Reaktion auf steigende Inflation

Größte Zinserhöhung ihrer Geschichte erwartet: EZB und Lagarde setzen zum großen Sprung an

Christine Lagarde, Präsidentin der EZB, spricht auf der Pressekonferenz der Bank, will noch einmal die Zinsen erhöhen.

Christine Lagarde, Präsidentin der EZB, spricht auf der Pressekonferenz der Bank, will noch einmal die Zinsen erhöhen.

Frankfurt am Main. Unter Finanzexperten gilt als ausgemacht, dass die Europäische Zentralbank (EZB) am Donnerstag die Leitzinsen richtig kräftig erhöhen wird. Um 0,75 Prozentpunkte auf dann 1,25 Prozent. Es wäre der größte Satz nach oben in der Geschichte der Notenbank. Schon bevor die Entscheidung gefallen ist, gibt es Reaktionen.

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Der Preis für die europäische Rohölreferenzsorte Brent ist am Mittwoch mit rund 85 Euro pro Fass (159 Liter) zeitweise auf den niedrigsten Wert seit Januar gefallen. Das bedeutet: Die Auswirkungen des Ukraine-Kriegs auf den Preis des noch immer wichtigsten Rohstoffs werden überkompensiert durch die Erwartung eines wirtschaftlichen Abschwungs, der durch steigende Zinsen zusätzlich verstärkt wird. Mit der Folge, dass die Nachfrage nach Kraftstoffen zurückgeht.

Das Paradoxon, vor dem die EZB nun steht

Die EZB jedenfalls muss etwas tun, das auf den ersten Blick paradox wirkt. In einer Situation, da die Wirtschaft in Europa ohnehin schon auf dem absteigenden Ast ist, muss sie die Zinsen erhöhen, was zusätzliches Gift für die Konjunktur ist. Nach Ansicht von Kritikern der EZB-Chefin Christine Lagarde hat sie sich selbst offenen Auges in eine Zwickmühle hineinmanövriert. Als im vorigen Herbst erste Anzeichen einer stark steigenden Inflation erkennbar waren, habe sie gezögert, die Zinsen zu erhöhen.

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Inzwischen ist die Teuerung in der Euro-Zone auf den Rekordwert von 9,1 Prozent geklettert. Hierzulande waren es im August 7,9 Prozent. Vor allem wegen der beispiellosen Verteuerung von Erdgas. Dies hat sich inzwischen so tief durch die gesamte Ökonomie gefressen, dass auch die sogenannte Kerninflation (ohne Energie und Nahrungsmittel) sich meilenweit von dem entfernt hat, was die EZB für akzeptabel hält: nämlich eine Teuerung um die 2 Prozent.

ARCHIV - 22.11.2021, Brandenburg, Oberkrämer/Ot Schwante: Ein Bäcker formt am Morgen in der Backstube auf einer mit Mehl bestäubten Arbeitsplatte den Teig für Kürbiskernbrötchen. Gestiegene Kosten setzen Bäckern und Metzgern zu. (zu dpa «Bäckerhandwerk: Produktionskosten um bis zu 30 Prozent gestiegen») Foto: Soeren Stache/dpa +++ dpa-Bildfunk +++

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Heilsame Wirkung höherer Zinsen

Lagarde und die Notenbankenchefs der Euro-Länder, die im EZB-Rat am Donnerstag zusammensitzen, müssen handeln. Was gerade angesagt ist, formuliert Jochen Stanzl vom Brokerhaus CMC-Marktes so: „Die Geldpolitik will weniger Wachstum, um die Inflation auf 2 Prozent zurückzubringen.“ Christian Sewing, Chef der Deutschen Bank, argumentierte am Mittwoch auf einer Tagung in die gleiche Richtung. Dass es mit der Konjunktur nach unten geht, steht dabei für ihn schon fest. Die deutsche Wirtschaft besitze genug Widerstandskraft, um die zu erwartende Rezession gut zu bewältigen. Das bedinge aber auch, dass „die Zentralbanken jetzt schnell und entschlossen handeln“.

Er hofft darauf, dass die höheren Zinsen eine heilsame Wirkung entfalten. „Noch können viele Menschen auf ihr Erspartes zurückgreifen, um mit höheren Preisen fertigzuwerden – und noch sind viele Unternehmen ausreichend finanziert. Aber je länger die Inflation hoch bleibt, desto größer werden die Schmerzen und der soziale Zündstoff“, so Sewing laut Redemanuskript.

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Dahinter steckt die Annahme, dass ein harter Zinsschritt eine deutliche Signalwirkung bei den Akteuren am Finanzmarkt entfaltet. Dass sie nämlich von ihrer Erwartung auf eine weiter steigende Teuerung abkommen. Denn das Fatale an solchen Einschätzungen ist, dass sie wie eine selbst erfüllende Prophezeiung wirken können, weil sich Investoren dem entsprechend verhalten – mit der Folge, dass die Inflation tatsächlich steigt.

Auslaufen von Tankrabatt und 9-Euro-Ticket lässt Inflation hüpfen

Auch Isabel Schnabel, Mitglied im Direktorium der EZB, hat denn auch kürzlich gewarnt, dass die Inflationserwartungen aus dem Ruder laufen könnten. Deshalb brauche es nun ein kraftvolles Handeln. Zumal es unter den Expertinnen und Experten auch als ausgemacht gilt, dass die Teuerung in Deutschland, der größten Volkswirtschaft der Euro-Zone, im September deutlich über die die 8-Prozent-Marke hüpft, weil Ende August der Tankrabatt und das 9-Euro-Ticket ausgelaufen waren.

Nach Schnabels Rede haben sich Notenbankchefs aus dem Euro-Raum in großer Zahl ihr zur Seite gestellt. Auch der französische Vertreter Francois Villeroy de Galhau gehört dazu, obwohl er eigentlich ein Anhänger einer lockeren Geldpolitik ist. Diesem Lager ist auch Sebastian Dullien, Direktor des gewerkschaftsnahen Wirtschaftsforschungsinstituts IMK, zuzuordnen. Er sagte kürzlich dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND): „Die EZB hat angekündigt, dass sie die Zinsen normalisieren wird. Das ist richtig, und die EZB sollte diese Ankündigung auch umsetzen.“

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Angst vor der eigenen Courage

Aber was ist nun normal und angemessen? Dies war unter Finanzmarktexpertinnen und Finanzmarktexperten noch bis unmittelbar vor der EZB-Ratssitzung umstritten. So sanken zuletzt die Renditen für deutsche Staatsanleihen wieder, die das Maß aller Dinge bei der Höhe des Zinsniveaus sind. Das soll daran gelegen haben, dass Mitglieder des EZB-Rats nun angeblich doch wieder Angst vor der eigenen Courage bekommen haben und eine Anhebung des Leitzinses um nur 0,6 Prozentpunkte erwägen. Zumal sich Ökonominnen und Ökonomen fragen, ob die Inflation überhaupt wirkungsvoll mit höheren Zinsen bekämpft werden kann. Schließlich hat die Hauptursache der Teuerung nichts mit konjunkturellen Entwicklungen zu tun, sondern mit der von Putin herbeigeführten Verknappung von Erdgas.

Bei all dem spielt offenbar auch eine Rolle, dass die Befürchtungen vor den Verwerfungen einer heftigen Rezession wachsen – mit mehr Firmenpleiten und steigender Arbeitslosigkeit, wenn das Geld teurer wird. Bislang hat das vor allem bei den Krediten für Immobilien durchgeschlagen. Das Ende des jahrelangen Booms am Bau gilt jedenfalls auch schon als ausgemacht.

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