Anak Krakatau: Wie ein Vulkan-Kollaps 2018 eine Tsunami-Katastrophe auslöste

Drohnenaufnahme zeigt den Vulkan zwei Wochen nach dem Flankenkollaps. Der etwa 320 Meter hohe Gipfel fehlt.

Jakarta/Potsdam. Neun Monate nach dem Tsunami in Indonesien haben Forscher den Ablauf der Katastrophe bis ins Detail rekonstruiert. Demnach wurde die Flutwelle, die auf Java und Sumatra rund 430 Menschen das Leben kostete und Zehntausende obdachlos machte, weder von einem Ausbruch des Anak Krakatau noch von einem Erdbeben ausgelöst, sondern durch das schlagartige Abrutschen eines Großteils des Vulkans ins Meer.

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Das Team um Thomas Walter vom Geoforschungszentrum Potsdam (GFZ) rekonstruiert im Fachblatt "Nature Communications" die Vorgeschichte der Katastrophe minuziös. Tsunami-Warnsysteme sollten sich künftig nicht nur auf Erdbeben konzentrieren, sondern auch auf besonders gefährdete Vulkane in Meeresnähe, betonen die Forscher.

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Am 22. Dezember 2018 war eine Flanke des Anak Krakatau in die Sundastraße zwischen den indonesischen Inseln Java und Sumatra gerutscht. Zwischen 31 und 57 Minuten später überspülten Flutwellen vier Küstenstädte in der Umgebung. Rund 430 Menschen starben, 14.000 wurden verletzt, rund 33.000 wurden obdachlos. Eine Frage war damals, warum das Tsunami-Warnsystem in der Region keinen Alarm ausgelöst hatte.

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Kleiner Erdstoß genügte, um Tsunami auszulösen

Unter anderem durch Satellitenbeobachtungen, seismische Daten und Temperaturmessungen rekonstruierte das internationale Forscherteam nun die Entwicklung, die letztlich zu der Katastrophe führte. "Wir konnten am Krakatau zum ersten Mal genauestens beobachten, wie der Abbruch einer solchen Vulkanflanke vonstatten ging und welche Signale diesen ankündigten", wird der Vulkanologe Walter in einer GFZ-Mitteilung zitiert. Demnach bildeten die Bewegungen an der Südostflanke über Monate eine Art Rutschbahn in Richtung Meer aus. Danach genügte ein kleiner Erdstoß, um die Flanke binnen zwei Minuten kollabieren zu lassen, was wiederum zum Tsunami führte. Diese Entwicklung bahnte sich demnach spätestens seit Juni 2018 an.

Radaraufnahmen des deutschen TerraSAR-X- Satelliten zeigen die Form des Anak Krakatau vor (links) und nach dem Flankenkollaps (rechts).

Radaraufnahmen des deutschen TerraSAR-X- Satelliten zeigen die Form des Anak Krakatau vor (links) und nach dem Flankenkollaps (rechts).

Berüchtigt ist der Krakatau vor allem wegen seines Ausbruchs am 27. August 1883, der zusammen mit einem anschließenden Tsunami 36.000 Menschen tötete und weltweite Folgen hatte. Der mehr als 800 Meter hohe Vulkan selbst verschwand nach dem Einbruch der Caldera, später ließen weitere vulkanische Aktivitäten den Anak Krakatau (Sohn des Krakatau) wachsen. Der war zurzeit der Katastrophe 320 Meter hoch und bestand aus viel losem Geröll.

Vulkanhänge bewegten sich mehrere Millimeter pro Monat

Den Analysen zufolge zeigte der Vulkan schon das ganze Jahr 2018 hindurch erhöhte Aktivität, die sich am 30. Juni drastisch verstärkte. Dabei wurde ausgestoßenes Material im Zentrum sowie an West- und Südseite des Berges abgelagert. Dadurch häufte sich am Gipfel und vor allem an der südlichen Flanke eine zusätzliche Last von 54 Millionen Tonnen an. "Diese eruptive Phase dauerte 175 Tage bis zum 22. Dezember, als die Aktivität plötzlich in einen größeren Kollaps mündete", schreibt das Team.

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Der Südwest- und der Südhang des Vulkans bewegten sich den Analysen zufolge schon während des gesamten Jahres 2018 - zunächst um etwa 4 Millimeter pro Monat, ab Ende Juni um 10 Millimeter pro Monat. Die Bewegung war jedoch zu langsam, um von seismischen Sensoren auf dem Festland registriert zu werden.

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Vulkanisch ausgelöste Tsunamis gelten als selten

In den Stunden vor dem Kollaps erhöhte sich die Aktivität des Vulkans, gefolgt von einer kurzen Ruhephase. 115 Sekunden vor dem Kollaps schlugen die Sensoren dann durch einen leichten Erdstoß der Stärke 2 bis 3 an. Dieser Impuls war den Forschern zufolge wahrscheinlich der Auslöser, der die gesamte Flanke abrutschen ließ. Der Kollaps, der nur etwa zwei Minuten dauerte, veränderte die Insel vollkommen: Der Vulkan schrumpfte um 200 Meter auf eine Höhe von 120 Metern, im Südwesten entstand ein Krater von 400 Metern Durchmesser, der sich mit Wasser füllte.

"Vulkanisch ausgelöste Tsunamis gelten als selten und werden daher gewöhnlich nicht von Tsunami-Frühwarnzentren berücksichtigt", schreiben die Forscher. "Doch historische Dokumente zeigen, das Südostasien solche Gefahren recht regelmäßig erlebt, mit 17 Ereignissen im 20. Jahrhundert und mindestens 14 im 19. Jahrhundert, was einem Ereignis alle 5 bis 8 Jahre entspricht."

Analysemethoden hätten schon vor dem Tsunami Anomalien registriert, die man rückblickend als Vorläufer hätte einstufen können, so die Autoren. Grundsätzlich sei es möglich, solche Signale zu interpretieren. "Wir empfehlen daher eine engagierte Suche nach Inselvulkanen, die für Flankenkollapse anfällig sind und mit einer Geschichte von Tsunamis."

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RND/dpa

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