Auftritt in Lützerath ist kein Comeback

Der leise Abschied der Greta Thunberg

Die Klimaaktivistin Greta Thunberg ist aktuell in Lützerath – zuletzt hatte es weniger öffentliche Auftritte gegeben.

Die Klimaaktivistin Greta Thunberg ist aktuell in Lützerath – zuletzt hatte es weniger öffentliche Auftritte gegeben.

Eine zierliche junge Frau, Mütze auf dem Kopf, ein Plakat in der Hand, so kennt man Greta Thunberg. Es sind Bilder, wie sie Freitag und Samstag aus Lützerath kamen, als sich Greta Thunberg unter die Demonstrierenden mischte. Dass Deutschland die Braunkohle unter dem einstigen Dorf abbauen will, kann sie nicht nachvoll­ziehen. Schockierend sei das, sagte sie im Interview am Freitag, als sie den gesperrten Bereich besuchte. Am Samstag wurde sie noch deutlicher, verglich Lützerath mit dem Ort Mordor aus der „Der Herr der Ringe“-Saga.

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+++ Alle Entwicklungen zur Räumung von Lützerath im Liveblog +++

Länger hatte es keine solchen Bilder von Greta Thunberg mehr gegeben. Die 20‑Jährige zog sich zurück, auch Öffentlichkeit und Medien schienen das Interesse verloren zu haben. Außer einem Buch, das sie im vergangenen Jahr veröffentlichte, und einem großen Interview bei Sandra Maischberger im vergangenen Oktober, bei dem Thunberg sich dafür aussprach, lieber Atomkraftwerke weiterlaufen zu lassen als Braunkohle und Öl zu fördern, um gegen die Energiekrise vorzugehen, kam nicht viel. Selbst eine Sammelklage von mehr als 600 Kindern und Jugendlichen gegen den schwedischen Staat wegen der unzureichenden Klimapolitik war nur eine Randnotiz in deutschen Nachrichtenmedien.

Greta Thunberg: Schulstreik ohne Aufmerksamkeit

Nahezu unbemerkt von der Welt­öffentlichkeit ging ihr Protest in Schweden weiter. Zuletzt versammelten sich nur noch rund ein Dutzend Mitstreiterinnen und Mitstreitern um die Klimaaktivistin, wenn sie freitags vor dem Stockholmer Parlament Klima­gerechtigkeit forderte, manchmal gar nur eine Handvoll. Aber auch Greta Thun­berg selbst ließ es ruhiger angehen. An einigen Tagen nutzt sie soziale Medien gar nicht mehr und in den vergangenen Wochen und Monaten häufiger nur zum Retweeten und Teilen, nicht für eigene Debatten.

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Mit der Weltbühne fremdelte sie zuletzt, zur Welt­klima­konferenz in Ägypten im November reiste sie nicht an. Die Schwedin wirkte pessimistischer, wirklich etwas verändern zu können, gab auch offen zu, an Grenzen zu kommen. „Einige Dinge, die Staats­oberhäupter gesagt haben, wenn das Mikrofon nicht eingeschaltet war, sind schwer zu glauben“, sagte sie etwa „Västerbottens Kuriren“.

Greta Thunberg: Aktivistin, aber nicht mehr Frontfrau

In Europas Medien und Öffentlichkeit fokussierte man sich auf den Krieg in der Ukraine, in Deutschland höchstens noch auf radikalere Aktivistinnen und Aktivisten, die als „Klimakleber“ verunglimpft wurden, oder auf das bekannteste heimische Gesicht des Klimaprotests, Luisa Neubauer. Seite an Seite mit ihr zeigte sich Greta Thunberg nun erstmals wieder öffentlich in Deutschland, in Lützerath, wo es um Thunbergs Herzens­thema geht, um die Förderung von Braunkohle.

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Aktivistin bleibe sie immer, sagte Greta Thunberg bei Sandra Maischberger. Aber was schon an ihrem Verhalten in den Monaten davor erkennbar war, sprach sie nun auch aus: Sie wolle sich zurückziehen. Der Fokus der jungen Frau, die als 15‑Jährige allein mit einem selbst gemalten Plakat vor dem schwedischen Parlament demonstrierte, hat sich verschoben.

Auszug und Schulende: Greta Thunberg wird erwachsen

2019 nahm sich Greta Thunberg ein Jahr schulfrei, um fürs Klima zu kämpfen. Sie sprach auf Konferenzen, organisierte große Demonstrationen und gab Interviews. Aus ihrem Schulstreik, wie sie ihren Protest nannte, wurde eine globale Bewegung: Millionen gingen inzwischen weltweit für Fridays for Future auf die Straßen. Doch dann kam die Pandemie und Thunbergs Klima­schutz­forderungen wurden zum Randthema. Corona im Fokus, Versammlungs­verbote, Reiserestriktionen – Thunbergs bis dato erfolgreiche Strategie ging nicht mehr auf.

Es war die Zeit, in der auch Greta Thunberg sich mehr auf ihr Privatleben konzentrierte. Im Herbst 2021 zog sie aus ihrem Elternhaus aus in eine eigene Wohnung in Stockholm mit ihren beiden Hunden, Labrador Roxy und Golden Retriever Moses, wie Reuters berichtete. Sie geht seit zwei Jahren auf ein nachhaltiges Gymnasium in Stockholm, wird vermutlich in diesem Jahr ihren Schul­abschluss machen.

Nun geht es auch um Greta Thunbergs persönliche Zukunft

Schon in den vergangenen Jahren, seit ihrer Rückkehr zur Schule, war es stressig für sie, Schule und Klima­protest zu vereinbaren. Da wegen Corona viele Fridays-for-Future-Treffen und auch weltweite Konferenzen online stattfanden, war es einfacher. Nun geht es zurück zur Normalität, zurück zur Präsenz – gleichzeitig nimmt der Aufwand für die Schule zu.

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Die Klimakatastrophe prägt unser aller Zukunft, doch Greta Thunbergs persönliche Zukunft hängt auch von ihrem Schul­abschluss ab. Auch wenn sie ihren mittleren Abschluss nach der neunten Klasse mit guten Noten abschließen konnte, gab sie bereits zu: Ohne ihren Schulstreik und die Klimaproteste hätte sie in allen Fächern die Note eins bekommen, sagte sie gegenüber „Dagens Nyheter“. Auch wenn sie noch nicht wisse, was nach der Schule komme, wolle sie sich verschiedene Optionen offenhalten, etwa im sozialen Bereich zu studieren und für eine Nicht­regierungs­organisation zu arbeiten. Überlegungen, die einen guten Abschluss voraus­setzen.

Greta Thunberg: beleidigt, verspottet, vergöttert

Mit dem nahenden Ende ihrer Schulzeit endet auch die Zeit ihres Schulstreiks für das Klima. Denn das war immerhin der Ursprung von Fridays for Future: Die Plakate, die Greta Thunberg bastelte und mit denen sie 2018 vor dem Parlament saß, sagten etwas von Schulstreik: „Skolstrejk för klimatet“. Es fühle sich falsch an, diese Art des Protests unter diesem Namen fortzuführen, wenn sie keine Schülerin mehr sei, sagte die 20‑Jährige im Herbst 2022 öfter.

Greta Thunberg, die Anführerin einer Generation, hat ihre Jugend dem Klimaschutz geopfert. Immer wieder musste sie Hass­kommentare, Beleidigungen, Drohungen und Spott ertragen, über ihr Aussehen, über ihren Autismus, über ihre Interessen, über ihr Engagement. Sie polarisierte, durch ihre Vehemenz, ihre Leidenschaft. Sie lieferte sich Twitter-Battles mit dem ehemaligen US‑Präsidenten Donald Trump und konterte legendär einen Tweet des misogynen Influencers Andrew Tate – der nur einen Tag später in Rumänien verhaftet wurde.

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Greta Thunberg in Lützerath: kein Comeback

Nun werde es Zeit, sagte sie „Västerbottens Kuriren“, das Megafon weiterzugeben. Als sie mit ihrem Protest begann, sei es vor allem um die Klimakrise in Schweden gegangen. Mittlerweile habe sie viele Menschen getroffen, die bereits jetzt Opfer der Klimakrise sind. „Wir brauchen neue Perspektiven“, sagt Thunberg.

Gleichzeitig haben sich parallel zu Fridays for Future weitere Klima­schutz­bewegungen etabliert. In Deutschland etwa jene, die Gemälde mit Essen beschmiere und sich auf Straßen festklebe. Unter der öffentlichen Kritik an diesen radikaleren Formen litt auch Fridays for Future. Thunberg beklagte einst, dass die Leute nicht differenzierten zwischen den verschiedenen Strömungen.

Am Freitag besuchten Luisa Neubauer (Zweite von links) und Greta Thunberg (Dritte von rechts) den von Klimaaktivistinnen und ‑aktivisten besetzten Braunkohleort Lützerath.

Am Freitag besuchten Luisa Neubauer (Zweite von links) und Greta Thunberg (Dritte von rechts) den von Klimaaktivistinnen und ‑aktivisten besetzten Braunkohleort Lützerath.

Ist ihr Auftritt in Lützerath nun ein Zeichen dafür, dass sie zurückkommt? Dass ihr Engagement weitergeht, dass sie ihre Arbeit an vorderster Front der Klima­bewegung wieder aufnimmt? Eher nicht. Auch in den vergangenen Monaten und Jahren setzte Thunberg immer mal wieder Highlights, sprach auf Konferenzen, die ihr wichtig waren. Vor allem bei jenen, bei denen sie das Gefühl hatte, gehört zu werden. Doch es wirkt, als würde Greta Thunberg nun einfordern, dass andere das Ruder übernähmen. Die Rettung der Welt, sie braucht mehr als das Gesicht einer jungen Frau aus Schweden.

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