Influencerin Sophia Thiel: „Ich dachte: Wenn ich in Therapie gehe, kann ich mit Social Media aufhören“

Influencerin Sophia Thiel ist einer der bekanntesten Fitnessstars in Deutschland. Nun spricht sie offen über ihre Essstörung.

Influencerin Sophia Thiel ist einer der bekanntesten Fitnessstars in Deutschland. Nun spricht sie offen über ihre Essstörung.

Rund zwei Jahre hatte sich Sophia Thiel (26), eine der bekanntesten Fitnessinfluencerinnen, aus der Öffentlichkeit zurückgezogen. Vor Kurzem hat sie dann ihre Auszeit erklärt: Sie hat eine Essstörung und macht deshalb eine Psychotherapie. Darüber hat sie auch ihr Buch „Come back stronger. Meine lange Suche nach mir selbst“ geschrieben. Im RND-Interview spricht sie ausführlich darüber:

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Sophia Thiel, Sie haben vor Kurzem öffentlich gemacht, dass Sie an einer Essstörung leiden, und ein Buch darüber geschrieben. Wie schwer ist Ihnen das gefallen?

Natürlich hatte ich Bedenken, mit meiner Essstörung online zu gehen, und wie meine Community darauf reagieren würde. Aber ich dachte: entweder so zukünftig oder gar nicht mehr.

Stand es für Sie zur Debatte, nicht zurückzukehren als Influencerin?

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Ja, wenn ich keinen nachhaltigen Weg gefunden hätte, um mit meiner Essstörung umzugehen, hätte ich mit Social Media aufgehört. Ich habe aber gemerkt, dass ich durch die Therapie einen Weg gefunden und mich sicher gefühlt habe, damit an die Öffentlichkeit zu gehen.

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In einem Video erzählen Sie, dass Sie schon als Jugendliche kein gesundes Verhältnis zum Essen hatten. Wann wurde Ihnen zum ersten Mal klar, dass Sie eine Essstörung haben?

Tatsächlich habe ich die Essstörung erst in der Therapie als solche erkannt. Die Therapie war der letzte Ausweg für mich. Aber erst mit dieser Erkenntnis konnte ich den Heilungsprozess starten. Man muss es wahrhaben und wissen, in welches Muster man fällt. Man ist damit alles andere als allein, mit Essstörungen haben viele Menschen zu kämpfen. Als ich herausgefunden habe, dass ich da in ein klassisches Muster falle, war das enorm erleichternd.

Wann ist Ihnen klargeworden, dass Sie da bestimmte Dinge wie Ihre strikten Diät- und Trainingspläne loslassen müssen?

Das ist ein stetiger Prozess. Aber der Moment, als bei mir diese manischen Essanfälle aufgehört haben, war im August, also im vierten Monat der Therapie. Natürlich gibt es immer wieder Situationen, in denen ich mich überesse, aber nie mehr in dieser Manie. Ich bin jetzt ein Jahr lang in Therapie, aber in meinen Augen ist das eigentlich noch nichts. Es fühlt sich alles noch so neu an, dass ich jetzt zum Beispiel die Freiheit habe zu entscheiden, wie viel Sport ich mache. Ich kann essen, worauf ich Lust habe, und es fällt mir manchmal trotzdem schwer. Da gibt es noch Momente, wenn ich zum Beispiel im Restaurant das Gemüse ohne Soße bestellen will, obwohl ich auf was anderes Lust hätte. Dann fragt mich mein Freund: Hast du wirklich Lust darauf oder willst du deinem Diätdenken nachgehen? So verhindert man unkontrollierte Essanfälle, wenn man dem nachgeht, was man will. Man presst sich sonst in ein Ideal und hat dann wieder diese Ausbrüche.

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Hatte Ihr Freund auch Anteil daran, dass Sie die Therapie angefangen haben?

Ja. Es gab einen sehr einschneidenden Moment, als mein Freund mich auf frischer Tat nach einem Essanfall ertappt hat. Wir haben uns im Januar kennengelernt, damals dachte ich: Liebe war das, was mir gefehlt hat. Ich habe meine Einsamkeit in Essen ertränkt und jetzt habe ich keine Essanfälle mehr. Das ging drei Monate gut, und dann kamen die Rückfälle. Da dachte ich: Ich schaffe es nicht mehr allein. Nachdem er mich erwischt hatte, habe ich ihm alles gestanden und ihm gesagt, dass ich mir professionelle Hilfe suche.

Wie hat Ihre Familie darauf reagiert?

Meine Eltern waren erleichtert, weil sie das schon eher gesehen haben. Schon 2017 hätte ich mit einer Therapie anfangen sollen, weil ich daneben viele persönliche Krisen hatte, unter anderem eine schwere Trennung. Da konnte ich noch nicht benennen, dass ich eine Essstörung habe. Aber es sind schon sehr viele Dinge vorgefallen, die mich belastet haben. Meine Eltern haben schon immer gemerkt, dass ich da Hilfe bräuchte.

Wie erklären Sie sich, dass Therapien immer noch auf eine Art tabuisiert sind?

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Es ist schon ein enormes Stigma. Ich dachte: Wenn ich in Therapie gehe, dann kann ich mit Social Media aufhören, weil ich quasi „kaputt“ bin. Im Nachhinein habe ich gemerkt, wie cool eine Therapie ist und dass das jeder machen sollte, weil jeder im Umfeld mit solchen Themen zu kämpfen hat. Wenn man sich den Arm bricht, geht man ja auch zum Arzt. Aber keiner will zum Therapeuten gehen. Deswegen möchte ich auch auf Social Media in Zukunft offen über Therapie, Essstörungen und generell psychische Erkrankungen sprechen.

Wie reagieren Sie heute nach rund einem Jahr Therapie, wenn Ihnen etwas Negatives passiert? Wie schaffen Sie es, nicht in alte Muster zurückzufallen?

Man muss unterscheiden zwischen Vorfällen und Rückfällen. Ein Vorfall kommt mal vor an einem schlechten Tag, vielleicht beeinflusst es auch den zweiten Tag, aber es sind keine Tage oder Wochen, die sich aneinanderreihen und einen in ein psychisches Loch reißen wie bei einem Rückfall. Einen richtigen Rückfall hatte ich schon lange nicht mehr. Ein Vorfall kommt ab und zu vor. Als ich nach meiner Auszeit wieder online gegangen bin, ging es wieder von null auf hundert los. Damit bin ich nicht zurechtgekommen, weil ich davor so viel Zeit für mich hatte. Ich dachte, ich schaffe das, und freue mich auch, wieder gebraucht zu werden.

Kritiker könnten Ihnen vorwerfen, durch Ihr Buch nun Geld mit der Essstörung zu machen. Was entgegnen Sie solchen Aussagen?

Das Buch macht mich nicht reich, weil wir das ganze Budget, das man vorab bekommt, für die Produktion verwendet haben. Es werden immer solche Sachen kritisiert, vor allem bei Influencern. Dabei ist das heutzutage ein normaler Beruf. Allein von Luft und Liebe kann ich nicht leben. Lieber verdiene ich mit Dingen mein Geld, für die ich stehe, als dass ich für Schmuck und Kosmetik Werbung mache oder mit schnellen Kooperationen und Swipe-up-Links was verdiene. Ich habe letztens auf Google gesehen, dass ich auf Millionen geschätzt werde. Die können natürlich meinen Kontostand nicht sehen, aber ich habe in der Vergangenheit viel Lehrgeld zahlen müssen.

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Haben auch andere Influencer aus dem Fitnessbereich darauf reagiert, dass Sie offen über Ihre Essstörung sprechen?

Viele Influencer haben auf das Buch reagiert, und befürworten das. Man merkt auch, dass viele Influencer mehr über solche Themen reden, aber so was noch nicht für sich selbst aussprechen können. Ich habe ein Video mit dem Titel „Ich habe eine Essstörung“ hochgeladen, ich glaube bei so direkten Worten ist die Hemmschwelle noch sehr groß, diesen Bereich der perfekten Social-Media-Welt zu verlassen. Da möchte ich anderen Influencern Mut machen, dazu zu stehen. Das nimmt auch der Community einen enormen Druck, weil die sich auch vergleichen. Schwäche wird aus Influencer-Sicht immer noch als Versagen gesehen.

Meinen Sie, die Influencer-Branche muss umdenken und mehr Realität und Ehrlichkeit zeigen?

Auf jeden Fall. Es wäre schön, wenn die Leute mehr echte Sachen in den sozialen Medien sehen. Das ist bei mir auch noch ein Prozess. Man muss ja nicht seine Cellulite in die Kamera halten, aber sich so zeigen, wie man ist. Ich habe mich früher wie viele andere an Zahlen orientiert. Viel nackte Haut kommt gut an, Pobilder kommen gut an, dann poste ich mehr so was. Das finde ich schade, weil das Authentizität nimmt. Wenn der ganze Feed nur aus Pobildern besteht, hat es auch nicht viel mit der Person zu tun. Man sollte sich einfach fragen: Wer bin ich und wofür stehe ich? Das macht man auch in der Therapie.

Haben Sie das Gefühl, dass sich da in der Influencer-Branche etwas ändert?

Ja, aber langsam. Es ist ein Prozess. Diese Scheinperfektion auf Instagram wird immer noch totgelikt. Aber in den USA wird schon mehr Individualität auf Instagram gefeiert. Mehr Leute zeigen sich auch ungeschminkt, und zeigen sich einfach in ihrem Körper.

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Wie geht es jetzt für Sie weiter?

Ich versuche, in den sozialen Medien einen Spagat zu schaffen zwischen persönlichen, auch unterhaltsamen Themen, aber auch ernsteren. Dann habe ich noch ein neues Start-up-Projekt, mit dem ich mir ein zweites Standbein aufbauen will, unabhängig von meiner Social-Media-Präsenz. Das war in meiner Auszeit sehr schwierig, dass ich keinen Job hatte und eine große Leere in mir. Es geht dabei um eine Onlineapplikation zum Thema Mental Health. Ich werde auch nicht jünger und irgendwann ist Social Media auch für mich vorbei. Ich sehe mich auch nicht, wenn ich mal Kinder haben sollte, mit denen vor der Kamera.

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