Russische Truppen rücken vor

Wie der Krieg ins ostukrainische Slowjansk zurückkehrte

Ein Sanitäter hilft einem Mann, der durch russischen Beschuss verwundet wurde, sein Haus im ostukrainischen Slowjansk zu verlassen.

Slowjansk. Mehrere junger Soldaten, die dienstfrei haben, sitzen in einem militärischen Verteilerzentrum zusammen, genießen die seltene Pause vom Kämpfen. Sie erzählen sich Witze, essen Pizza, während Artillerie-Explosionen nur ein paar Kilometer entfernt zu hören sind. Es ist eine Erinnerung daran, was hier, in Slowjansk, droht - zum zweiten Mal, nachdem die ostukrainische Stadt 2014 von pro-russischen Kämpfern besetzt worden war.

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Jetzt ist der Krieg zurückgekehrt. Slowjansk könnte nach dem Fall von Lyssytschansk das nächste große Ziel der Russen werden, die versuchen, die Donbass-Region einzunehmen, das vorwiegend russischsprachige industrielle Kernland der Ukraine.

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„Jeder weiß, dass es einen schweren Kampf in Slowjansk geben wird“, sagt einer der Soldaten, dessen Namen aus Sicherheitsgründen nicht genannt werden kann.

Wir wissen, was kommt.

Ein 23-jähriger ehemaliger Buchhalter

Einer seiner Kameraden, ein 23-jähriger ehemaliger Buchhalter, meint, dass die ukrainischen Streitkräfte einfach nicht die nötigen Waffen haben, um die sich nähernden Russen mit deren überlegenem Arsenal abzuwehren. „Wir wissen, was kommt“, sagt er mit einem traurigen Lächeln.

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„Die Ukraine hat jetzt eine ganz klare europäische Perspektive“, sagt sie in einer per Videolink übertragenen Rede zum Parlament in Kiew.

Diese Soldaten waren noch Teenager, als pro-russische Separatisten vor acht Jahren die Stadt einnahmen und drei Monate lang kontrollierten. Die kurze Besetzung versetzte die Menschen in Slowjansk in Angst, Dutzende Funktionäre der Regionalverwaltung und Journalisten wurden als Geiseln genommen, immer wieder wurden Menschen getötet. Dann folgten heftige Kämpfe, als das ukrainische Militär die Stadt belagerte, um sie zu befreien.

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„Genau genommen hat der Krieg Slowjansk nie verlassen, er hat die Köpfe der Menschen nicht verlassen“, sagt Tetjana Chimion, eine 43-jährige Choreographin, die einen Laden für Fischereizubehör in einen Treffpunkt für Militäreinheiten aus der Gegend umgewandelt hat.

„Auf der einen Seite ist es leichter für uns, weil wir wissen, wie es ist. Auf der anderen Seite ist es schwerer für uns, da wir acht Jahre auf diese Weise gelebt haben, in einem Schwebezustand.“

Slowjansk ist eine Stadt mit gespaltenen Loyalitäten. Ein großer Teil der Bevölkerung sind Rentner und Rentnerinnen, und es ist nicht ungewöhnlich, dass ältere Einwohner Sympathien für Russland oder nostalgische Gefühle über ihre sowjetische Vergangenheit äußern. Es gibt auch Misstrauen gegen das ukrainische Militär und die Regierung.

Angriff von Ukrainern ausgeführt?

Als kürzlich ein Mietwohnungskomplex unter Beschuss genommen wurde, sagte ein Bewohner namens Sergej, er glaube, dass der Angriff von den Ukrainern ausgeführt worden sei.

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„Ich bin nicht pro-russisch, ich bin nicht pro-ukrainisch. Ich bin irgendwo dazwischen“, erklärt der Mann. „Sowohl Russen als auch Ukrainer töten Zivilisten - das sollte jeder begreifen.“

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Das ukrainische Militär hat Aufnahmen veröffentlicht, die den Abwurf von russischen Phosphorbomben zeigen sollen.

Und als vergangene Woche eine Bombenexplosion die Dächer ihrer Wohnungen aufriss und Fenster zertrümmerte, machte eine Gruppe älterer Bewohner ihrem Frust Luft - über die Ukraine. Diese sage, „dass sie uns beschützt, aber was für eine Art Schutz ist das?“ fragt ein Mann, der seinen Namen nicht nennen wollte.

Sie knien vor diesem Biden - möge er sterben!

Tatjana, eine Anwohnerin

„Sie knien vor diesem Biden - möge er sterben!“ rief seine Nachbarin, Tatjana, mit Bezug auf den US-Präsidenten aus.

Chimion schildert, dass es nach 2014 leichter geworden sei zu wissen, „wer wer (in Slowjansk) ist. Du kannst es jetzt leicht sehen. Diese Leute sind für die Ukraine, und diese Leute sind für Russland.“

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Nach ihrer Ansicht hätte nach 2014 mehr zur Bestrafung von Kollaborateuren mit den russischen Stellvertreter-Kräften getan werden müssen, um eine Wiederholung zu verhindern. „Darum können wir nicht verhandeln, wir müssen gewinnen. Andernfalls wird es ein niemals endender Prozess. Es wird sich weiter wiederholen“, warnt sie.

Biografie von Winston Churchill

Der Bürgermeister von Slowjansk, Wadym Ljach, hat - inspiriert von Präsident Wolodymyr Selenskyj - sein Büro mit ukrainischen Flaggen, anti-russischen Symbolen, Bildern von nationalen Poeten und sogar mit einer Biografie von Winston Churchill ausgestattet.

Aber vor 2014 gehörte er einer politischen Partei an, die engere Verbindungen zu Russland anstrebte. Ljach zufolge ist die pro-russische Stimmung in der Stadt in den vergangenen Jahren weniger geworden, teilweise wegen der Schrecken von 2014, aber es gebe weiter „Leute, die auf die Rückkehr der russischen Truppen warten“.

Drei Viertel der Einwohner sind geflüchtet

Mit dem Näherrücken der Front haben sich die Angriffe auf die Stadt verstärkt. Drei Viertel der Einwohner sind geflüchtet, aber der Bürgermeister meint, dass sich immer noch zu viele Menschen in Slowjansk aufhielten, darunter zahlreiche Kinder. Er ruft dazu auf, die Stadt zu verlassen, und verbringt seine Tage damit, humanitäre Hilfe zu koordinieren und die Verteidigungskapazitäten von Slowjansk zu verstärken.

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Immer häufiger gehört er nach Bombardierungen zu den Ersthelfern vor Ort. Reporter der Nachrichtenagentur AP folgten ihm kürzlich und waren Zeugen eines Angriffes auf eine Wohngegend. Nach Angaben Ljachs kamen dabei auch Streubomben zum Einsatz.

Es gab ein Todesopfer und mehrere Verletzte. Dem Bürgermeister zufolge kommt es jetzt mindestens vier bis fünf Mal am Tag zu Attacken. Auch am Sonntag wurde ein Angriff auf Slowjansk mit mindestens sechs Toten gemeldet.

Ljach bleibt zwar zuversichtlich, dass die ukrainischen Kräfte den Feind in Schach halten können, ist sich aber auch über seine Optionen im Klaren.

„Niemand will gefangen genommen werden“, so der Bürgermeister. „Wenn es eine unmittelbare Gefahr gibt, dass die feindlichen Truppen in die Stadt eindringen, werde ich gehen müssen.“

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Der Bürgermeister steht ständig unter Hochdruck, kann es sich nicht erlauben, sich auch nur eine Minute lang zu entspannen, wie er schildert.. „Es ist emotional schwierig. Du siehst, wie Leute sterben und zu Schaden kommen.“

Im militärischen Verteilerzentrum sprechen die jungen Soldaten wehmütig über ihr Leben vor der russischen Invasion. „Ich hatte ein großartiges Auto, einen guten Job. Ich konnte drei Mal im Jahr ins Ausland verreisen“, sagt der ehemalige Buchhalter, der mit den anderen in Slowjansk bleiben will, um die Stadt zu verteidigen. „Wie können wir es zulassen, dass jemand einfach kommt und uns unser Leben wegnimmt?“

RND/AP

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