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STILLE TAGE DES GEDENKENS

Bestattungskultur im Wandel der Zeit

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Der Friedhof als Stätte der Trauer, aber auch der Begegnung. Foto: stockpics/stock.adobe.com

Bernd K. Jacob, Friedhofsbeauftragter im Ev.-Luth. Kirchenkreis Lübeck-Lauenburg, spricht über die Veränderungen in der Friedhofskultur

Wenn wir vom Wandel der Bestattungskultur reden wollen, sollten wir eigentlich bei den Pyramiden oder den Hünengräbern anfangen. Sichtbare Zeichen von Rang und die Sicherheit etwas zu hinterlassen, was von der eigenen Präsenz zeugt. Dieser Wunsch ist der rote Faden, der bis heute die Friedhofskultur prägt, bis heute bestimmt dieser Gedanke die Gestaltung der Abschiedskultur.

Im mittelalterlichen Abendland war die Kirche mächtig und überall sichtbar. Wer reich und einflussreich war, fand seine letzte Ruhestätte in der Kirche, für die anderen gab es eine zentrierte Ordnung auf dem Gelände um die Gotteshäuser.

Vom Kirchhof zum Gottesacker

Als zum Ende des 15. Jahrhunderts Kirchhöfe und Klostergärten nicht mehr ausreichten, wurden die Gottesäcker neu angelegt. Meistens außerhalb der Siedlungen, fernab des täglichen Lebens, so dass die Orte weiterwachsen konnten.

Im 18. Jahrhundert verändern die neue Park- und Gartenarchitektur. Die Sehnsucht nach einem Platz in der freien Natur und die Unabhängigkeit der Grablage von heiligen Stätten veränderte das Bild der Bestattungsorte maßgeblich. Wer konnte, errichtete Grablegen in perfekt gestalteter Natur. Es entstand die Idee weitläufiger Parkfriedhöfe.

Da nun aber der Platz selbst keine Aussage über das Leben mehr war, entstand eine neue Gestaltungskultur als das sichtbare Zeichen des gelebten Lebens - Mausoleen, Stelen, Grüfte. Aber auch kleine Grabmale entstanden nach individuellen Wünschen, Zeitgeist und Mode spiegelte immer mehr den Stand der aktuellen Gesellschaft wider. Kaum ein Grab ohne Stein und Namen.

Mitte des 19. Jahrhunderts wurde das Bestattungswesen mit der Einführung von Feuerbestattungen neu definiert. Neben der Erdbestattung wurde in Deutschland nun auch die zweiaktige Feuerbestattung immer üblicher. Dienstleister brachen die alten Strukturen der Leichenfürsorge auf, was bis dato in Familien praktiziert, gelernt und weitergegeben wurde, konnte anonymisiert werden. Der Umgang mit dem Tod, dass er zum Leben dazu gehört, die zwingende Auseinandersetzung mit der eigenen Endlichkeit trat in den Hintergrund. Die Leere, die entstand, fand bald eine neue Ausdrucksform - die Grabgestaltung.

Grabgestaltung als Trauerarbeit

Die Zeit der Trauer wurde auf liebevolle Weise in Form der gärtnerischen Gestaltung der Grabanlagen gelebt. Jahreszeiten wurden sichtbarer, erblühen und vergehen, winterliche Ruhe, Neuerwachen. Der Gang zum Friedhof wurde eine Selbstverständlichkeit. Es entwickelt sich in Deutschland eine einzigartige Friedhofskultur, die bis heute besteht, und zurecht 2020 von der Kultusministerkonferenz in die UNESCO-Liste des immateriellen Kulturerbes aufgenommen wurde.

In den 50er und 60er Jahren wurden alte, religiös geprägte Werte überdacht. Ob kirchlich oder kommunal verwaltete Friedhöfe, mehr und mehr entstanden anonyme Grabfelder, namenlose Gräber waren keine Ausnahme mehr. Anonyme Urnengemeinschaften waren eine moderne Alternative zum Bohei vergangener Zeiten, ebenso Seebestattungen und Bestattungswälder.

Seit der Jahrtausendwende stehen Friedhöfe - sind sie auch noch so alt - im Wettbewerb zum privatwirtschaftlich betriebenen Bestattungsgewerbe. Ab jetzt ist es nicht mehr selbstverständlich, dass das Angebot der Friedhöfe alternativlos hingenommen wird. Seit einigen Jahren verändern sich die Friedhöfe wieder sichtbar, knüpfen an kirchliche Werte an und finden neue zeitgemäße Grabformen. Die kirchlichen Friedhöfe zeigen stolz und selbstbewusst ihre Angebote und geben lebendiger Kultur den Raum, der aus den Orten der Trauer Orte für Begegnung, für Miteinander, Hoffnung und auch Freude macht.

Urnengemeinschaften, Kolumbarien oder Baumgräber

Aber auch die Bestattungsformen haben eine Bandbreite erreicht, zu der die Kirche eine Haltung haben sollten. Wirken Kohleurnen, Myzelsärge, Asche-Diamanten oder Weltallbestattungen absurd? Haben wir persönliche Meinungen zu Humankompostierung, Wasserurnen oder Streuwiesen? Zeigt diese Angebotsvielfalt jedoch auch hier den wachsenden Bedarf von Wohlfühlspiritualität. Die seelsorgerische Begleitung der Angehörigen und Gedenkorte ohne jahrzehntelange Pflegeverpflichtung sind Angebote, die die Bindung an die Friedhöfe, die Gemeinschaft in den Gemeinden und die Hoffnung in den Familien stärken können.

Ökologie und Nachhaltigkeit sind Themen in aller Munde, mit Friday-for-Futur mahnen uns kommende Generationen, uns dem zu stellen, was wir einmal zurücklassen. Wenn wir also heute darüber nachdenken, wie wir einmal von dieser Erde gehen wollen, neben der Darstellung der eigenen Person, dem Trost für Angehörige und einem Ort, an dem die Erinnerung an uns wachgehalten werden kann, ist unser Fußabdruck ein wichtiger Bestandteil der Überlegungen. Darum ist es wichtig, dass Kirche über den Tellerrand schaut und sich Diversität auch auf Friedhöfen spiegelt. Dass die Bandbreite unserer Gesellschaft abgeholt wird und in den Gottesäckern ein Stück Heimat (wieder-)findet.

Aus Brachflächen werden Kulturorte

Heute erhalten Friedhöfe große Aufmerksamkeit als Treffpunkt im Freien, Rückzugsort vom Alltag, Neustart für die Sinne. Parkbänke wurden aufgestellt, Sitzecken geschaffen und freie Flächen für Trauerfeiern open-air genutzt. So wurde gerade in den Pandemiejahren aus der Not eine Tugend, aus Brachflächen wurden Kulturorte, aus vergessenen Winkeln wurden Oasen.

Nicht jeder Friedhof wird wegen der finanziellen Zwänge die kommenden Jahre überstehen. Aber nicht jeder Friedhof muss eine große Angebotsvielfalt bereithalten, regional gesehen sollten Gruppen von Beerdigungsorten dem Wunsch nach Individualismus Rechnung tragen, Alleinstellungsmerkmale ausarbeiten und so das Angebot umliegender Friedhöfe ergänzen. Nicht jeder Friedhof braucht einen Schmetterlingsgarten oder Rasengräber, nicht überall brauchen wir Urnengemeinschaften, Kolumbarien oder Baumgräber, der eine vielleicht streng und formal, der andere wild und natürlich. Selbst entwickeln oder kopieren, was auch immer wir in Zukunft anbieten werden, der Tod braucht das Leben, die Friedhofskultur braucht die Kultur auf Friedhöfen und Gemeinschaften brauchen nachhaltige Angebote an alle Generationen. bkj