Gebiete nicht mehr zu halten

Russlands Rückzug aus Cherson: Wird diese Niederlage zu Putins Waterloo?

Ukrainische Soldaten vor einem zerstörten Gebäude in der Nähe der Gebietshauptstadt Cherson.

Ukrainische Soldaten vor einem zerstörten Gebäude in der Nähe der Gebietshauptstadt Cherson.

Das Drehbuch war bereits vorher geschrieben, Kremlsprecher Dmitri Peskow soll in den letzten Tagen persönlich in die Ostukraine gereist sein, um zu überwachen, dass die neue Sprachregelung auch angekommen ist. Das Sprachrohr von Präsident Wladimir Putin habe dort ein „Schulungsprogramm für Vertreter von Presse und Pressestellen in den Volksrepubliken Luhansk und Donezk“ veranstaltet, teilte der Kreml am Mittwoch der staatlichen Nachrichtenagentur Tass zufolge mit.

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Ein erstes Ergebnis war dann am Mittwochnachmittag zu vernehmen. Man ziehe sich aus der Stadt Cherson und dem gesamten westlichen Ufer des Dnipro zurück und begründete es so: „Das Leben und die Gesundheit der Soldaten der Russischen Föderation waren immer eine Priorität. Die Zivilbevölkerung könnte in Gefahr geraten, und unsere Truppengruppe am rechten Ufer des Dnjepr könnte isoliert werden“, verkündete Verteidigungsminister Sergej Schoigu. Ausgerechnet jener Mann, der in Russland von vielen für den tausendfachen Tod junger Soldaten, für Nachschubchaos, schlechte Bewaffnung, veraltete Technik mitverantwortlich gemacht wird.

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Russland, dessen Gefallenenquote sich atemberaubend schnell der 80.000-Mann-Marke nähert, schont also plötzlich seine Soldaten – und gibt die bislang einzige echte Regionalhauptstadt, Cherson hatte einst 290.000 Einwohner, auf.

Cherson, das war die Stadt, die in den ersten Kriegstagen kampflos in russische Hände fiel. Hier war das bereits 2014 auf der Krim erprobte Unterwandern der ukrainischen Verwaltung und Verteidigung schulbuchartig aufgegangen.

Russland ordnet Abzug der Truppen aus Cherson in der Südukraine an

Die ukrainische Regierung in Kiew warnte vor einer Überbewertung der Ankündigung aus Moskau.

Doch wenn die Russen tatsächlich Cherson aufgeben, aufgeben müssen, dann ist das eine gewaltige Niederlage für Wladimir Putins Krieg, die vor allem dem Verteidigungsminister Sergej Schoigu und dem Generalstab angelastet wird.

Der österreichische Politologe Gerhard Mangott von der Uni Innsbruck

Eroberung der Herzen der Menschen misslang

Was allerdings nie gelang, war die kampflose Eroberung der Herzen der Menschen. Man erinnere sich: Cherson war die Stadt, in der mutige Menschen auf die Straßen gingen, russische Lastwagen blockierten, den überraschten Fahrern, die noch immer glaubten, ein von Faschisten geknechtetes Volk zu befreien, ins Gesicht schrien: „Haut ab!“ Cherson war die Stadt von Massenprotesten, in die die Russen vor laufenden Kameras hineinschossen, als ständen ihnen da Elitesoldaten gegenüber – es waren aber Alte, Frauen und Jugendliche.

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Noch hält der österreichische Politologe Gerhard Mangott von der Universität Innsbruck es für möglich, dass es sich um eine Finte der Russen handelt, dass der verkündete Rückzug die nachrückenden Ukrainer in eine Falle locken soll. Auch die Führung in Kiew reagierte skeptisch auf die Ankündigung aus Moskau. „Die Ukraine sieht keine Anzeichen dafür, dass Russland Cherson ohne Kampf aufgibt“, schrieb der Berater des Präsidentenbüros, Mychajlo Podoljak, auf Twitter.

„Doch wenn die Russen tatsächlich Cherson aufgeben, aufgeben müssen, dann ist das eine gewaltige Niederlage für Wladimir Putins Krieg, die vor allem dem Verteidigungsminister Sergej Schoigu und dem Generalstab angelastet wird“, so Mangott zum RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND). „Putin wird aber auch diesen Rückschlag politisch überleben“, ist der Politologe überzeugt.

Aber auch Verhandlungen halte ich nach der Befreiung von Cherson jetzt nicht für wahrscheinlicher.

Gerhard Mangott von der Uni Innsbruck

Surowikin wird diese Niederlage unbeschädigt überstehen

„Moskau wird darauf verweisen, dass der neue Kommandeur der russischen Truppen in der Ukraine, Sergej Surowikin, schon bei seinem Amtsantritt gesagt hatte, es stünden schwierige Entscheidungen an. Auch Surowikin wird diese Niederlage unbeschädigt überstehen, weil der Rückzug zu seiner Strategie gehört, die da lautet, das westliche Ufer das Dnipro aufzugeben, um die Gebiete auf der östlichen Seite besser zu verteidigen“, erläutert Gerhard Mangott, der übrigens nicht daran glaubt, dass es in diesem Winter noch weitere spektakuläre Bewegungen in diesem Krieg geben wird.

„Aber auch Verhandlungen halte ich nach der Befreiung von Cherson jetzt nicht für wahrscheinlicher. Russland wiederholt zwar stakkatoartig, man sei zu Gesprächen bereit, hat aber substanziell nichts Neues anzubieten, sondern beharrt auf den alten Maximalforderungen. Die Ukraine wiederum fühlt sich zu weiteren Offensiven motiviert und wird erst verhandlungsbereit sein, wenn russische Truppen von ukrainischem Boden vertrieben worden sind“, so Mangott.

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Mangott glaubt, „falls es zeitnah doch noch zu größeren Bewegungen im Krieg kommen sollte, dann eher im Bereich der selbst ernannten Volksrepubliken Luhansk und Donezk, nicht aber am Dnipro, der eine schwer zu überwindende Wasserbarriere bildet.“

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„Egal, wie die Russen es drehen, der Rückzug aus Cherson – der größten Stadt und einzigen regionalen Hauptstadt, die nach der Invasion am 24. Februar eingenommen und besetzt wurde, ist ein gewaltiger militärischer Misserfolg für Putin“, twittert der amerikanische Regierungsbeamte, Blogger und Historiker Christopher Miller. Wie einst Napoleon droht Putins Feldzug ein Waterloo, eine Niederlage, die ihn die Macht kosten könnte.

Der Politikwissenschaftler Nico Lange bleibt skeptisch: „Es bleibt weiter Vorsicht geboten zu Cherson. Schoigu hat den Befehl zum Rückzug vom Südwestufer des Dnipro und aus Cherson zwar sogar per Video gegeben. Es ist aber noch unklar, wie er ausgeführt werden kann – wie sollen Tausende Truppen ohne Brücken auf das andere Ufer kommen?“, fragt er per Twitter. Um dann als mögliche Antwort hinzuzufügen: „Aber die katastrophalen Niederlagen der letzten Tage im Donbass haben auch bei Russland offenbar etwas verändert.“

Noch im September wurde der Anschluss der Region Cherson verkündet

Besonders peinlich ist, dass Putin noch im September den Anschluss der Region Cherson und weiterer besetzter Gebiete an Russland mit großem Pomp filmreif zelebriert hatte. Jetzt zerfällt in Windeseile, was Putin nie wirklich besessen hatte.

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Zuletzt hatte es Meldungen über gewaltige russische Verluste gegeben. Da waren Briefe einer Brigade aufgetaucht, die innerhalb von nur vier Tagen rund 300 Soldaten sowie die Hälfte der Ausrüstung verloren haben soll. Wie chaotisch die Lage der russischen Besatzer ist, verdeutlicht der Fall Kirill Stremoussow. Der Vizechef der von Moskau eingesetzten Verwaltung von Cherson soll am Mittwoch gestorben sein – bei einem Verkehrsunfall, hieß es von Besatzungschef Wladimir Saldo in einer beim Nachrichtendienst Telegram verbreiteten Videobotschaft.

Mit Material von AP und DPA

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