Inflation: 6 Prozent sind längst Realität

Der Preis für Heizöl hat sich binnen Jahresfrist verdoppelt: Ein Mitarbeiter eines Diesel- und Heizölunternehmens hält einen Füllstutzen für die Befüllung seines Tankwagens auf dem Firmengelände.

Frankfurt/Main. Eine Teuerung von mehr als 6 Prozent – eine Horrorzahl. Doch für viele Haushalte dürfte das längst Realität sein. Dies können Verbraucher nun mit dem neuen „persönlichen Inflationsrechner“ überprüfen, der gerade auf der Internetseite des Statischen Bundesamtes installiert wurde. Derweil spricht vieles dafür, dass es bei den amtlichen Zahlen für die Preissteigerungen nach unten geht.

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Inflation sei eine „zutiefst persönliche Erfahrung der einzelnen Verbraucherinnen und Verbraucher“, teilt die Wiesbadener Behörde mit. Für November haben die Statistikexperten Ende voriger Woche eine offizielle Rate von 5,2 Prozent im Vergleich zum Vorjahresmonat gemeldet. Der höchste Wert seit fast 30 Jahren. Die hitzige Diskussion darüber, dass Verbrauchern die Kaufkraft und Sparern ihr Erspartes geraubt wird, tobt schon erheblich länger.

Seit vielen Monaten steigen die amtlich erhobenen Preise. Und die Forderungen werden immer lauter, dass die Währungshüter der Europäischen Zentralbank (EZB) eingreifen – am Donnerstag trifft sich der EZB-Rat, um darüber zu entscheiden, wie es mit der ultralockeren Geldpolitik weitergeht. In der Euro-Zone lag die Teuerung zuletzt beim Rekordwert von 4,9 Prozent.

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Eigentlich sind solche Zahlen nur für Ökonomen und Politiker gedacht, um die gesamtwirtschaftliche Lage zu beurteilen. Die Daten werden mit komplizierten Rechenoperationen ermittelt. Haben aber wenig damit zu tun, wie sich die Preisentwicklung ganz konkret auf die Portemonnaies der Verbraucher auswirkt.

Der Destatis-Rechner, der gerade in einer neuen Version auf die Website der Behörde gestellt wurde, soll Abhilfe schaffen und „den Einfluss der Ausgabeanteile einzelner Konsumgüter auf die Berechnung des Verbraucherindex“ veranschaulichen.

ÖPNV-Nutzer sparen viel Geld

Ein Beispiel: Zwei Haushalte bringen es pro Monat bei den Konsumausgaben auf die identische Höhe von jeweils 3000 Euro mit Schnitt. Sie geben auch das gleiche Geld für Mobilität aus – nämlich 380 Euro. Beim ersten Haushalt handelt es sich dabei aber um Kraftstoffkosten und die Rechnungen für die Wartung eines Pkw; beim zweiten fallen Ausgaben ausschließlich für die Nutzung von Bussen und Bahnen an.

Die Preisfrage: Welcher Haushalt hatte im November die höhere Inflationsrate? Die Autofahrer mit 5,6 Prozent. Die ÖPNV-Nutzer kamen laut Destatis nur auf 4,4 Prozent. Der Grund: Der Sprit für den Pkw hat sich binnen Jahresfrist erheblich stärker verteuert als die Fahrscheine für die öffentlichen Verkehrsmittel.

Laut der amtlichen Statistik waren Kraftstoffe im November im Mittel gut 43 Prozent teurer als im gleichen Monat 2020. Seinerzeit waren wegen des damaligen Lockdowns Benzin und Diesel extrem billig. Daraus ergibt sich die enorme Differenz, die Statistiker auch als Basiseffekt bezeichnen. Insgesamt lagen die Energiepreise fast ein Viertel höher als zwölf Monate zuvor.

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Besonders reingehauen hat’s beim Heizöl, dessen Preis sich im bundesdeutschen Durchschnitt verdoppelt hat. Wer also einen alten Ölbrenner im Keller hat und mit einem Spritfresser werktäglich große Strecken zur Arbeit und zurück fährt, kann für November gut und gerne auf eine persönliche Inflationsrate von mehr als 6 Prozent gekommen sein.

Preissprünge bei Weizen, Rindfleisch und Speiseöl

Zumal sich auch Nahrungsmittel spürbar verteuerten, und zwar um 4,5 Prozent. Da gab es in den vergangenen Wochen enorme Aufschläge. Weizen war Ende November an den internationalen Börsen so teuer wie niemals zuvor: Der Klimawandel hat erbarmungslos zugeschlagen und mit Dürren und/oder Überschwemmungen in vielen wichtigen Erzeugerländern das Angebot massiv verkleinert.

Das gilt ebenfalls für Pflanzen wie Soja und Raps, die auch für die Erzeugung von Ölen angebaut werden, entsprechend stark sind hierzulande zuletzt die Preise für Speiseöle in die Höhe gegangen (fast 12 Prozent).

Zudem: Für Jungbullen und Schlachtkühe konnten Bauern im November Rekordpreise erzielen. Wegen coronabedingter Absatzkrisen bei Restaurants und Kantinen haben viele Mastbetriebe ihre Bestände deutlich reduziert, das hat sich nach Angaben von Agrarexperten der EU-Kommission durch teure Futtermittel und andere hohe Kosten (Sprit, Energie) zuletzt noch eher verstärkt.

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Die gute Nachricht: Für viele renommierte Ökonomen wie Sebastian Dullien, Chef des gewerkschaftsnahen Forschungsinstituts IMK, ist klar, „dass wir mit dem aktuellen Anstieg den Höhepunkt der Inflation erreicht haben“.

Dullien sagte dem RedaktionsNetzwerk Deutschland: „Wir rechnen spätestens ab Januar mit fallenden Inflationsraten.“ Das dürfte sich allein schon dadurch einstellen, dass der Sondereffekt der Mehrwertsteuersenkung im zweiten Halbjahr 2020 dann bei der Berechnung der Teuerung nicht mehr zum Tragen kommt.

Aber auch schon jetzt wirken entlastende Effekte: Superbenzin ist nach den Daten des Internetportals Finanzen.net in den vergangenen vier Wochen um 5,3 Prozent billiger geworden, beim Heizöl sind es sogar gut 6 Prozent. Und selbst die Notierungen für Weizen weisen nach unten. Das wird sich bei der Ermittlung der persönlichen Inflationsrate bemerkbar machen.

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