„Beleidigte Leberwurst“

Botschafter Melnyk - der ungewöhnliche Diplomat

Andrij Melnyk ist Botschafter der Ukraine in Deutschland.

Berlin. Andrij Melnyk kann durchaus auch freundlich sein. Neulich beim Bundespresseball zum Beispiel. Der war zum Solidaritätsball für die Ukraine umfunktioniert, der ukrainische Botschafter war Ehrengast. In seiner Rede lobte er „die starke Stimme der freien Presse“. Ein Ball in Kriegszeiten? „Gerade in diesen dunkelsten Zeiten brauchen wir das kostbare Licht von Kunst und Kultur“, sagte Melnyk und schwenkte zur Kritik: Schade sei es, dass die Politiker hauptsächlich „durch ihre Abwesenheit glänzen“. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und das Bundeskabinett hatten sich entschlossen, dem Ball fernzubleiben.

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Melnyk nennt Kanzler eine „beleidigte Leberwurst“

Vergleichsweise milde war das noch. Wenige Tage später, an diesem Montag, beschimpfte Melnyk Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) als „beleidigte Leberwurst“. Scholz hatte zuvor erklärt, derzeit nicht in die Ukraine zu reisen, weil die Staatsführung den Besuch von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier abgesagt hatte.

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Einen Kanzler als Wurst bezeichnen, das ist schon sehr ungewöhnlich für einen Diplomaten. FDP-Verteidigungspolitikerin Marie-Agnes Strack-Zimmermann forderte eine Entschuldigung. Selbst die Union sah sich genötigt, auf Abstand zu gehen. CDU-Chef Friedrich Merz stellte fest: „Ich finde, wir sollten jetzt mal rhetorisch versuchen, auf ein Niveau zu kommen, wo wir uns die gegenseitige Hilfe nicht unnötig schwer machen.“

Die Leberwurstparallele war zwar vielleicht der gröbste, aber durchaus nicht der erste grobe Kommentar Melnyks. Der 46-jährige Jurist teilt aus, wo es geht. Und das Ziel ist in der Regel die Bundesregierung: Immer geht es darum, dass die Regierung die Wünsche der Ukraine nicht erfüllt oder zu spät oder nicht vollständig. Nato-Beitritt, EU-Beitritt, Waffen – schon vor dem Angriff Russlands hat die ukrainische Regierung, hat Melnyk all das gefordert.

Ein „Spinnennetz der Kontakte nach Russland“ gebe es in der Regierung, sagt er und insinuiert damit Abhängigkeit von Russlands Präsident Wladimir Putin und fehlende Zuwendung zur Ukraine. Er ist kein freundlich-glatter Vermittler, sondern ein Ankläger.

Bundesregierung als Patient

Melnyk spricht über die Bundesregierung wie über einen Patienten, irgendwo zwischen unwillig, begriffsstutzig und unzurechnungsfähig. „Hartherzig und stur“, erlebe er die Koalition, sagt er zum Beispiel. Oder auch: peinlich, gleichgültig, ängstlich, nicht führungsstark. Ein Telefonat des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj mit Kanzler Olaf Scholz hat er in der „Welt“ so beschrieben: „Es war, als ob man mit einer Wand gesprochen hätte.“

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Die deutschen Politiker hätten es einfach noch nicht verstanden, findet Melnyk. Er sagt, er halte es auch für möglich, dass man nicht verstehen wolle. Dass man also die Ukraine schulterzuckend opfere, aus Bequemlichkeit und Fehlkalkulation.

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Bei Ukraine-Debatten im Bundestag nimmt Melnyk auch mal auf der Tribüne Platz. Ein paar Wochen ist es her, da bekam er stehenden Applaus aus allen Fraktionen. „Man feierte eher sich selbst“, spottete Melnyk hinterher bitter. Der Botschafter verspiele mit seinem Auftreten Sympathien für sein Land, heißt es mittlerweile parteiübergreifend im Bundestag. Vor dem Angriff Russlands war die Frage zu hören, ob Melnyk versuche, sich für eine innenpolitische Karriere in seiner Heimat zu profilieren. Kurzzeitig ist er dort einmal Europaminister gewesen.

Eines zumindest ist sicher: Mit scharfen Äußerungen wird man öffentlich mehr wahrgenommen als mit abgewogenen Freundlichkeiten.

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