„Einfach nur Witzbolde“

Steckt dieses russische Komikerduo hinter den Klitschko-Fakes?

Die Komiker Alexej Stoljarow (Lexus) and Wladimir Kusnetsow (Vovan).

Die Komiker Alexej Stoljarow (Lexus) and Wladimir Kusnetsow (Vovan).

Sie selber sehen sich als Scherzbolde. Aber die Angelegenheiten, in die sich Wladimir Kusnetsow (auch bekannt unter dem Künstlernamen „Vovan222″ oder als Wladimir Krasnow), und Alexej Stoljarow eingemischt haben, sind mitunter sehr ernst.

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Die zwei Russen haben beide eine juristische Ausbildung, doch seit acht Jahren gehen sie gemeinsam einer Tätigkeit nach, die sie unter rechtlichen Gesichtspunkten selbst angreifbar macht: Unter dem Künstlernamen „Vovan und Lexus“ rufen sie Prominente an und täuschen falsche Identitäten vor.

Im September 2015 etwa riefen sie bei Elton John durch, wobei sich Vovan als Wladimir Putin ausgab und Lexus vorgaukelte, er sei der Übersetzer des russischen Präsidenten. Sie täuschten gegenüber dem homosexuellen Musiker vor, über die Rechte von Schwulen und Lesben in Russland sprechen zu wollen. In dem Irrglauben, der Anruf sei echt, lobte Elton John den russischen Staatsführer danach auf Instagram dafür, ihn auf das Thema angesprochen zu haben. Der Pressesprecher des Kremls, Dmitrij Peskov, bestritt daraufhin, dass das Gespräch zwischen Putin und dem britischen Popstar jemals stattgefunden habe.

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Putin: „Einfach nur Witzbolde“

Damit war die Angelegenheit aber noch nicht beendet. Denn Putin rief Elton John schließlich tatsächlich an, um sich für den Streich zu entschuldigen. Er bezeichnete Vovan und Lexus allerdings als „harmlos“. Sie seien einfach nur Witzbolde.

Betrüger gibt sich in Telefonat mit Giffey als Vitali Klitschko aus

In Berlin, Madrid und Wien fallen Rathäuser auf einen falschen Vitali Klitschko herein. Der echte Bürgermeister von Kiew fordert Ermittlungen.

Unter den Opfern der zwei falschen Anrufer befanden sich über die Jahre zahlreiche Prominente wie der frühere sowjetische Staatschef Michail Gorbatschow, der verstorbene US-Senator John McCain, die russische Ballerina Anastasia Wolotschkowa, der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan, der französische Präsident Emmanuel Macron, der britische Premier Boris Johnson, „Harry Potter“-Autorin J. K. Rowling und etliche weitere Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens.

Zuletzt suchten sich Vovan und Lexus mit Franziska Giffey nun offensichtlich die regierende Bürgermeisterin Berlins sowie die Stadtoberhäupter von Budapest, Warschau, Madrid und Wien für ihre Gaukelei aus. Den jeweiligen Ortsvorsteherinnen und Ortsvorstehern sollen sie stets eine Videoschalte mit dem Kiewer Oberbürgermeister Vitali Klitschko vorgetäuscht haben, die sehr echt wirkte. Im Falle etwa Giffeys gestaltete sich das Gespräch in seinem Verlauf aber so abstrus, dass die Berliner Bürgermeistern nach einer halben Stunde schließlich zweifelte, ob sie tatsächlich mit Klitschko redet und das Gespräch abbrach.

Kunst der Illusion

Seither ist eine lebhafte Diskussion darüber entbrannt, ob die Klitschko-Schalte ein sogenanntes „Deep Fake“ war. Der Begriff leitet sich aus dem Ausdruck „Deep Learning“ ab, einer speziellen Variante des maschinellen Lernens, auch als künstliche Intelligenz oder kurz als KI bekannt: Eine Software lernt auf der Grundlage von Video- oder Tonaufnahmen, Körper, Mimik oder Stimme einer Person zu imitieren. Mancher Experte hält das „Deep Learning“ allerdings noch nicht für so fortgeschritten, dass damit Videokonferenzen bestritten werden können, die auf Dauer einen falschen Gesprächspartner glaubhaft vorspielen. Möglich ist auch, dass bei den vermeintlichen Klitschko-Konferenzen vorproduzierte Videoschnipsel in Echtzeit schnell zusammengesetzt wurden.

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Kusnetsow und Stoljarow haben sich inzwischen zu den gefälschten Klitschko-Anrufen bekannt, doch sie wollten nicht preisgeben, wie sie die Nachahmung technisch realisierten. „Ich will nicht verraten, wie wir es angestellt haben, aber es war leicht“, sagte Stoljarow dem ARD-Politikmagazin „Kontraste“.

Gesprächspartner zu täuschen, gelinge mit einer guten Vorbereitung und sogenanntem „Social Engineering“. Dabei werden vorhandene Informationen über Personen und deren Umfeld verwertet und etwa mit falschen E-Mail-Absendern gearbeitet, die die Adressaten überzeugen würden. Die Kunst liege in der Illusion. „Das funktioniert jedes Mal“, sagte Stoljarow zu „Kontraste“.

Verdacht der Kremlnähe

Ob die Selbstbezichtigung des Duos stimmt, lässt sich allerdings nicht unabhängig nachprüfen. Belege für seine Behauptungen habe Stoljarow nicht vorgelegt, teilte der Rundfunk Berlin Brandenburg (rbb) mit, der für „Kontraste“ zuständige ARD-Sender.

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Da viele der Prominenten, die von „Vovan und Lexus“ getäuscht wurden, der russischen Staatsmacht kritisch gegenüberstehen, steht schon lange der Verdacht im Raum, dass das Duo im Auftrag des Kremls handelt. Sowohl Kusnetsow als auch Stoljarow streiten diese Vorhaltung ab. Schon 2016 räumten sie gegenüber dem unabhängigen Nachrichtenportal „Medusa“ allerdings ihre Zuneigung zu Wladislaw Surkow ein, dem ehemaligen stellvertretenden Leiter der Präsidialverwaltung und erklärten, warum sie Ramsan Kadyrow, den Präsidenten der Teilrepublik Tschetschenien, und den russisch-orthodoxen Patriarchen Kyrill niemals auf die Schippe nehmen würden.

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