder Spaltung kommt immer dann auf, wenn rechtspopulistische Bewegungen erstarken. Die Corona-Pandemie hat sicherlich Grenzlinien sichtbarer gemacht – aber die waren auch vorher schon da.

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Die USA gelten als Paradebeispiel für eine polarisierte Gesellschaft, das lässt sich dort auch an den Wahlergebnissen ablesen. Sehen Sie die Gefahr einer solchen Entwicklung auch in Deutschland?

Nein, die USA haben eine ganz andere Gesellschaftsstruktur, dort ist eine Polarisierung schon im Parteien- und Wahlsystem viel stärker angelegt. Aber wir können uns nicht darauf ausruhen, dass wir nicht die USA sind. In den vergangenen Monaten haben wir in Deutschland, aber auch anderswo in Europa gesehen, wie sich die Grenzen des Sagbaren weiter verschoben haben. Gerade mit Blick auf die Erfolge der AfD in manchen ostdeutschen Bundesländern ist das besorgniserregend.

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Die Corona-Pandemie bleibt uns wohl noch länger erhalten. Gleichzeitig wird die Klimakrise immer drängender. Schaffen wir es, uns auf mehr als eine Krise gleichzeitig zu konzentrieren?

Meist wird in unserer Gesellschaft nur ein Thema gleichzeitig breit diskutiert. Wenn wir das Jahr Revue passieren lassen, dann hatten wir im Sommer die Flutkatastrophe, die alle Medien bestimmt hat. Ein halbes Jahr später leiden viele Menschen immer noch unter den Konsequenzen, aber das Thema spielt kaum noch eine Rolle in der öffentlichen Wahrnehmung. Ähnlich ist es mit der Lage in Afghanistan. Viele gesellschaftliche Probleme werden nur punktuell diskutiert und nicht systematisch angegangen.

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Das gilt auch für die Bewältigung der Klimakrise. In dem Moment, wo es zu Katastrophen kommt, die einen Bezug zum Klimawandel haben, wird eine breite Debatte geführt. Aber diese Debatten fangen immer wieder bei null an und wiederholen sich. Das gesellschaftliche Gedächtnis in Deutschland hat große Schwächen. Das zeigt sich auch daran, wie nach mehr als anderthalb Jahren der Proteste gegen die Corona-Maßnahmen noch immer von einer „Blitzradikalisierung“ gesprochen wird.

Im europäischen Vergleich ist die Impfquote der deutschsprachigen Länder eher niedrig. Gleichzeitig gibt es hier beinahe seit Pandemiebeginn massive Protestwellen gegen die staatlichen Schutzmaßnahmen. Woran liegt das?

Es gibt sicherlich nicht den einen Faktor, der das bedingt. Man sollte deshalb mit Erklärungen vorsichtig sein. Das bedeutet aber nicht, dass Kultur nicht einen Einfluss haben kann: „Alternativmedizin“, Anthroposophie und Esoterik haben in Deutschland eine lange Tradition. Homöopathie wird sogar von Krankenkassen bezahlt. Das kann alles eine Rolle spielen. Ebenso das Verhältnis zwischen Individualismus und Kollektivismus. In Gesellschaften, in denen man sich selbst der Nächste ist, in denen das Individuum über das Kollektiv gestellt wird, könnte sich das auf die Impfquote auswirken. Das sind wichtige Forschungsfragen, die noch weiter untersucht werden müssen.

Viele Impfgegner nehmen besonders den Begriff der Freiheit für sich in Anspruch.

Es gibt eine ganze Reihe solcher Schlagworte, die auch im rechtspopulistischen und rechtsextremen Milieu verwendet werden. Auf den Demonstrationen wird oft „Frieden, Freiheit, keine Diktatur“ gerufen. Da muss man fragen: Was heißt das eigentlich? Gemeint ist zum Beispiel die Freiheit, keine Maske zu tragen. Dass durch rücksichtsloses Verhalten die Freiheit vieler eingeschränkt wird, wird völlig außer Acht gelassen.

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Auch der stets positiv besetzte Friedensbegriff kann ganz unterschiedlich mit Bedeutung gefüllt werden. Für Neonazis bedeutet Frieden etwa die Existenz einer „arischen“ Gesellschaft. Auch wenn im „Querdenker“-Milieu „direkte Demokratie“ gefordert wird, geht es weniger um Demokratieförderung als um die Durchsetzung eigener autoritärer Vorstellungen. Wir sollten solchen populistischen Umdeutungen nicht auf den Leim gehen.

Gemeinsam mit Ihrer Co-Autorin Katharina Nocun schreiben Sie gerade ein Buch über die „radikale Gedankenwelt der Esoterik“. Esoterisches Denken ist in Deutschland schon lange tief verwurzelt. Welche Rolle spielt das in der aktuellen Zeit?

Bei vielen der Corona-Proteste spielten Esoterikerinnen und Esoteriker von Anfang an eine große Rolle, besonders in Baden-Württemberg, wo diese Szene stark verankert ist und wo viele Impfgegner zusammengefunden haben. Esoterische Weltbilder haben große Ähnlichkeit mit Verschwörungsglauben: Menschen meinen, sie würden über Geheimwissen verfügen, das andere nicht haben. Sie glauben, sie hätten Zugang zu „höheren Ebenen“, die andere nicht erreichen.

Dahinter steckt eine starke Wissenschaftsfeindlichkeit. Das Bauchgefühl wird über wissenschaftliche Erkenntnisse gestellt, und es wird sich auf pseudowissenschaftliche Versatzstücke bezogen. Dabei gab es schon vor der Pandemie immer wieder Überschneidungen mit dem rechtsextremen Spektrum. Dass es genau diese Gruppen sind, die jetzt besonders stark gegen Impfungen mobilisieren, wundert mich deshalb nicht.

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Sind radikalisierte Corona-Leugner und Verschwörungsgläubige ein zunehmendes Problem für ein demokratisches Gemeinwesen?

Diese Menschen und ihr Denken gibt es nicht erst seit der Pandemie. Das Problem gab es immer schon – es wurde nur lange nicht klar benannt. 2018 hat eine Studie gezeigt, dass 20 Prozent der Deutschen die Verschwörungserzählung vom „Großen Austausch“ glauben – also dass muslimische Migranten gezielt nach Deutschland gebracht würden, um die deutsche Bevölkerung zu ersetzen. Das ist ein gefährliches Narrativ, das bereits mehrere Rechtsterroristen anspornte.

Auch Impfgegner gab es lange vor der Pandemie, die Weltgesundheitsorganisation hat sie bereits 2019 als globale Bedrohung bezeichnet. Das ist alles nicht neu, sondern in der Pandemie bloß präsenter geworden. Aus Studien wissen wir, dass Menschen, die an Verschwörungen glauben, eher rechtspopulistische oder rechtsextreme Parteien oder gar nicht wählen. Dass sie weniger bereit sind, sich in einer Demokratie zu engagieren. Deshalb ist das natürlich ein großes Problem – das wir aber langfristig angehen müssen und nicht nur mit Aktionismus, weil es in der Corona-Pandemie auf einmal beachtet wird.

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Droht uns direkt die nächste Populismus- und Protestwelle, sobald die Nebenwirkungen einer strengeren Klimaschutzpolitik in der Bevölkerung zu spüren sind?

Die Klimakrise ist für Verschwörungsideologen das nächste große Thema. Wir müssen uns auf die gleichen Effekte einstellen wie in der Corona-Pandemie. Corona hat Klimathemen in dieser Szene zeitweise stark verdrängt, nach der Flutkatastrophe im Sommer kamen sie jedoch schnell wieder hoch. Da wurde etwa behauptet, die Regierung habe das Wetter manipuliert, um Menschen umzubringen und zu kontrollieren. Katastrophen sind die Sternstunden von Verschwörungsideologen und Rechtsextremisten. Das wird auch in Zukunft so sein.

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Wie können wir als Gesellschaft resistenter werden gegen solche Radikalisierung in Krisenzeiten?

Wir brauchen ein besseres Bewusstsein und Verständnis für gesellschaftliche Probleme. Und wir dürfen gewonnene Erkenntnisse nicht so schnell vergessen. Wenn wir die aktuelle Radikalisierung verstehen wollen, hilft es, wenn wir uns noch an Pegida oder an die Anfangsphasen der AfD erinnern. Dafür muss die Politik aber besser mit Expertinnen und Experten verzahnt sein, die sich mit solchen Themen befassen.

Damit die gut arbeiten können, braucht es dringend eine stabile Förderung der Zivilgesellschaft. Die neue Bundesregierung will endlich ein Demokratiefördergesetz einführen, das begrüße ich sehr. Denn in den vergangenen Jahren mussten viele, die sich mit Rechtsextremismus oder Verschwörungsglauben beschäftigen, daneben noch ständig um Gelder kämpfen.

Hilft die Corona-Pandemie zumindest, Lehren für die Zukunft zu ziehen?

Seit Beginn der Pandemie hat die deutsche Gesellschaft schon einiges dazugelernt. Es gibt bereits ein deutlich größeres Bewusstsein für gesellschaftliche Bedrohungen als vorher. Das gesellschaftliche Wissen über Verschwörungsideologien hat zugenommen. Früher wurde sich darüber eher erheitert, das passiert heute nicht mehr. Und auch die Gefahren der Wissenschaftsleugnung werden seit den vermehrten Angriffen auf Wissenschaftler in der Corona-Pandemie endlich ernster genommen.

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