Fünf Beispiele

32 Jahre nach der Wiedervereinigung: Was Ost und West (noch) trennt

Der Erfurter Dom ist durch das Symbol einer gespiegelten 22 auf dem Domplatz zu Beginn der Feierlichkeiten zum Tag der Deutschen Einheit zu sehen (Symbolbild).

Der Erfurter Dom ist durch das Symbol einer gespiegelten 22 auf dem Domplatz zu Beginn der Feierlichkeiten zum Tag der Deutschen Einheit zu sehen (Symbolbild).

„Wir sind ein Volk“, sagt der Westdeutsche. „Ja“, entgegnet der Ostdeutsche, „wir auch.“ Ist das überhaupt ein Witz? Oder spitzt die Pointe nur die erstaunlichen Unterschiede zu, die sich zwischen Ost und West auch heute, 32 Jahre nach der Wiedervereinigung, noch immer zeigen? Und falls das so ist: War eigentlich die Annahme von 1990 richtig, dass diese Unterschiede früher oder später ausgeglichen sein würden – und auch müssten?

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Genau 20 Jahre ist es nun her, dass der damalige Bundespräsident Johannes Rau in der Leipziger Nikolaikirche, von der einst die friedliche Revolution in der DDR ausging, in einer Ansprache zum Einheitstag beklagte, „wie falsch es ist, immer nur Ost und West in Deutschland zu vergleichen oder gar gegeneinanderzusetzen“. Bei Wahlen etwa zeige sich, sagte er da, dass „die ganz unhistorische Teilung in Ost und West zunehmend hinter viel älteren Unterschieden mit großer Wirkungsmacht zurücktritt, vor allem denen zwischen Deutschlands Norden und Deutschlands Süden“.

Heute, spätestens angesichts der aktuellen Krisen mit all ihrem sozialen Sprengstoff, dem Streit über den Umgang mit Russland und mit inzwischen fest etablierten Rechtsaußenparteien, erweist sich Raus Rede als Wunschdenken. Zwar haben sich die alten und die nicht mehr ganz so neuen Bundesländer auf vielen Feldern angenähert – sogar in der Wirtschaftskraft, wozu im Osten neuerdings internationale Milliardeninvestoren wie Tesla und Intel beitragen; aber auch Lebenserwartung und Arbeitslosigkeit sind nahezu gleich, und im nächsten Jahr erreichen sogar die Ostrenten das Westniveau.

Zugleich aber liegen die strukturschwächsten Regionen Deutschlands allesamt in den neuen Ländern, fühlt sich ein Drittel der Ostdeutschen als „Mensch zweiter Klasse“ – und blicken viele Westdeutsche stirnrunzelnd gen Osten. Vieles Trennende wurzelt in den 40 Jahren der Teilung, aber nicht nur. Und wie die Themenfelder zeigen, in denen in diesen Tagen besonders große Unterschiede auffallen: Nicht immer lässt sich sagen, ob die Ossis oder die Wessis auf dem Holzweg sind. Oder beide, oder keiner von beiden.

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Der Blick auf Russland: Transatlantiker vs. Geozyniker

Geht es um den Ukraine-Krieg, erschreckt mancher Westdeutsche beim Blick in den deutschen Osten: Auf Demonstrationen gegen die Bundesregierung wehen Russland-Fahnen, ostdeutsche Ministerpräsidenten schlagen vermeintlich russlandfreundliche Töne an, in Umfragen lehnt eine knappe Mehrheit der Ostdeutschen die Sanktionen gegen Russland ab – die im Westen von 63 Prozent begrüßt werden, auch bei Folgen für die Energieversorgung.

Mehr Verständnis für russische Sicherheitsinteressen, mehr Distanz zu den USA: Die Ostdeutschen bewerten Russland und die Nato seit jeher anders als die Westdeutschen. Noch im Sommer 2021, als Russland die Krim längst annektiert hatte und Kämpfe in der Ostukraine schürte, wünschten laut einer Forsa-Umfrage für das RND die Hälfte der Ostdeutschen ein engeres Verhältnis zu Russland – doppelt so viele wie im Westen. Von den USA wollten dagegen 60 Prozent der Ostdeutschen unabhängiger werden, was nur ein Drittel der Westdeutschen sagte – obwohl die Trump-Präsidentschaft gerade erst vorüber war. Kurz vor dem russischen Überfall auf die Ukraine machte eine Mehrheit im Osten die USA für die Verschärfung des Konflikts verantwortlich, während die Westdeutschen mehrheitlich Russland die Verantwortung gaben.

Der Unterschied ist schnell erklärt – was den Westen angeht: Seit Konrad Adenauer die Westbindung zur obersten Priorität und zum Schutzschirm gegen russische Begehrlichkeiten machte, gilt sie dort als Basis des Nachkriegsaufstiegs und Garant der eigenen Sicherheit.

Das Verhältnis der Ostdeutschen zu Russland ist dagegen komplex: Galt die Sowjetunion einst als die wahre diktatorische Macht hinter dem DDR-Regime, so wurde dessen Sturz 1989 doch nur möglich durch den Reformkurs Michael Gorbatschows, der gerade als Unperson für den Kreml, aber als Held der Ostdeutschen verstorben ist. Die Ostdeutschen lernten Russisch, mancher reiste oder studierte in der Sowjetunion, nach dem Mauerfall blieb Russland wichtiger Handelspartner für ostdeutsche Firmen.

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Und während die DDR-Bürgerinnen und ‑Bürger die Sowjetpropaganda einst ablehnten, so verfestigte sich doch das Denken in Freund-Feind-Mustern – die derzeit in West wie Ost wieder durchschlagen. Im Osten wird dabei die alte Skepsis gegenüber US-amerikanischer Geostrategie hochgespült, verbunden mit der Erinnerung an die Schicksalsgemeinschaft mit den Russen als Verlierer des Kalten Krieges und mit dem Leiden unter Auswüchsen der Moderne, die Putin wie kein anderer ablehnt. Zwar hält den im Osten wie im Westen eine klare Mehrheit für einen Diktator. Zugleich aber ist die Einschätzung im Osten weit verbreitet, dass (auch) die USA den Ukraine-Krieg provoziert hat. So zeugt der Ostblick nicht von Liebe zu Putin, sondern vom Versuch, die geostrategischen Ränke aller Großmächte möglichst nüchtern zu bewerten.

Lambrecht in der Ukraine: Verteidigungsministerin musste in Bunker

Christine Lambrecht hat bei ihrem ersten Besuch in der Ukraine seit Kriegsbeginn in der Hafenstadt Odessa wegen eines Luftalarms in einem Bunker Schutz gesucht.

Demokratie und Populismus: Pragmatiker vs. Unzufriedene

Die „verdrossenen Populisten“ stellen in den östlichen Bundesländern inzwischen mit 35 Prozent die größte Bevölkerungsgruppe. Zusammen mit den „angepassten Skeptikern“ (26 Prozent) machen sie weit über die Hälfte der Bevölkerung aus. Der Anteil der „konservativ-kleinbürgerlichen Menschen“, die mit den Verhältnissen im Großen und Ganzen zufrieden sind, ist im Osten in den vergangenen zwei Jahren von 34 auf 24 Prozent abgestürzt. Und an „offenen und liberalen Menschen“ sind nur noch 15 Prozent übrig.

Diese groben Typeneinteilungen stammten von den Demoskopen des neuen Deutschland-Monitors über Einstellungen zu Demokratie und Politik. Sie klingen dramatisch und passen zu anderen Zahlen, die in diesen Tagen im Osten erhoben werden: Nach einer Insa-Umfrage ist die AfD in den Ostländern mit 27 Prozent Zustimmung die Nummer eins, bundesweit liegt sie bei 15 Prozent. Ausgerechnet in Thüringen, wo der Rechtsextremist Björn Höcke sie führt, und im kaum weniger radikalen Landesverband Sachsen erzielt sie die höchste Unterstützung.

Verabschieden sich die Ostdeutschen nach 32 Jahren von der Demokratie? Mit ihr zufrieden sind laut Deutschland-Monitor nur 39 Prozent. Im Westen sind es 59 Prozent. Doch auch dort sinkt das Vertrauen und wächst die Gruppe der „verdrossenen Populisten“. Die Ostdeutschen sind nur – wieder einmal – weiter vorne.

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Auch im Westen sind die staatstragenden Milieus im Abschwung: Zu den „kleinbürgerlich-konservativen“ Menschen wird noch ein knappes Viertel statt ein knappes Drittel vor zwei Jahren gezählt, die Zahl der „Offenen und Liberalen“ nimmt von 31 Prozent 2020 auf 26 Prozent ab. Die Westdeutschen, das ist der Hauptunterschied, grummeln leiser: Die Gruppe der „angepassten Skeptiker“ ist mit 35 Prozent im Westen am größten, zu den „verdrossenen Populisten“ zählen sich nur 18 Prozent.

In vielen Regionen des Ostens hat die AfD den Sprung zur Volkspartei geschafft: „In vielen Klein- und Mittelstädten im Osten hat sich die AfD enttabuisiert. Sie ist Teil des sozialen Alltags geworden“, sagt der aus Rostock stammende und in Berlin lehrende Soziologe Steffen Mau. Im Westen sei es einfacher, „den dort deutlichen kleineren rechtsradikalen Rand auszugrenzen“.

Der zweite Unterschied zeigt sich auf der Straße: „Verdrossene Populisten“ zieht es seit Pegida-Zeiten auf die Marktplätze, um (lokalen) Zuspruch und (mediales) Ersetzen gleichermaßen zu erzeugen. „Angepasste Skeptiker“ sitzen zu Hause und nehmen übel.

AfD-Bundesgeschäftsstelle in Berlin von Staatsanwaltschaft durchsucht

Ermittler durchsuchen die Bundesgeschäftsstelle der AfD in Berlin und andere Räume. Es geht um frühere Rechenschaftsberichte und Parteispenden.

Einkommen und Vermögen: Erben vs. Geringverdiener

Wenn’s um Geld geht, lässt sich eine Landkarte mit alter BRD und DDR leicht malen: einfach die Landkreise nach Höhe von Einkommen und Besitz einfärben. So wird im Osten immer noch deutlich schlechter verdient als im Westen: Die durchschnittlichen Bruttostundenlöhne liegen – ohne Berlin – bei gut 20 Euro, in Westdeutschland über 26 Euro.

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Eine neue Studie der Hans-Böckler-Stiftung hat das „verfügbare Pro-Kopf-Einkommen“ der Landkreise berechnet – also das Einkommen, das für den Konsum nach Abzug von Steuern und Fixkosten verbleibt: Ein einziger ostdeutscher Landkreis befindet sich über dem gesamtdeutschen Schnitt: Potsdam-Mittelmark mit 24.127 Euro.

Allerdings zieht sich auch eine Nord-Süd-Linie durch Deutschland – da hatte Bundespräsident Rau wohl Recht. In Bayern und Baden-Württemberg liegt das Pro-Kopf-Einkommen etwa 2600 Euro höher als im übrigen Westdeutschland. Und auch die gesamtdeutschen Schlusslichter finden sich im Westen: In Gelsenkirchen und Duisburg liegt das verfügbare Einkommen klar unter 18.000 Euro.

Groß bleibt die Ost-West-Kluft beim Eigentum. Die DDR propagierte Volkseigentum und erlaubte Privateigentum nach Kollektivierung und Verstaatlichung nur im kleinen Maße. Unternehmer, Aktionäre und Privatvermieter gab es nicht im großen Stil. Vermögen aufzubauen war kaum möglich. Die Folge: Der durchschnittliche Westhaushalt ist noch heute mehr als doppelt so wohlhabend wie der Ostpendant. Verfügen Westhaushalte im Schnitt über Immobilien und Geldvermögen von mehr als 180.000 Euro, sind es im Osten knapp 90.000 Euro. Die mangelnde Wirtschaftskraft nach der Wiedervereinigung hat das in den 1990ern noch zementiert.

Familie und Beruf: Teilzeit vs. Kita

Gerade hat das Bundesministerium für Frauen und Familie seinen neuen „Monitor Familienforschung“ vorgelegt, der tiefe Einblicke in die Lebenswelten der deutschen Frauen, Männer, Kinder und verschiedensten Familien gibt – von den Wünschen bis zum Alltag. Und siehe da: Auch hier teilt sich die Republik nach Ost und West – und auch hier liegen die Gründe in der Zeit der Teilung.

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Während in der Bundesrepublik das Familienmodell mit einem männlichen Ernährer und einer Hausfrau dominierte, galt in der DDR die Erwerbstätigkeit von Frauen und Müttern von Anfang an als Norm und wurde politisch gefördert. Lag in der BRD der Fokus der Familienpolitik auf Geldleistungen und steuerlicher Förderung von Familien und galt die Entscheidung zur Elternschaft sowie die Kindererziehung im Westen als Privatsache, betrieb der DDR-Staat gezielte Geburtenförderung – auch durch Ausbau kostenloser, flächendeckender, ganztägiger Kinderbetreuung in allen Altersstufen, die zugleich der sozialistischen Erziehung und der Vollzeitarbeit beider Eltern diente.

Kinderbetreuung bleibt im Westen stets lückenhaft – heute, da Vereinbarkeit von Familie und Beruf ein Thema für Mütter und Väter in Ost und West ist, erweist sich das als Manko. Zugleich ist die jeweilige Prägung langlebig: Dass etwa Mütter, die nur zu Hause sind, irgendwann unzufrieden werden, glauben laut neuen Umfragen 77 Prozent der Ost-, aber nur 69 Prozent der Westdeutschen. Bei Fragen nach der idealen Arbeitszeit für Müttern zweijähriger Kinder plädieren junge Mütter im Westen mehrheitlich für eine halbe Stelle von 16 bis 25 Wochenstunden; im Osten für vollzeitnahe Teilzeit von 26 bis 35 Wochenstunden.

Doch Vorstellungen und Praxis gleichen sich an: In Ost wie West „lässt sich in der jungen Generation weder das Hausfrauenmodell, noch eine gleiche Aufteilung der Erwerbs- und Betreuungsarbeit zwischen den Geschlechtern als meistgelebtes Modell identifizieren“, heißt es in dem Bericht. „Vielmehr überwiegt der Wunsch nach einem flexiblen Zweiverdienermodell, in dessen Rahmen Mütter in Teilzeit arbeiten, solange die Kinder klein sind und später die Arbeitszeit auf Vollzeit oder vollzeitnahe Teilzeit erhöhen.“ Kurz: Auf beiden Seiten nähert man sich dem Mittelweg aus beiden Welten.

Sichtbarkeit und Chefposten: Dominante vs. Marginalisierte

Als die Intendantin des Rundfunks Berlin-Brandenburg, Patricia Schlesinger, nach einem Finanzskandal zurücktrat, riefen viele ostdeutsche Stimmen nach einem oder einer Ostdeutschen als Nachfolger – obwohl der RBB sich ja vor allem an Ossis richtet, wäre es der erste. Er oder sie könnte gleich auf das Empfinden der Ostdeutschen eingehen, in den Programmen wie auf den Chefposten „ihrer“ Sendeanstalten kaum vorzukommen, sodass eine wachsende Anzahl sich in alternativen Informationsblasen abgeschottet hat und etwa den russischen Propagandasender RT als Wahrheit ansehen. Beim RBB kam es anders: Schlesingers Nachfolgerin ist Baden-Württembergerin, die lange in Nordrhein-Westfalen gearbeitet hat.

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Ostdeutsche bleiben an der Spitze die Ausnahme, bei öffentlichen wie privaten Medien – wie auch sonst überall: „Nicht nur unterrepräsentiert sind sie in der landesweiten Elite“, schreibt der Ostbeauftrage der Bundesregierung, Carsten Schneider, in seinem neuen Jahresbericht, „sondern fast nicht auffindbar“: Bei einem Anteil von über 80 Prozent an der Wohnbevölkerung im Osten sei der Anteil Ostdeutscher auf allen Elitepositionen bis 2022 lediglich auf 26 Prozent gestiegen.

Auch das ist ein Erbe der 1990er-Jahre: Um die DDR-Parteieliten zu ersetzen, wurde eine komplette Generation an Führungspersonen aus dem Westen importiert – blieb bis zur Rente und, so Schneider, „rekrutierte ihre Nachfolge aus ihren Netzwerken“. So richten in Sachsen-Anhalt weiter vornehmlich baden-württembergische Richter, in Mecklenburg-Vorpommern leiten bayerische Geschäftsführer mittelständische Unternehmen.

Im Westen gibt es kaum ostdeutsche Chefs: Bei 17 Prozent Bevölkerungsanteil sind 2022 nur knapp 3,5 Prozent aller Führungspositionen von Ostdeutschen ausgestaltet. „Das ist sowohl normativ für den gesellschaftlichen Zusammenhalt und die Sozialintegration als auch wirtschaftspolitisch desaströs“, heißt es in Schneiders Bericht. Immerhin: Am Kabinettstisch der Ampelregierung ist die Ostquote so hoch wie lange nicht. Neben den beiden Ministerinnen Klara Geywitz (Bauen) und Steffi Lemke (Umwelt) stammen die Migrationsbeauftragte Reem Alabali-Radovan und eben der Ostbeauftragte Schneider aus dem Osten.

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