Stau der Solarprojekte: Warum es in Spanien mit dem Ausbau der Erneuerbaren nicht klappt

Pläne zur Energiegewinnung - etwa mithilfe von Spiegeln, die Sonnenlicht reflektieren  - gibt es viele.

Pläne zur Energiegewinnung – etwa mithilfe von Spiegeln, die Sonnenlicht reflektieren – gibt es viele.

Madrid. Der Energieberater Joaquín Coronado ist etwas verzweifelt: „Ich verstehe nicht, wieso diese Situation nicht jeden Tag Thema der Debatte ist“, sagt er. Seine Klage gilt dem „spanischen Verwaltungs­gestrüpp“, das nicht in der Lage sei, „einen Schritt nach vorne zu tun“, um die Bau­genehmigungen für Wind- und Sonnenparks zu beschleunigen. Coronado spricht gegenüber der Zeitung „El Confidencial“ offen aus, was andere nur hinter vorgehaltener Hand zu sagen wagen. Wie zum Beispiel ein Investor, der meint: „Entgegen ihrem offiziellen Diskurs zugunsten der sauberen Energien bremst die Regierung die Energiewende de facto aus. Die Verwaltung scheint kollabiert zu sein.“

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Spanien steht beim Ausbau der erneuerbaren Energien im europäischen Vergleich ganz gut da. Deren Anteil am Strommix erreichte im vergangenen Jahr 46,7 Prozent – das ist mehr als in Deutschland, das es auf 41,1 Prozent bringt, und deutlich mehr als im EU‑Durchschnitt (35,3 Prozent). Die Regierung in Madrid nahm sich vergangenes Jahr vor, diesen Anteil bis 2030 auf 74 Prozent zu erhöhen. Wahrscheinlich wird sie ihre Ziele bald sogar noch um einiges höher stecken. Der historisch heiße Sommer 2022 hat auch die Spanier spüren lassen, was der Klimawandel an Heraus­forderungen bringt. Und die sprunghaft gestiegenen Strom­rechnungen legen nahe, sich so schnell wie möglich von unzuverlässigen Gas- und Öllieferanten zu emanzipieren. Die Energiewende bietet zahlreiche Vorteile. Und in kaum einem anderen Land könnte sie so zügig und problemlos vorangebracht werden wie in Spanien.

In dem südeuropäischen Land scheint die Sonne nahezu immer, Wind weht auch, und vor allem ist hier ordentlich Platz. Mit Blick auf die EU sagt José Donoso von der Spanischen Fotovoltaik-Union: „Niemand sonst hat so viel Platz wie wir.“ Das bietet die Möglichkeit, große Anlagen zu bauen, und die liefern unter sonst gleichen Bedingungen günstigeren Strom als kleine. Die größten Anlagen der Welt, mit jeweils mehr als zwei Gigawatt installierter Leistung, stehen in Indien und China, die größten Europas in Spanien. Erst im August ging der Fotovoltaikpark „Francisco Pizarro“ in der westspanischen Extremadura in Betrieb, mit 0,59 Gigawatt die derzeit leistungs­kräftigste Anlage auf unserem Kontinent.

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Von der Idee bis zur Verwirklichung von „Francisco Pizarro“ vergingen sechs Jahre. Ein Jahr brauchte die Planung des Projekts, ein Jahr sein Bau und vier Jahre benötigten die Genehmigungs­verfahren. Ohne Klima- und Gaspreiskrise wäre an solchen Fristen vielleicht wenig auszusetzen – immerhin ging es um ein Megaprojekt von 13 Quadratkilometern Fläche. Aber jetzt ist die Zeit zu handeln, auch für die Verwaltung.

An den Investoren scheitert es nicht

Die gute Nachricht ist, dass die Energiewende nicht an fehlenden Investoren scheitern wird. Die Erneuerbaren sind schon seit Längerem, auch ohne Subventionen, ein gutes Geschäft. Beim Red Eléctrica de España (REE), dem Betreiber des spanischen Stromnetzes, sind derzeit Projekte mit einer Gesamtleistung von 144,6 Gigawatt angemeldet. Das ist das Dreieinhalbfache der bestehenden Solar- und Windkapazität und mehr als die gesamte derzeitige Strom­produktions­kapazität Spaniens, egal ob konventionell, atomar oder erneuerbar.

Der beim Umweltministerium für diese Dinge zuständige Generaldirektor Ismael Aznar sagte dazu Anfang dieses Jahres: „Es gibt viel mehr Projekte als nötig.“ Das war nicht als Jubelruf gemeint, sondern als Klage: Die Verwaltung ist mit der Flut von Anträgen überfordert.

Die erste Ursache der Überforderung ist „das Fehlen von angemessen ausgebildetem Personal“ in der Verwaltung, befindet die Spanische Fotovoltaik-Union, ein Unternehmens­verband. Die zweite Ursache ist die auch bei anderen Genehmigungs­verfahren spürbare bürokratische Trägheit. Zum Dritten liegt es in der Natur der Sache, dass zumindest ein Element des Verfahrens seine Zeit braucht: die Umwelt­­verträglichkeits­­prüfung.

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Ein Fünftel der Fläche eignet sich für Solaranlagen

Nach einer Studie des Energiekonzerns Iberdrola kommt etwa ein Fünftel der Fläche Spaniens – rund 100.000 Quadrat­kilometer – grundsätzlich für den Bau von Solaranlagen infrage, weil hier einerseits genug Sonne scheint und andererseits kein besonderer Schutzbedarf besteht. Es sind gewöhnlich Weide- oder andere extensiv genutzte landwirt­schaftliche Flächen. Von diesen 100.000 Quadrat­kilometern würden nach jetzigem Stand der Technik 720 Quadrat­kilometer gebraucht, um die Sonnen­energie­pläne der Regierung bis 2030 umzusetzen. Das hört sich machbar an – enthebt die Behörden aber nicht ihrer Verantwortung, jeden vorgesehenen Standort auf seine Tauglichkeit und Verträglichkeit zu prüfen.

Nach Überzeugung mancher Gemeindepolitiker und Naturschützer sollten die Genehmigungs­verfahren noch länger dauern als bisher. In Andalusien haben sich gerade 70 Gemeinden für eine Gesetzes­initiative zusammengetan, die sämtliche Solar- und Wind­energie­projekte mit mehr als fünf Megawatt Leistung in der südspanischen Region vorläufig stoppen soll – „zur Verteidigung der natürlichen Umwelt Andalusiens gegen diejenigen, die sie zerstören wollen“, wie es heißt.

Die Initiative dürfte vom andalusischen Regional­parlament kaum angenommen werden, zeigt aber, wie empfindlich viele Menschen auf solche Großprojekte reagieren, die einen spürbaren Eingriff in ihr Lebens­umfeld bedeuten. „Der Umweltaspekt und die Nach­barschafts­opposition müssen von der ersten Minute an berücksichtigt werden“, sagt Alfonso Vargas vom Verband der erneuerbaren Energien Andalusiens. „Und wenn der Widerstand stark ist, lohnt es sich nicht zu kämpfen.“

Die Vorstellung, dass die Investoren darauf aus seien, die Landschaft zu zerstören, ist einigermaßen weit hergeholt, und tatsächlich gibt es genügend Projekte ohne lokale Proteste. Nach Zahlen des REE sind in Spanien in den vergangenen zwölf Monaten Windkraftanlagen mit insgesamt 1,42 Gigawatt und neue Fotovoltaik­anlagen mit zusammen 3,86 Gigawatt Leistung ans Netz gegangen. Das ist nicht schlecht, sollte aber noch besser werden. Der Klimawandel wartet nicht.

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