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Offensive der Ukraine?

„Es tut sich etwas an der Südfront“

Dieses von der Nachrichten­agentur AP zur Verfügung gestellte Standbild aus einem vom Pressedienst des russischen Verteidigungs­ministeriums am Montag, dem 5. Juni 2023, aus einem veröffentlichten Video soll nach russischen Angaben ein ukrainisches Militärfahrzeug zeigen, das während eines Gefechts in der Ostukraine getroffen wurde. Nach Angaben des russischen Verteidigungs­ministeriums hat das russische Militär am Sonntag, 4. Juni 2023, einen Angriffsversuch der Ukraine im südlichen Teil der Region Donezk abgewehrt.

Dieses von der Nachrichten­agentur AP zur Verfügung gestellte Standbild aus einem vom Pressedienst des russischen Verteidigungs­ministeriums am Montag, dem 5. Juni 2023, aus einem veröffentlichten Video soll nach russischen Angaben ein ukrainisches Militärfahrzeug zeigen, das während eines Gefechts in der Ostukraine getroffen wurde. Nach Angaben des russischen Verteidigungs­ministeriums hat das russische Militär am Sonntag, 4. Juni 2023, einen Angriffsversuch der Ukraine im südlichen Teil der Region Donezk abgewehrt.

Das Video aus dem russischen Verteidigungs­ministerium verbreitete sich in der Nacht zu Montag wie ein Lauffeuer in den Telegram-Kanälen russischer Militär­blogger: Es zeigt laut Russland eine Schlacht südlich von Donezk, bei der ukrainische Truppen schwer unter Beschuss geraten. Mehrere ukrainische Fahrzeuge explodierten auf einem Feld, nachdem sie getroffen worden waren. Laut einem Sprecher der russischen Armee hätten die ukrainischen Streit­kräfte bei einem Großangriff versucht, die russische Front zu durchbrechen. Unter großen Verlusten auf ukrainischer Seite sei die „Großoffensive“ gescheitert, hieß es. „Sie hatte keinen Erfolg.“ Akribisch listete man auf, welche Verluste das ukrainische Militär zu beklagen habe. Von mehr als 250 Soldaten und 16 Panzern sowie 24 gepanzerten Kampf­­fahrzeugen ist die Rede.

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Die Regierung in Kiew kommentierte den Angriff der eigenen Streitkräfte zunächst nicht. Der ukrainische Generalstab teilte lediglich mit, es habe in den Regionen Donezk und Luhansk 29 Kampfhandlungen gegeben. Zur Gegenoffensive äußerte er sich nicht. Auch das ukrainische Zentrum für strategische Kommunikation ging nicht direkt auf die russische Erklärung ein, sondern warnte nur allgemein, Russland versuche, Lügen über die Gegen­offensive und die Verluste der ukrainischen Armee zu verbreiten.

Alles nur russische Propaganda?

Geolokalisierte Videos und Bilder belegen die Kämpfe im Süden von Donezk. „Die ukrainische Armee hatte am Sonntag begonnen, Kräfte im Süden zusammenzuziehen, und hat dann mit diesen erstmals massiv die russischen Stellungen angegriffen“, sagte Oberst Markus Reisner vom österreichischen Bundesheer. „Die Videos zeigen, dass die Ukrainer punktuell Angriffe durchgeführt haben, aber wegen des schweren Abwehrfeuers der russischen Seite vorerst nicht entscheidend vorrücken konnten“, so Reisner im Gespräch mit dem Redaktions­Netzwerk Deutschland (RND). Nun versucht das russische Verteidigungs­ministerium den missglückten Angriff als Scheitern der ukrainischen Großoffensive darzustellen. Das ist laut Reisner aber nicht zutreffend.

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Dieser Vorstoß hat nichts mit einer Großoffensive zu tun. Eine Großoffensive würden wir viel größer auf Bildern und Videos sehen.

Christian Mölling,

Leiter des Zentrums für Sicherheit und Verteidigung in Berlin und stellvertretender Direktor des DGAP-Forschungsinstituts

Militär­experte Christian Mölling, Leiter des Zentrums für Sicherheit und Verteidigung in Berlin und stellvertretender Direktor des Forschungs­instituts der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP), bestätigt dies und warnt im Gespräch mit dem RND: „Wir dürfen nicht auf diese russische Propaganda einer zurück­geschlagenen Großoffensive hereinfallen.“ Dieser Vorstoß habe nichts mit einer Großoffensive zu tun, sie würde auf Bildern und Videos viel größer aussehen. „Es gibt bisher noch keine Großoffensive, die von den Russen zurückgeschlagen werden könnte.“

Russland vereitelt laut eigenen Angaben große Offensive der Ukraine

Es war unklar, ob es sich bei den Angriffen um den Beginn einer lange erwarteten ukrainischen Gegenoffensive handelte.

Der russische Generalstabschef Waleri Gerassimow, der für Moskaus Angriffskrieg gegen die Ukraine verantwortlich ist, soll sich laut russischem Verteidigungs­ministerium zum Zeitpunkt des ukrainischen Angriffs in der Gegend aufgehalten haben. Zuletzt stand Gerassimow unter großem Druck, Erfolge der russischen Streitkräfte vorweisen zu müssen. „Es ist völlig unglaubwürdig, dass die Russen ihren Oberbefehlshaber an die vorderste Front schicken“, sagt Mölling. Es könne eine „Propaganda­geschichte“ sein, mit der sich der Kreml schmücken wolle.

Es tut sich etwas an der Südfront, aber schon jetzt von der großen Offensive zu sprechen wäre noch zu früh.

Markus Reisner,

Oberst des Generalstabs­dienstes beim österreichischen Bundesheer

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Überraschend widersprach auch der russische Feldkommandeur Alexander Chodakowski am Montag der Erfolgs­meldung aus dem Kreml. Der fehlgeschlagene Angriff der Ukraine sei nur eine kleine Operation gewesen und die ukrainischen Truppen würden weiterhin „von Erfolg begleitet“. Die ukrainischen Streitkräfte hätten die russischen Soldaten in Nowodonezke (Donezk) „in eine schwierige Lage gebracht“. Experte Reisner sieht hierin die Diskrepanz zwischen der obersten russischen Militär­führung, die Vertrauen und Zuversicht vermitteln wolle, und der untersten Ebene, die diese Kämpfe noch auf der Kippe sehe und eher als einen lokalen Abwehrerfolg betrachten würde. „Möglicherweise war das nur die erste Welle und die nächsten Angriffe kommen schon bald.“

Ukraine greift auch in Saporischschja an

Größere Angriffs­versuche der ukrainischen Streitkräfte gibt es offenbar auch im südlichen Saporischschja. Der von Russland eingesetzte Chef der Militär­verwaltung, Wladimir Rogow, sagte der russischen Staatsagentur Tass, die Intensität der Angriffe habe am Montagmorgen dort noch einmal zugenommen. „Die Lage ist alarmierend“, sagte er. Nachdem die Ukraine 400 Meter zurückerobert habe, hätte man die Truppen zurückdrängen können. „Eine Schlacht ist im Gange“, sagte Rogow. Seit einigen Tagen sucht die Ukraine entlang der gesamten Frontlinie nach Schwachstellen in den russischen Verteidigungs­stellungen. Es kommt beinahe überall zu Sondierungs­angriffen.

Kleinere Vorstöße beobachtet Experten Reisner neben Saporischschja auch in Marinka, Awdijiwka und Wuhledar. Durchschlagende Erfolge seien aber bisher ausgeblieben. „Es tut sich etwas an der Südfront, aber schon jetzt von der großen Offensive zu sprechen wäre noch zu früh“, sagt Reisner. Die Kämpfe finden laut dem österreichischen Obersten ohnehin erst an den Gefechts­vorposten statt, noch nicht an den gut ausgebauten Hauptstellungs­linien mit Minenfeldern, Drachenzähnen und Panzergräben. „Das ist noch alles Vorgeplänkel“, sagte er dem RND. Die vom Westen gelieferten Kampfpanzer vom Typ Leopard 2 oder Challenger sind bisher auch noch nicht auf verifizierten Videos von der Front aufgetaucht.

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