Sind Sie bereits Abonnent? Hier anmelden

 

Sind Sie bereits Abonnent? Hier anmelden

Anzeige
FOKUS GESUNDHEIT

Psychiatrie am Limit: Professorin Kamila Jauch-Chara vom Kieler ZIP gibt Auskunft

Problematische Versorgung von psychisch Erkrankten in Schleswig-Holstein: weniger Therapie-Plätze und zugleich schwerere Fälle

Psychiatrie am Limit: Professorin Kamila Jauch-Chara vom Kieler ZIP gibt Auskunft

Dег Dauer-Krisen-Zustand wirkt sich, zwei Jahre nach Beginn der Corona-Pandemie, auch auf die Versorgung psychisch kranker Menschen in Schleswig-Holstein aus. Wir sind am Limit angekommen", berichtet Prof. Kamila Jauch-Chara, Direktorin des Kieler Zentrums für Integrative Psychiatrie (ZIP). Es gebe viele Personalausfälle. Mitunter würden nur die an schwersten erkrankten Patienten stationär aufgenommen. Zudem seien die Krankheitsbilder betroffener Patienten stärker ausgeprägt.

In den vergangenen zwei Jahren habe der Missbrauch von Substanzen wie Alkohol, Beruhigungsmitteln und illegalen Drogen zugenommen, so Jauch-Chara. Zudem gebe es einen Schwerpunkt bei der Therapie von Psychosen. Auch daran merke man, dass es den Patienten mit den Belastungen aktuell nicht gut gehe.

Unter Corona-Bedingungen und durch Schreckensnachrichten vom Krieg in der Ukraine hat der Missbrauch von Beruhigungsmitteln und Alkohol zugenommen. Grafik, Foto: melita, Delphotostock - stock.adobe.com

Besonders im Fokus steht derzeit im ZIP die Behandlung affektiver Störungen wie Depressionen und Angste. Dabei geht es laut Jauch-Chara um eine Zunahme allgemeiner Existenzängste wegen Pandemnie bedingter Ausfälle oder Kurzarbeit, aber auch um die Sorge vor steigenden Kosten für Lebensmittel oder die Energieversorgung. Manche Ängste gehen noch viel tiefer. 

Die neue Angst durch den Ukraine-Krieg trifft auf eine seelisch durch die Pandemie bereits belastete Bevölkerung in der Krise, die sich noch nicht stabilisieren konnte", sagt Jauch-Chara. Die vergessen geglaubte Bedrohung durch einen Krieg ist plötzlich wieder da - mit voller Heftigkeit."

Die Einrichtungen des ZIP haben selbst noch mit den Auswirkungen der Pandemie zu kämpfen. Ausfälle beim Personal durch Corona-Infektionen und Quarantäne-Anordnungen stünden auf der einen Seite, eine zunehmende Belastung durch einen gestiegenen Schweregrad psychiatrischer Erkrankungen mit zusätzlichem Fürsorgeaufwand auf der anderen Seite.

Viele Patienten melden sich erst dann, wenn ihre psychische Belastung deutlich an Stärke zugenommen hat. Der Zugang zu therapeutischen Angeboten wird aber durch die Pandemie überschattet. Vollstationäre Plätze stehen dann mitunter nicht in dem Ausmaß zur Verfügung, wie vor Beginn der Corona-Pandemie", so Jauch-Chara.

In den meisten Fällen können wir trotzdem den schwerstbelasteten Patienten eine sofortige stationäre Aufnahme ermöglichen. Den Hilfesuchenden, die nicht notfallmäßig aufgenommen werden müssen, bieten wir an, geplant voll- oder teilstationär aufgenommen und, wenn sie keinen ambulanten Behandler haben, überbrückend in unserer Ambulanz oder in unserem Medizinischen Versorgungszentrum behandelt zu werden", sagt Jauch-Chara. 

Die Patienten mit weniger dramatisch ausgeprägten Störungen, bei denen eine elektive, also weniger dringliche, störungsspezifische Behandlung indiziert ist, müssten sich teilweise auf Wartezeiten einrichten, bevor sie ein Bett etwa auf der Depressions- oder Psychose-Station erhalten. 


,,Für jeden, der noch nach seinem Weg aus Sorgen, Ängsten und depressiven Verstimmungen sucht, kann die Antwort auf eine Frage helfen: Woran hatte ich früher Spaß?“ 


Kamila Jauch-Chara Direktorin ZIP


Im Kieler Zentrum für Integrative Psychiatrie gibt es 127 vollstationäre psychiatrische Betten sowie 20 für die psychosomatische Abteilung. Zum teilstationären Angebot tragen die drei Tageskliniken mit insgesamt 72 Plätzen bei. Aus Hygiene-Gründen sei das Angebot derzeit auf etwa 20 bis 21 Plätze pro Tagesklinik reduziert. 

In der ans ZIP angeschlossenen Instituts-Ambulanz werden derzeit etwa 5200 Patientenfälle pro Quartal behandelt. Ein Patient pro Quartal ergebe aus Krankenkassensicht einen Fall. In der Ambulanz werden ärztliche Gespräche, aber auch Sitzungen in Einzel- und Gruppentherapie angeboten. 

,,Eine Psychotherapie ist bei den meisten psychischen Erkrankungen die Methode der Wahl“, sagt Jauch-Chara. In manchen Fällen sei auch eine Kombination mit Medikamenten wie Psychopharmaka für Menschen mit psychischen Erkrankungen wie Depressionen, Angsten oder Psychosen hilfreich.

Sie wart davor, bei anhaltenden psychischen Problemen wie Anspannung, Grübeln, Schlafstörungen, Gedankenkreisen, Aufmerksamkeitsproblemen, Antriebslosigkeit, Sorgenketten aus Was-ist-Wenn"-Fragen und Angsten zu lange zu warten, bevor man sich Hilfe sucht. Die Lebensqualität ist in solchen Krisen massiv reduziert. Je früher wir eingreifen können, desto schneller erreichen wir in der Behandlung ."

Aber gerade in der Pandemie machten viele Menschen ihre Probleme mit sich allein aus. Die Möglichkeiten zur Selbststabilisierung durch einen Ausgleich in der Freizeit waren beschränkt. Alle Gesellschaftsschichten seien unter den Erkrankten vertreten. Von den affektiven Störungen seien ,,wesentlich mehr Frauen betroffen", unter Männern stärker Suchtprobleme verbreitet.

Doch es gibt eine Gemeinsamkeit. Die meisten Patienten, die während der Pandemie zum ersten Mal bei uns behandelt werden, sind über die Beschränkungen und Alltagssorgen in ihrem Leben gestolpert“, berichtet Kamila Jauch-Chara. Manche Menschen könnten sich eben nicht so gut an Veränderungen anpassen und reagierten, besonders bei zusätzlichen Existenzängsten, mit psychischen Erkrankungen.

Nun kämen durch den Krieg besonders bei älteren Menschen längst vergessen geglaubte Fluchterinnerungen wieder hoch. Oder Erinnerungen an den Kalten Krieg. Die Angst vor einem neuen Weltkrieg, einem Atomkrieg stünde plötzlich im Raum.

Hier nennt sie ganz konkrete Tipps: Ein positiver Umgang mit Angst und Hilflosigkeit gegenüber dem Krieg sei es, sich zu engagieren oder zu demonstrieren. Damit kann man zumindest kurz aus der Machtlosigkeit heraustreten und eine Kleinigkeit dazu beitragen, die Situation zu beherrschen", rät die Expertin.

Und sie empfiehlt, eine ständige Konfrontation mit Schreckensmeldungen zu vermeiden. ,,Einmal am Tag eine Nachrichtenquelle aussuchen, der ich vertraue - dann kann ich auch die Bedrohungslage besser einschätzen und habe mehr Distanz."

Gerade Depressionen und Angst-Störungen sind häufig auf anhaltende Stressbelastungen zurückzuführen sind. Was können wir also vorbeugend tun? Ein einfacher wie klarer Hinweis: am Umgang mit Stress arbeiten. Durch geregelte Strukturen im Alltag, ausreichend Schlaf, abwechslungsreiche Ernährung, Entspannungsmethoden und Möglichkeiten des Ausgleichs durch Hobbys wie Sport oder Freizeitaktivitäten und nicht zuletzt durch Gespräche mit Freunden kann man sogar eine leicht depressive Symptomatik abmildern.

Es ist schon ein Fortschritt, wenn sich die Stimmung von mies auf so lala oder neutral verbessert", betont Jauch-Chara. Und für jeden, der noch nach seinem Weg aus Sorgen, Ängsten und depressiven Verstimmungen sucht, kann die Antwort auf eine Frage helfen: Woran hatte ich früher Spaß? All dies gilt weiter, auch wenn es vielleicht durch Probleme überschattet wird. Wir müssen es nur wiederentdecken." R. Beckwermert