Russlands Einmarsch in die Ukraine

Putins Krieg: Für viele Russen eher eine „Sonderoperation“

Der russische Machthaber Wladimir Putin bei einer Militärparade im Sommer vergangenen Jahres.

Der russische Machthaber Wladimir Putin bei einer Militärparade im Sommer vergangenen Jahres.

Moskau. Wenn es um das Wort „Krieg“ geht, dann ist bei vielen Russen die Semantik im Spiel. Denn sie assoziieren mit diesem Begriff vor allem große militärische Auseinandersetzungen: den großen „Vaterländischen Krieg“ etwa, in dem die Sowjetunion am 9. Mai 1945 Nazi-Deutschland endgültig niederrang.

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Nach Auffassung von Alexej Levinson steht der Begriff „Krieg“ aktuell vorrangig für ein mögliches militärisches Kräftemessen mit der Nato und den USA, vor dem sich eine große Mehrheit der Russen laut Umfragen fürchteten.

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Zu groß sei die Sorge, sagte der Leiter der Abteilung für soziokulturelle Forschung beim unabhängigen Meinungsforschungsinstitut Levada der unabhängigen Tageszeitung „Nowaja Gaseta“, dass ein solcher Waffengang in einen Atomkrieg münden könnte, der alles Leben auf der Erde auslöscht.

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Bei der letzten Levada-Erhebung hätten zwei Drittel der Befragten im vergangenen Jahr angegeben, dass sie diese Angst umtreibe – ein Rekordwert. Allerdings hätten auch zwei Drittel der Konsultierten angegeben, dass sie nicht mit einem Krieg gegen die Nato oder die USA in absehbarer Zeit rechneten.

Gesten und Emotionen sind wichtiger als aktuelle Ereignisse

Die Version des Krieges, die in den Köpfen der Russen am stärksten drinsteckt, steht derzeit also nicht im Raum: Diese Auffassung sei ein wichtiger Punkt für das Verständnis der öffentlichen Meinung in der derzeitigen Ukraine-Krise, glaubt Levinson. Denn der Begriff „Krieg“ (das heißt „echter Krieg“) sei nicht die übliche Bezeichnung für bewaffnete Auseinandersetzungen, an denen Russland beteiligt sei, die sich aber nicht auf russischen Boden abspielten: „Was 2008 in Georgien geschah, wurde nicht als ‚Krieg‘, sondern als ‚friedenssichernde Maßnahme‘ bezeichnet.“

Daher betrachteten die Russen die Entwicklung der Ereignisse in der Ukraine nun ebenfalls nicht unbedingt als „Krieg“: „Sie sagen, dass die Ukrainer seit 2014 glaubten, dass sie sich in einer kriegerischen Auseinandersetzung mit Russland befänden. In Russland dachten sie hingegen immer, dass nichts dergleichen geschieht.“

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Es kommt hinzu, dass die Haltung der Russen in dieser Frage weniger durch aktuelle Ereignisse, sondern mehr durch Gesten und Emotionen beeinflusst wird. Sie sind stolz auf ihre Panzer- und Raketenstärke, die von der Politik regelmäßig zelebriert wird. In Nicht-Corona-Zeiten vergeht kein „Tag des Sieges“, an dem die Kapitulation Nazi-Deutschlands im Zweiten Weltkrieg am 9. Mai gefeiert wird, ohne dass die gigantischen Atomraketen auf den zentralen Plätzen des ganzen Landes aufgefahren werden.

Putin will womöglich als Nationalheld in die Geschichte eingehen

Emotionen beherrschen nun auch die Meinung vieler Russen in der Ukraine-Frage. Sie glauben, dass sich Oberbefehlshaber Putin zum Marschbefehl entschlossen hat, um im Jahr 2024, wenn er möglicherweise das Präsidentenamt an einen Nachfolger abgibt, als Nationalheld in die Geschichte einzugehen, dem es gelungen ist, die Fehler Michail Gorbatschows zumindest teilweise zu korrigieren.

Der hat nach Auffassung vieler Russen als letzter Staatsführer der Sowjetunion dem Westen all das ohne nennenswerte Gegenleistung abgetreten, was das Land unter großen Opfern im Zweiten Weltkrieg gewonnen hatte. Putin trauen sie nun zu, Russland alte Größe zurückzugeben. Die Krim ist ein Beitrag zur historischen Bedeutung des Helden, und jetzt wird es einen Zuschlag geben.

Es ist diese Haltung, die erklären könnte, warum der Zustimmungswert für Putin im Januar auf 69 Prozent gestiegen ist. Damit liegt das Maß für die Beliebtheit des Präsidenten im Volk derzeit deutlich über ihrem Durchschnittswert der vergangenen zwei Jahrzehnte von 63 (+/- 2) Prozent.

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Denn viele Russen haben den Eindruck, dass der Oberbefehlshaber immer noch gewinnt, wenn er mit dem Westen nicht nach den westlichen Regeln spielt.

Propaganda im Staatsfernsehen

Es sind vor allem ältere Bürger, deren Lebenseinstellung noch in der Sowjetunion geprägt wurde, die so denken. Viel Input für ihre Haltung bekommen sie im Staatsfernsehen, dessen Berichterstattung über den Kriegsverlauf in der Ukraine in einem deutlichen Widerspruch zu den Nachrichten westlicher Medien steht: „In den Straßen der ukrainischen Hauptstadt herrscht Ruhe“, sagte eine Nachrichtensprecherin des Staatssenders „Pervij Kanal“ am Freitagmorgen, während sie auf einem Bildschirm hinter ihrem Schreibtisch Live-Webcam-Aufnahmen von Kiew zeigte.

„Es ist auch ein ganz normaler Tag in Charkow“, fuhr sie fort, als das Bildmaterial zu einem scheinbaren Live-Stream eines verlassenen Stadtzentrums der zweitgrößten Stadt der Ukraine wechselte, das die russischen Streitkräfte internationalen Medien zufolge allerdings unter starken Raketenbeschuss gesetzt haben.

Viele Russen sind auch besorgt

Solche Bilder fügen sich gut zu Putins Fernsehansprache an die Nation am frühen Donnerstagmorgen, in der er eine begrenzte „militärische Sonderoperation“ ankündigte, um die Ukraine zu „entmilitarisieren“ und die Bürger im Donbass vor einem ukrainischen „Völkermord“ zu schützen. Die staatlichen Fernsehsender sind ganz offensichtlich darum bemüht, der russischen Öffentlichkeit eine ähnliche Botschaft zu vermitteln.

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Allerdings ist eine markante Minderheit der Russen (laut Levada knapp 40 Prozent) über die Entwicklung in der Ukraine besorgt. Es sind oft junge Leute, die sich der Propaganda im Staatsfernsehen entziehen und sich über das Internet informieren, in dem sie von Nachrichtenportalen wie „Meduza“ oder den Russlanddiensten ausländischer Medien wie der BBC oder „Radio Free Europe“ mit seriösen Nachrichten versorgt werden. Bang ist auch jenen vielen Russen, die familiäre Beziehungen zur Ukraine unterhalten.

Den Gegnern des Krieges ist eher klar als den Befürwortern der „Sonderoperation“, dass für das, was in der Ukraine derzeit abläuft, vom russischen Volk wahrscheinlich noch ein hoher Preis zu entrichten sein wird: „Der Lebensstandard der einfachen Russen wird sich erheblich verschlechtern“, schreibt der Politologe Andrei Kolesnikow vom Moskauer Büro der US-Denkfabrik Carnegie in einem Kommentar für die „New Times“, „ebenso wie ihre Lebensweise, ihre Psychologie, ihre Bildung und ihr Verständnis von Gut und Böse. Die Russen werden nun in den Augen der Welt vollständig mit dem Kreml identifiziert, durch den sie diskreditiert und verdorben werden.“

In 44 russischen Städten gehen Kriegsgegner auf die Straße

Die Mutigsten unter ihnen wollen sich das nicht gefallen lassen. In 44 Städten gingen am Donnerstagabend Menschen auf die Straße, um gegen den Krieg in der Ukraine zu protestieren, obwohl ein Demonstrationsverbot verhängt und harte Strafen angedroht worden waren. Es kam zu insgesamt 1700 Festnahmen. In Moskau riefen circa 1000 Menschen auf dem zentralen Puschkin-Platz: „Nein zum Krieg“.

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In den westlichen Nachrichten bekam der Protest einen prominenten Platz, doch in Wahrheit wird er die derzeitige Lage in Russland nicht verändern. Dort geht das Leben in aller Regel seinen gewohnten Gang. Wenn man nicht wüsste, dass sich das Land in der direkten Nachbarschaft im Krieg befindet, würde man es im Alltag in aller Regel nicht bemerken.

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