Bundesagrarminister in Lübeck

Wie Cem Özdemir auf dem Bauerntag um die Landwirte wirbt

Bundeslandwirtschaftsminister Cem Özdemir auf dem Deutschen Bauerntag in Lübeck.

Bundeslandwirtschaftsminister Cem Özdemir auf dem Deutschen Bauerntag in Lübeck.

Lübeck. Cem Özdemir kommt auf den Bauerntag, und erst mal hätte das fast keiner bemerkt. Der Bauernpräsident Joachim Rukwied natürlich schon, der empfängt den Agrarminister vor der Tür der Lübecker Messehalle vor einem riesigen Traktor. Die meisten der knapp 500 Verbandsvertreter und ‑vertreterinnen machen Kaffeepause. Sie haben gerade Abstimmungen zu Satzungsänderungen hinter sich. Es gibt Streuselkuchen und Donauwelle. Der Saal ist leer, und es braucht ein bisschen, bis alle wieder da sind. Özdemir sitzt in der ersten Reihe, Verbandspräsident Joachim Rukwied ruft die Kollegen in den Saal, einmal, zweimal, mehrere Male.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Özdemir auf dem Bauerntag: immerhin keine Pfiffe

Immerhin gibt es keine Pfiffe, anders als bei der letzten grünen Agrar­ministerin Renate Künast. Rund 20 Jahre ist das her. „Vielen Dank für den freundlichen Empfang“, sagt Özdemir, als der Saal dann endlich wieder voll ist.

Empfang mit Traktor: Cem Özdemir mit dem Präsidenten des Bauernverbandes, Joachim Rukwied.

Empfang mit Traktor: Cem Özdemir mit dem Präsidenten des Bauernverbandes, Joachim Rukwied.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Und dann wirbt er um Vertrauen. „Es ist mir nicht entgangen, dass mir der eine oder andere, die eine oder andere mit Skepsis begegnet“, beginnt er. Er sei ja auch Vegetarier. „Aber wenn ich meine Essgewohnheiten zur Grundlage meiner Politik machen würde, würde mir meine argentinische Frau mit dem Steak eins überbraten.“ Es gibt den ersten spontanen Applaus, „Ich bin nicht nur Schwabe, sondern auch noch Grüner. Man fragt sich: Was ist schlimmer?“ Wieder Lacher und Applaus.

Er macht das auf zwei Arten – durch den Versuch des Schulterschlusses und durch Abgrenzung zu anderen, zur Union nämlich, die in den vergangenen 16 Jahren das Agrarministerium geführt hat. Die Landwirte gehören zur klassischen Wählerbasis von CDU und CSU. Özdemir greift an: „Wer regiert, muss Verantwortung tragen. Aber: Wer zuvor regiert hat, muss auch Verantwortung tragen“, sagt er. Und einige in der Union verwechselten da jetzt als Opposition offenbar Hochmut mit Demut. „Es gibt auch falsche Freunde“, ruft der Minister den Landwirten zu.

„Es ist wichtig, dass wir uns nicht gegeneinander ausspielen lassen“, sagt er. Die Zukunfts­sicherheit der Bauernhöfe, Klimapolitik und die Sicherstellung der Ernährung müssten zusammen gedacht werden. Er spricht über vertrocknende Flüsse und in der Hitze vom Himmel fallende Vögel. Mehr eine Klimakatastrophe sei das als eine Klimakrise – es erinnere an „eine Apokalypse“. Und er spricht die Landwirte direkt an. Sie stünden für die Verbundenheit mit der Heimat. „Ein Start-up kann man gründen, dann scheitern, dann gründet man es woanders noch mal“, sagt der Minister. „Wenn ein Hof nach mehreren Generationen scheitert, geht unwiederbringlich was kaputt.“ Und die Zusammenfassung ist diese: „Wir müssen aufhören damit, Krisen vermeintlich zu lösen, indem wir andere Krisen verschärfen. Wenn das eine nicht funktioniert, wird auch das andere scheitern.“ Und auch den Streit zwischen konventioneller und ökologischer Landwirtschaft könne man eigentlich mal sein lassen. Wieder: Applaus.

Es gibt Applaus für den Minister

Aber es gibt ja auch konkrete inhaltliche Fragen. Der Frage von Rukwied, ob die ökologischen Vorrangflächen wegen der weltweiten Ernährungskrise für den Anbau freigegeben werden sollten, begegnet er mit dem Hinweis auf EU-Recht – und auf Flächen für Straßenbau. Und dann kommt noch Özdemirs zentrales erstes Projekt, die Haltungs­kennzeichnung für Fleisch. Die müsse mit einer Herkunfts­kennzeichnung ergänzt werden, fordert Rukwied. Es könne doch nicht das Ziel sein, dass Fleisch von „betäubungslos kastrierten Ferkeln als Tierwohlqualität zu deklarieren“. Irgendwo müsse man mal anfangen, sagt der Minister. Aber eines sei dafür schon wichtig: die Finanzierung. „Beim notwendigen Wandel nur auf den Markt zu setzen wäre politisch höchst unsolidarisch“, sagt Özdemir. Wie das zu verstehen ist, hat zuvor Rukwied formuliert: „Die Finanzierung muss auf den Weg gebracht werden. Im Moment scheitert die an der FDP.“

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Den größten Applaus bekommt zum Schluss eine junge Frau, deren Ausbildungsbetrieb einen Preis bekommt. „Ich habe manchmal das Gefühl, dass die deutsche Landwirtschaft nicht gewollt ist“, sagte sie.

ARCHIV - 26.06.2012, Baden-Württemberg, Stuttgart: ILLUSTRATION - Eine ältere Frau zählt Geld. (zu dpa «Stärkste Rentenerhöhung seit Jahrzehnten beschlossen») Foto: Marijan Murat / dpa +++ dpa-Bildfunk +++

Was Sie über die Rentenerhöhung wissen sollten

Am 1. Juli ist es so weit: Die Renten werden deutlich erhöht. Im Westen steigen sie um 5,35 Prozent, im Osten um 6,12 Prozent. Gleichzeitig wird das Plus von der Inflation aufgefressen. Fünf Dinge, die Sie über Ihre Rentenerhöhung wissen müssen – und worauf der Einzelne jetzt noch hoffen kann.

Özdemir strahlt sie an: „Wenn die Zukunft der Landwirtschaft so ist wie Sie, muss man sich keine Sorgen machen, dass die Interessen auch künftig stimmgewaltig vertreten werden. Das bisherige Prinzip der Agrarpolitik „Schneller oder größer“ und „Wachse oder weiche“ habe er jedenfalls nicht erfunden. Er sei der, der das ändern wolle.

Laden Sie sich jetzt hier kostenfrei unsere neue RND-App für Android und iOS herunter.

Mehr aus Politik

 
 
 
 
 
Anzeige
Anzeige
Empfohlener redaktioneller Inhalt

An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt von Outbrain UK Ltd, der den Artikel ergänzt. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen.

 

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unseren Datenschutzhinweisen.

Letzte Meldungen