Brennstoff fehlt

AKW aus, AKW an: Kann man alte Atomkraftwerke einfach wieder hochfahren?

Drei Atommeiler sind in Deutschland noch am Netz – einer davon ist der Block Neckarwestheim II im Kreis Heilbronn.

Köln. Nach dem schweren Reaktorunfall im japanischen Fukushima vor elf Jahren hatte Deutschland den endgültigen Abschied von der Kernkraft eingeleitet. Aktuell sind nur noch drei AKWs in Deutschland im Betrieb: Emsland, Neckarwestheim 2 und Isar 2. Alle drei sollen bis Ende des Jahres vom Netz gehen.

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Doch plötzlich wird die Wiederbelebung der Atomkraft diskutiert. Dabei geht es vor allem um die Versorgungssicherheit. Denn der Krieg in der Ukraine hat die russischen Gasimporte auf den Prüfstand gestellt.

Umfrage zeigt: Zustimmung zur Atomkraft wächst wieder

Und auch viele Deutsche stimmen der Atomenergie plötzlich wieder zu: 40 Prozent sprechen sich für eine Reaktivierung der Kernkraft aus. Das geht aus einer repräsentativen Umfrage des Vergleichsportals Verivox hervor. Damit hat sich die Zustimmung zur Kernenergie in den vergangenen vier Jahren fast verdoppelt. 2018 war nur jeder Fünfte dieser Meinung.

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Dabei geht es vor allem um die Frage, ob eine Verlängerung der Laufzeiten möglich ist. Die in Deutschland noch übrigen Atomkraftwerke werden derzeit auf ihre anstehende Abschaltung vorbereitet. Wäre es technisch überhaupt möglich, sie wieder hochzufahren? Und kann man einmal abgeschaltete AKWs unproblematisch wieder ans Netz anschließen?

Wie erzeugt ein Atomkraftwerk Strom?

Um das beantworten zu können, muss man erst mal verstehen, wie ein Atomkraftwerk überhaupt funktioniert. „Im Prinzip arbeitet ein Kernkraftwerk auch nicht anders als ein Kohlekraftwerk“, sagt Uwe Stoll, wissenschaftlich-technischer Geschäftsführer bei der Gesellschaft für Anlagen- und Reaktorsicherheit (GRS). „Es wird Dampf erzeugt, die eine Turbine mit Generator antreibt, und die macht dann den Strom.“

Wie genau läuft das in einem AKW ab? „Hier werden Atomkerne gespalten und zwar durch kleine Teilchen, Neutronen. Dabei entsteht die erforderliche Wärme“, erklärt Stoll. „Wo also im Kohlekraftwerk die Kohle ist, ist im Kernkraftwerk der Kernbrennstoff – in Deutschland meist Urandioxid – in stäbchenförmigen Brennstäben. Die wiederum sind zu Brennelementen gebündelt. Uran wird durch Neutronen gespalten; dabei entstehen wieder neue Neutronen, die erneut Uranatome spalten können.“ So könne eine selbst erzeugende Kettenreaktion in Gang gesetzt werden.

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„Durch die Kernspaltung entsteht eine enorme Wärme – das Wasser, das aus dem Reaktor kommt und den angeschlossenen Dampferzeuger erhitzt, wird bis 330 Grad heiß“, erklärt Stoll weiter. „Die Energie von Wasserdampf wird schließlich genutzt, um an Stromgeneratoren gekoppelte Turbinen anzutreiben.“

Spaltbares Material fehlt

Ein Atomkraftwerk ist also ein komplexes System. Lässt sich das auch nach einer längeren Pause wieder aktivieren? „Im Prinzip ja“, sagt Stoll. „Technisch kann man relativ unproblematisch ein Kernkraftwerk wieder in Betrieb nehmen.“ Schließlich gebe es in jedem AKW routinemäßig jedes Jahr eine Revision, bei der die Anlage runter und wieder hochgefahren werde, so Stoll. Der Ingenieur verweist auf Japan, das derzeit seine vor Jahren abgeschalteten Kernkraftwerke nach und nach wieder ans Netz anschließt. „Aber das müsste gesellschaftlich gewollt sein.“

Und auch praktisch gibt es – auf die Situation in Deutschland bezogen – einige Hürden. So fehle es in den gerade abgeschalteten AKWs und auch in denen, die schon abgeschaltet sind, an spaltbarem Material. „Die Betreiber haben sich auf die vereinbarte Laufzeit eingerichtet und so mit dem Brennstoff geplant.“ Das gilt auch für die Atomkraftwerke, die bald vom Netz gehen sollen. Die Vorbereitungen für die anstehenden Abschaltungen seien so weit fortgeschritten, dass die AKW „nur unter höchsten Sicherheitsbedenken und möglicherweise mit noch nicht gesicherten Brennstoffzulieferungen“ weiter betrieben werden könnten, sagte Wirtschaftsminister Robert Habeck Ende Februar. „Und das wollen wir sicher nicht.“

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Ein Brennelement hält circa fünf Jahre. „Um passende Brennelemente herzustellen, braucht man zwölf bis 15 Monate – das ist ein langwieriger Prozess“, sagt Stoll. Auch müssten spezielle Teile wie zum Beispiel die Röhren für die Brennstäbe neu gefertigt werden. „Da gibt es keine Lagerbestände.“ Andere Länder hätten Abmessungen, die in den deutschen AKWs nicht passen würden.

Chemikalien greifen Material an

Außerdem schränkt Stoll ein: „Haben sich die Betreiber darauf eingerichtet, die Anlage abzubauen, wird sie mit scharfen Chemikalien gereinigt – also dekontaminiert.“ Das aber greife unter Umständen das Material der Rohre und Messleitungen so stark an, dass sie aus Sicherheitsgründen nicht mehr eingesetzt werden könnten.

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