Umfrage: Deutschland, der Stressweltmeister?

Die Arbeitsverdichtung nimmt zu.

Die Arbeitsverdichtung nimmt zu.

Stress am Arbeitsplatz ist einer internationalen Umfrage des Personaldienstleisters ADP zufolge in Deutschland weit verbreitet: Fast 76 Prozent der Befragten berichteten demnach, mindestens einmal pro Woche bei der Arbeit gestresst zu sein. Damit liegt Deutschland weit über dem internationalen Durchschnitt von 62 Prozent.

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Die Erhebung hat ADP noch vor der Corona-Pandemie durchgeführt, insgesamt flossen die Einschätzungen von weltweit 32.000 Beschäftigten ein. Sie schilderten unter anderem, was für sie motivierend ist, wie problematisch für sie Diskriminierung am Arbeitsplatz ist und wie sie mit den Anforderungen zurechtkommen, denen sie sich tagtäglich stellen müssen.

Letzteres ist in Deutschland offenbar ein besonders großes Problem: “Deutschland ist leider Spitzenreiter hinsichtlich gefühlten Stresses”, sagt Steven van Tuijl, bei ADP für Deutschland und Polen zuständig. Dass drei Viertel der hiesigen Beschäftigten mindestens einmal pro Woche großen Stress empfinden, ist in den Industrienationen nahezu einmalig. Lediglich in der Schweiz berichteten 72 Prozent Ähnliches - während es in anderen Ländern offenbar entspannter zugeht: In Frankreich etwa schilderten 55 Prozent der Befragten, wöchentlich an ihre Grenzen zu stoßen.

Beschäftigte sind oft überfordert

In welchen Branchen der Stress besonders groß ist, hat ADP nicht für die einzelnen Länder erfasst. Allerdings lasse sich eine Tendenz erkennen: In Bereichen, die sich besonders schnell verändern, sei das Problem am größten: 70 Prozent der Medien- und Informationsmitarbeiter und 69 Prozent der IT- und Telekommunikationsmitarbeiter fühlen sich mindestens einmal pro Woche gestresst. Andere Studien hatten in der Vergangenheit darauf hingedeutet, dass auch Beschäftigte in der unter großem Druck stehenden deutschen Automobilindustrie ein höheres Stressempfinden haben.

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Dazu passt auch die Einschätzung von ADP, was hinter dem hohen Stresslevel in Deutschland stecken könne. Der deutsche Mittelstand etwa stehe seit jeher im In- und Ausland für Werte wie Gründlichkeit, Präzision und Qualität - doch die Ansprüche der Kunden hätten sich durch Digitalisierung und Internationalisierung hin zu Schnelligkeit und Kosteneffizienz gewandelt. “Damit sehen sich die Beschäftigten des deutschen Mittelstands vor neue Herausforderungen gestellt, was den Druck, anders als gewohnt zu arbeiten, rapide erhöht hat”, sagt van Tujil.

Stress ist stigmatisiert

Zugleich scheint es den Daten zufolge in Deutschland Defizite beim Umgang mit Stress zu geben. Besonders gegenüber Vorgesetzten sind Beschäftigte in Deutschland überdurchschnittlich häufig zurückhaltend, was die Thematisierung ihres Stresslevels anbelangt - was ADP auch auf die Stigmatisierung von Stress als psychisches Gesundheitsproblem zurückführt.

Dadurch könnten Unternehmen Problemen nur schwerlich entgegenwirken, meint van Tujil. Er sieht auch eine Bringschuld bei den Arbeitgebern. Gerade im Kampf um die besten Talente müssten diese eigentlich beweisen, dass sie dafür sorgen, dass Stresslevel niedrig bleiben - und deshalb ein offenes Ohr für Sorgen haben.

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Weil die jetzige Erhebung noch vor der Corona-Pandemie durchgeführt wurde, hat ADP ein Update der Studie noch in diesem Jahr angekündigt. Die Prognose des Personaldienstleisters ist allerdings pessimistisch: Bedenken hinsichtlich der Arbeitsplatzsicherheit nähmen zu, die soziale Komponente der Arbeit sei durch Social Distancing in den Hintergrund gerückt. Auch würden sich Arbeitnehmer in Schlüsselpositionen wohl oft überfordert fühlen. All das könnte psychische Gesundheitsprobleme verschlimmern, befürchtet man bei ADP.

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