Leck im Atomkraftwerk

Was die Reparatur von Isar 2 für Habecks Atomkraftpläne bedeutet

Der Kühlturm des Atomkraftwerks Isar 2.

Der Kühlturm des Atomkraftwerks Isar 2.

Frankfurt. Im Atomkraftwerk Isar 2 ist ein Druckventil verschlissen. Sollte der Meiler auch im kommenden Jahr noch am Netz oder in einer Einsatzreserve bleiben, wie Wirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) plant, müsste er im Oktober heruntergefahren und repariert werden, wie das Bundesumweltministerium am Montagsabend nach einer Mitteilung durch den Betreiber, die Eon-Tochter Preussen Elektra, wissen ließ.

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In der politischen Debatte, in der die Emotionen ohnehin schon hochkochen, schlug diese Nachricht ein wie eine kleine Bombe. Ein Überblick.

Was bedeutet das Leck für den möglichen Reservebetrieb des Atomkraftwerks Isar 2?

Das Leck macht den Reservebetrieb komplizierter, aber nicht unmöglich. Es handelt sich um ein mechanisches Problem an einem Ventil für den Druckbehälter des Reaktors. Die Sache ist technisch vertrackt, weil das Ventil zwar bis Ende Dezember den Vorschriften gemäß funktionieren würde. Für den eventuellen Reservebetrieb im neuen Jahr müsste es aber ausgetauscht werden, da es zusehends undichter wird. Dies bedeutet, dass das Kraftwerk für sieben bis neun Tage heruntergefahren werden muss. Im Wirtschaftsministerium reagiert man auf die neuen Informationen aus Bayern gleichwohl betont gelassen. Man sei im „konstruktiven Gespräch mit den Betreibern, um die Verfügbarkeit der Atomkraftwerke Isar 2 und Neckarwestheim für eine zugespitzte Stromsituation sicherzustellen“, teilte eine Sprecherin dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND) mit. „Dabei wird auch geprüft, wie sich der neue Sachverhalt auf die Konzeption des Einsatzes von Isar 2 auswirkt“, sagte sie weiter. Für nähere Details sei es zu früh.

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Wo liegt da das Problem?

Wirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) will erst im Dezember entscheiden, ob Isar 2 im Reservebetrieb auch noch im neuen Jahr weiterläuft, um die Versorgung mit Strom bis maximal Mitte April zu sichern. Das Leck muss aber nach den Angaben des Betreibers schon sehr bald – mutmaßlich im Oktober – repariert werden, also zu einem Zeitpunkt, da noch nicht klar ist, ob der Meiler überhaupt gebraucht wird.

Warum ist die frühzeitige Reparatur nötig?

Im Dezember soll die Reparatur nicht mehr möglich sein, da das dafür notwendige Herunterfahren des Reaktor zum Jahresende bedeuten würde, dass er nicht mehr hochgefahren werden kann, weil die Leistung der Brennstäbe zu gering sei. Brennelemente können in der Regel knapp ein Jahr lang ohne Unterbrechung eingesetzt werden. Danach müssen zumindest einige ausgetauscht werden. Bei Isar 2 wurden zuletzt im Oktober 2021 neue Brennelemente eingesetzt. Die Laufzeit lässt sich aber über den sogenannten Streckbetrieb verlängern. Dabei wird die Temperatur des Kühlmittels im Reaktor gesenkt. Die Leistung nimmt damit langsamer ab. Dieses Verfahren soll auch bei einem Reservebetrieb zur Anwendung kommen.

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Warum wird das Leck erst jetzt bekannt?

Nach Informationen des RND wird es auch in Regierungskreisen für „höchst erstaunlich“ gehalten, dass erst jetzt das Problem mit dem Ventil bekannt wird. Es handele sich aber um keine Störung, die plötzlich auftrete, sondern um eine Abnutzungserscheinung, die absehbar sei, wenn man die Anlage kenne, heißt es.

Wie lässt sich das damit vereinbaren, dass Bayerns Ministerpräsident Markus Söder die volle Einsatzfähigkeit des Kraftwerks beteuert hatte?

Das wirft viele Fragen auf. Zumindest in der öffentlichen Kommunikation wurde in den vergangenen Wochen der Eindruck erweckt, das Kraftwerk könne ohne Einschränkungen noch bis mindestens Mitte nächsten Jahres laufen. Der Verdacht drängt sich auf, dass die Bedingungen für den Weiterbetrieb verschwiegen wurden. So betonte denn auch Umweltministerin Steffi Lemke gegenüber das Deutschen Presseagentur: Söder und CDU-Chef Friedrich Merz hätten Anfang August den Reaktor besichtigt. „Ich frage mich schon, ob sie über die Leckage nicht informiert wurden, oder ob sie das Problem in ihrer Pressekonferenz am 4. August vor dem Reaktor einfach verschwiegen haben.“

12.09.2019, Nordrhein-Westfalen, Münster: Jürgen Resch, Bundesgeschäftsführer der Deutschen Umwelthilfe, gibt vor der Verhandlung den Medien ein Interview. Das Oberverwaltungsgericht für NRW verhandelt die Klage der Deutschen Umwelthilfe. Die DUH klagt auf Fortschreibung des Luftreinhalteplans der Bezirksregierung Köln für die Stadt Köln. Ziel sind Maßnahmen, damit die Grenzwerte für Stickstoffdioxid so schnell wie möglich eingehalten werden. Umstritten ist dabei, ob Fahrverbote für Dieselfahrzeuge angeordnet werden müssen (Az.: 8 A 2851/18 Aachen, 8 A 4774/18 Bonn). Ein Urteil verkündet das OVG im Anschluss. Foto: Guido Kirchner/dpa +++ dpa-Bildfunk +++

Deutsche Umwelthilfe: „Der Spruch ‚Legal, illegal, scheißegal‘ ist vom Staat übernommen worden“

Niemand reicht in Deutschland wohl so viele Klagen wegen Umwelt- und Klimaschutzverstößen ein, wie die Deutsche Umwelthilfe (DUH). Sie richten sich gegen Großkonzerne und Regierungen – und haben oft Erfolg. Im RND-Interview erhebt DUH-Bundesgeschäftsführer Jürgen Resch schwere Vorwürfe gegen die Politik.

Bedeutet all das, dass die Ventilreparatur gemacht wird, obwohl das Kraftwerk eventuell gar nicht benötigt wird?

Theoretisch ist das denkbar. Aber die Anzeichen verdichten sich immer mehr, dass schon sehr bald eine Entscheidung für einen Reservebetrieb von Isar 2 fallen wird, und der Reaktor dann durchläuft bis in den April hinein. Denn es kommt eine weitere Komplikation hinzu. In Berlin heißt es, bei einer vorübergehenden Abschaltung im Dezember kämen weitere „Sicherheitsanforderungen“ zum Zuge, die verschoben wurden. Umfänglichere Überprüfungen, die im Handbuch für die Anlage festgelegt wurden, stünden dann an. Diese würden mindestens vier bis sechs Wochen in Anspruch nehmen. Würde dies also zum Jahreswechsel vollzogen, könnte das Kraftwerke ausgerechnet im Januar und Februar keinen Strom produzieren – also in der Phase, da die Energie dringend gebraucht würde.

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Wovon hängt eine Entscheidung für den Reservebetrieb letztendlich eigentlich ab?

Die Versorgungssituation in Frankreich ist der wichtigste Faktor. Dort spitzt sich einiges zu. Anfang September waren in dem deutschen Nachbarland nur noch Kernkraftwerke mit einer Leistung von 25 Gigawatt am Netz, während 36 Gigawatt Leistung abgeschaltet bleiben mussten. Das sei ein historischer Tiefstrand gewesen, berichtetet die deutsche Presseagentur unter Berufung auf das Wirtschaftsministerium. Ministeriumskreise bestätigten dem RND, dass die Lage in Frankreich als „sehr angespannt“ eingeschätzt werde und man die Lage „intensiv“ beobachte. Wirtschaftsvertreter gehen inzwischen davon aus, dass am Weiterbetrieb der beiden Kernkraftwerke Isar 2 und Neckarwestheim 2 in diesem Winter kein Weg vorbeiführen wird. Er nehme inzwischen Wetten an, dass die Entscheidung nach der Landtagswahl in Niedersachsen am 9. Oktober sehr schnell fallen werde, sagte ein hochrangiger Verbandsvertreter dem RND.

Das Kernkraftwerk Neckarwestheim bei Heilbronn.

Das Kernkraftwerk Neckarwestheim bei Heilbronn.

Wie sieht es mit dem anderen Reservekraftwerk in spe aus?

Auch der Reaktor in Neckarwestheim kann bei einem Abschalten im Dezember nicht mehr aus eigener Kraft hochgefahren werden. Brennelemente müssten zumindest neu positioniert werden, um genügend Energie abzugeben. Allerdings würde dies nach Informationen des RND nur acht bis zehn Tage dauern, da umfängliche Tests wie für Isar 2 nicht notwendig sind. Das bedeutet aber auch, dass die Bundesregierung bei diesem Meiler mehr Spielraum hat. Er könnte Ende Dezember zunächst abgeschaltet werden. Und eine Entscheidung über ein erneutes Hochfahren, könnte wegen der kurzen Vorlaufzeit beim Wiederhochfahren auf Januar oder Februar verschoben werden.

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Was sagt die Union?

Aus Sicht der Union ist das Problem vernachlässigbar, da die Partei ohnehin eine Verlängerung der Restlaufzeit der drei verbliebenen deutschen Atomkraftwerke bis mindestens 2024 erreichen will. Einen entsprechenden Gesetzesentwurf will die Unionsbundestagsfraktion noch in dieser Woche in das Parlament einbringen. „Ein befristeter Weiterbetrieb der drei noch betriebenen Kernkraftwerke bis Ende 2024 ist zwingend erforderlich“, sagte Unionfraktionsvize Steffen Bilger dem RND. „Ein Reservebetrieb nur für ein paar Monate reicht überhaupt nicht aus.“ Die umweltpolitische Sprecherin der Fraktion, Anja Weisgerber, warnte vor drohenden Netzengpässen, wenn die grundlastfähigen Kernkraftwerke vom Netz gehen. „Mit unserem Gesetzentwurf zwingen wir die Koalition zum Schwur, ob sie die berechtigten Sorgen der Menschen und des Mittelstandes, gerade auch um viele Arbeitsplätze, ernst nimmt.“

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