Möglicher Kompromiss

Warum die Einigung über ukrainische Getreideexporte so wichtig ist

Ein Mähdrescher erntet Getreide auf einem Feld in der Region Odessa im Süden der Ukraine (Archivbild).

Ein Mähdrescher erntet Getreide auf einem Feld in der Region Odessa im Süden der Ukraine (Archivbild).

Zuletzt stand nicht weniger als die Versorgung mit einem der wichtigsten Grundnahrungsmittel infrage – jedenfalls dort, wo sich Menschen die hohen Preise infolge des russischen Angriffs auf die Ukraine nicht mehr leisten konnten: Etwa 290 Euro pro Tonne Weizen wurden vor dem Krieg fällig, im März waren es dann 425 Euro. Immerhin waren zwei der wichtigsten Weizenexportnationen in einen Krieg verwickelt. Und wie groß die Engpässe werden, konnte damals niemand einschätzen. „Aber die Erwartungen haben alles Bekannte in den Schatten gestellt“, sagt Wolfgang Sabel vom Agrarbörsenmakler Kaack Terminkontrakte.

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Seitdem blickt die ganze Branche gebannt auf alles, was irgendwie Aufschluss über aktuelle und künftige Liefermengen bietet. Wie angespannt die Lage ist, illustrieren die Monatsberichte des US-Agrarministeriums: 786 Millionen Tonnen Weizen brauche es, um den globalen Bedarf zu decken. Produziert würden in der Erntesaison 2021/2022 aber nur 779 Millionen Tonnen. Und auch in der kommenden Saison wird der Fehlbetrag demnach eher größer als kleiner.

Ukraine und Russland erzielen offenbar Einigung über Getreideexporte

In ukrainischen Häfen stecken wegen des Krieges Schätzungen zufolge etwa 20 Millionen Tonnen Getreide fest.

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Die fehlenden Mengen können vorerst aus Lagerbeständen gedeckt werden – doch gern geben die Länder, die Reserven haben, diese nicht für den Weltmarkt frei. Es geht also um jede Tonne Weizen, die irgendwie die meist ärmeren Importnationen erreicht. 19,2 Millionen Tonnen der global gehandelten 200 Millionen Tonnen Weizen steuerte die Ukraine vor dem Krieg bei, meist wurde per Schiff exportiert.

Ukrainisches Getreide komm nur schwerlich heraus

Doch Russland hat längst mehrere Hafenstädte besetzt, der der Ukraine verbleibende Küstenstreifen am Schwarzen Meer bei Odessa ist aus Angst vor russischen Landungstruppen vermint, Frachtern droht zugleich Beschuss durch russische Kriegsschiffe. Heraus kommt das ukrainische Getreide gerade also schwerlich, während die nächste Ernte trotz des Krieges bereits eingebracht wird.

Eine Alternative zum Seetransport gibt es nicht wirklich, schließlich geht es um gewaltige Mengen: „Rein rechnerisch bräuchte man zum Export der gesamten ukrainischen Lagerbestände eine knappe Million Lkw“, illustriert es Sabel – wohlweislich, dass auch Transporte per Schiene und Binnenschiff bislang nur einen Bruchteil des ukrainischen Weizens bewegen konnten.

Hoffnung keimt nun auf, weil Russland und die Ukraine bei international vermittelten Gespräch in der Türkei womöglich einen Durchbruch erzielt haben. Sowohl der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj als auch UN-Generalsekretär António Guterres zeigten sich am Mittwochabend optimistisch, Guterres sprach gar von einem „entscheidenden“ Schritt zur Lösung des Konflikts um die Getreideexporte.

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Der türkische Verteidigungsminister Hulusi Akar gab seinerseits Vereinbarungen zu technischen Themen wie gemeinsamen Kontrollen der Ankünfte und Ausfahrten aus den Häfen bekannt, wie die Nachrichtenagentur Anadolu berichtete. Demnach gab es auch eine Einigung über die „Schifffahrtssicherheit bei den Überführungsrouten“, in Istanbul soll offenbar ein Koordinierungszentrum mit Vertretern aller Seiten entstehen.

Weizenpreis könnte bei Einigung fallen

Kommt es wirklich zur Einigung über Seetransporte, geht auch Sabel davon aus, dass der Weizenpreis fällt – obgleich er in den vergangenen zwei Monaten schon nachgegeben hat. Bei etwa 340 Euro pro Tonne notierte das Getreide zuletzt, wohl auch, weil einige wichtige Ernteprognosen zuletzt wieder optimistischer ausgefallen sind. Die einstigen Rekordpreise hätten viele der ärmeren Importnationen schlicht nicht bezahlen wollen, meint Sabel. Dementsprechend sei das Handelsvolumen zuletzt vergleichsweise niedrig gewesen. „Auf dem jetzigen Preisniveau kommt der Handel wieder in Gang“, berichtet der Getreidehändler.

Sabel betont indes, dass schon die Pandemie und mit ihr einhergegangene Logistikprobleme für hohe Preise gesorgt haben. Bis 2020 lag eine Tonne Weizen fast immer unter 200 Euro. Schon die 290 Euro pro Tonne vor dem Krieg waren, so schildert es Sabel, in etwa das Preisniveau, das vor gut zehn Jahren zum Ausbruch des arabischen Frühlings beitrug. Damals konnten sich mehrere Länder im südlichen Mittelmeerraum nicht mehr leisten, Brot im gewohnten Umfang zu subventionieren, heftige Protesten und schlussendlich Bürgerkriege brachen aus.

12.07.2022, Ukraine, Charkiw: Ukrainische Soldaten des Khartia-Bataillons patrouillieren an der Frontlinie. Foto: Evgeniy Maloletka/AP/dpa +++ dpa-Bildfunk +++

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Zugleich sorgt die Seeblockade in der Ukraine auch hierzulande für Probleme: Es werde immer schwerer, hiesiges Getreide etwa von Höfen zu Verarbeitern zu transportieren, wie der Bundesverband Agrarhandel berichtet. „Unsere Mitglieder laufen bei uns mittlerweile regelrecht Sturm, weil ihnen das Thema so großes Kopfzerbrechen bereitet“, sagt Geschäftsführer Martin Courbier.

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Der Grund: Um irgendwie möglichst viel Getreide aus der Ukraine abzutransportieren, setzt die EU auf Transporte per Lkw über die sogenannten Solidarity Lanes. Laut Courbier mangelt es deshalb hierzulande an Fahrern, die schon vor dem russischen Angriff auf die Ukraine knapp waren. „Und die Binnenschiffe müssen auf einmal wieder Kohle transportieren, hinzu kommen sinkende Pegelstände“, beschreibt Courbier die zunehmenden Logistikprobleme.

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Entwarnung will Courbier angesichts der möglichen Einigung zu ukrainischen Seetransporten vorerst nicht geben. „Alles, was für Entlastung sorgt, ist zu begrüßen“, erklärte er zwar. Allerdings geht er davon aus, dass trotzdem vorerst weniger Schiffe als in den Vorjahren ukrainische Häfen anlaufen können. „Alle Probleme würde die Öffnung der Häfen also nicht lösen“, meint er.

Für Deutschland fordert Courbier deshalb eine Priorisierung für Agrartransporte. „Auch sollten Lkw mit 44 statt mit 40 Tonnen beladen werden können“, erklärte Courbier. Dabei sei das hiesige Verkehrsministerium gefragt: „Wir fordern das seit Wochen, aber da kommt zu wenig“, beklagt Courbier.

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