Große Unterschiede zur Atombombe

Was ist eine „schmutzige Bombe“ – und welche Folgen hätte ihr Einsatz?

Welche Auswirkungen hätte eine „schmutzige Bombe“? (Symbolbild)

Welche Auswirkungen hätte eine „schmutzige Bombe“? (Symbolbild)

Der russische Verteidigungsminister Sergej Schoigu behauptete am Sonntag, dass die Ukraine zur Diskreditierung Moskaus die Zündung einer „schmutzigen Bombe“ auf eigenem Gebiet plane. Kiew wies die Vorwürfe entschieden zurück. Was hat es mit der radioaktiv verschmutzten Bombe auf sich?

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Was ist eine „schmutzige Bombe“?

Als „schmutzige Bombe“ werden konventionelle Sprengsätze bezeichnet, die auch radioaktives Material verstreuen. „Es geht darum, radioaktives Material in einem möglichst großen Radius auszubringen, um Gelände unzugänglich zu machen, Menschen zu schädigen und Panik zu verbreiten“, erklärt der Sicherheitsexperte Dr. Oliver Meier vom Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik an der Universität Hamburg (IFSH). Das funktioniere durch die Zerstäubung des radioaktiven Materials bei einer Explosion oder durch die Verwendung von Pulver aus radioaktiven Stoffen.

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Wie werden „schmutzige Bomben“ hergestellt?

Technisch sei der Bau und der Einsatz einer „schmutzigen Bombe“ nicht schwierig, sagt Meier. Dazu könnten jegliche strahlende Stoffe genutzt werden, beispielsweise auch Material aus Atomkraftwerken wie Brennstäbe oder Atommüll. Die Verwendung von speziell angereichertem radioaktiven Material ist nicht zwingend notwendig. „Es ist im Grunde egal, welches strahlende Material dafür genommen wird. Man kann praktisch jedes Spaltmaterial verwenden, das ist die große Gefahr“, erklärt der IFSH-Experte. Der Aufwand der Dekontamination sei im Vergleich zur einfachen Herstellung sehr hoch.

Bislang wurde oft befürchtet, dass „schmutzige Bomben“ zu terroristischen Zwecken verwendet werden könnten, weil sie vergleichsweise einfach und teilweise auch aus radioaktiven Stoffen aus zivilen Einrichtungen herzustellen sind. „Beispielsweise in Krankenhäusern gibt es Geräte zur Bestrahlung, die radioaktives Material in Pulverform enthalten“, erläutert Meier.

Wie unterscheiden sich „schmutzige Bomben“ von herkömmlichen Atomwaffen?

Zwischen „schmutzige Bomben“ und Atomwaffen gibt es große Unterschiede. Während „schmutzige Bomben“ mit beliebigen radioaktiven Materialien ausgestattet werden können, müssen beispielsweise Atombomben mit bestimmten radioaktiven Materialien hergestellt werden. „Das ist wesentlich komplizierter“, sagt Meier.

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Vor allem aber unterscheidet sich das Ziel eines Einsatzes. Atombomben sollen möglichst große Zerstörung anrichten. Das ist bei „schmutzige Bomben“ anders. „Zerstörung durch eine Explosion, eine Druckwelle oder Hitze ist allenfalls ein Nebenprodukt“, erklärt der Sicherheitsexperte. Das radioaktive Material soll sich über einem bestimmten Gelände durch den Wind verteilen und es unzugänglich machen. „Der Schaden für die Betroffenen entstünde dadurch, dass die Menschen in diesen Gebieten mit den radioaktiven Stoffen in Kontakt kämen und vergiftet würden.“ Dabei würde es sich vor allem um Langzeitschäden handeln. „Bei Atombomben haben wir dagegen eine unmittelbare zerstörerische Wirkung, die aber natürlich auch Langzeitschäden zur Folge hat“, erklärt Meier.

Warum sollte die Ukraine eine „schmutzige Bombe“ auf eigenem Gebiet einsetzen?

Für die Ukraine würde der Einsatz einer „schmutzigen Bombe“ auf eigenem Gebiet wenig nützlich sein. „Die Ukraine hat das erklärte Ziel, ihr gesamtes Staatsgebiet zu befreien. Da würde es wenig Sinn ergeben, einen Teil des Territoriums für einen großen Zeitraum unzugänglich zu machen“, erklärt Meier.

Welchen Sinn hätte der Einsatz einer „schmutzigen Bombe“ für Russland?

Russland könnte der Einsatz einer „schmutzigen Bombe“ in der aktuellen Kriegssituation möglicherweise helfen – zumindest mehr als der Ukraine. „So könnten die Vorstöße der Ukrainer in den umkämpften Gebieten aufgehalten werden“, führt Meier aus. Moskau könnte eine solche Waffe nutzen, um den Vormarsch der ukrainischen Truppen und die damit einhergehenden Rückeroberungen von durch Russland besetzte Gebiete zu stoppen.

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Wurde schon einmal eine „schmutzige Bombe“ gezündet?

Ein bewusster Einsatz einer „schmutzigen Bombe“ ist Meier nicht bekannt. Es habe in der Vergangenheit aber immer wieder Zwischenfälle gegeben, bei denen radioaktives Material freigesetzt wurde.

Ein bekannter Fall, bei dem radioaktives Material als Gift eingesetzt wurde, ist der des russischen Putin-Kritikers Alexander Litwinenko, der als Informant des britischen Auslandsgeheimdienstes MI6 arbeitete. Litwinenko starb 2006 in einem Londoner Krankenhaus an den Folgen einer Vergiftung mit Polonium. Nur wenige Stunden bevor er das Bewusstsein verlor, behauptete Litwinenko in einem Interview mit der „Times“, dass er vom Kreml zum Schweigen gebracht worden sei.

Mit Material der Deutschen Presse-Agentur.

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