Emotionale Intelligenz: Kann man sie als Erwachsener noch lernen?

Die emotionale Intelligenz lässt sich nur schwer messen.

Neben dem Intelligenz­quotienten IQ gibt es angeblich auch einen EQ – einen Quotienten für die emotionale Intelligenz. Menschen mit einer hohen emotionalen Intelligenz sollen es im Leben leichter haben und auch im Beruf erfolgreicher sein. Aber was genau ist mit der emotionalen Intelligenz gemeint und wie lässt sich der EQ messen?

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Die Idee einer emotionalen Intelligenz (EI) wurde in den 90er-Jahren von den US-amerikanischen Psychologen Peter Salovey und John Mayer entwickelt. Wirklich bekannt wurde das Konzept 1995 durch den internationalen Bestseller „EQ. Emotionale Intelligenz“ von Daniel Goleman. Goleman war früher als Psychologe an der Harvard-Universität tätig und später Herausgeber der Zeitschrift „Psychology Today“. In seinem Buch betont er unter anderem, wie wichtig emotio­nale Intelligenz im Berufs­leben sei. Die EI bezeichnet dem­nach die Fähigkeit, Gefühle nicht nur richtig wahr­zu­nehmen und zu verstehen, sondern, sie auch steuern und angemessen mit ihnen umgehen zu können – und zwar bei sich und anderen Menschen. Ein „emotional intelligenter“ Mensch besitzt also auch Einfühlungs­vermögen.

Konzept der emotionalen Intelligenz wird auch kritisiert

Doch der Begriff der emotionalen Intelligenz wurde von Beginn an auch kritisiert. Zum einen deshalb, weil das Konzept der EI nur wenig mit dem der kognitiven Intelligenz gemeinsam hat. Zum anderen, weil die emotionale Intelligenz schwer präzise zu definieren oder zu messen ist.

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Heute gibt es in der Forschung drei unterschiedliche Auffassungen davon, worum es sich bei der EI wirklich handelt. Einige Wissen­schaftler und Wissen­schaft­lerinnen betrachten sie als die erlernbare Fähigkeit, Gefühle bei sich und anderen richtig wahr­zunehmen und zu interpretieren, man spricht in diesem Fall auch von der ability –EI (englisch für „Fähigkeit“).

Erfasst das „Big Five“-Modell die emotionale Intelligenz bereits?

Andere Forschende lehnen die emotionale Intelligenz als eigenes Konzept ab. Sie gehen davon aus, dass die darunter zusammengefassten Kompetenzen ganz einfach Persönlich­keits­eigen­schaften sind. Die emotionale Intelligenz würde nach dieser Auffassung bereits mit dem etablierten „Big Five“-Persön­lich­keits­modell erfasst. Dabei wird jeder Mensch nach seiner Ausprägung von fünf Grund­eigen­schaften beschrieben. Dazu gehören neben der Extrover­tiertheit, der Gewissen­haftig­keit und der Offen­heit für neue Erfahrungen die sogenannte Verträg­lichkeit: Diese umfasst Eigen­schaften wie Empathie, Rücksicht­nahme und Kooperations­bereitschaft. Eine weitere „Big Five“-Kategorie ist der Neuroti­zismus, die emotionale Labilität und Verletzlichkeit eines Menschen. Bei der Ausprägung dieser Eigen­schaft würde im „Big Five“-Modell mit erfasst, wie gut jemand zur Emotions­kontrolle in der Lage ist.

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Wenn man die EI als Resultat der Persön­lichkeits­eigen­schaften versteht, die mit dem „Big Five“-Modell erfasst werden, bedeutet das, dass sie von Erwachsenen nicht oder kaum noch erlernt werden kann. Denn die Ergebnisse, die Menschen in einem „Big Five“-Persönlich­keits­test erzielen, ändern sich ab dem 30. Lebensjahr aufwärts kaum noch.

Die EI, die Golemann in seinem Buch beschreibt, ist am ehesten eine Mischung aus Persönlich­keits­eigen­schaften und erlernbaren Fähigkeiten, das Konzept wird deshalb auch als mixed EI bezeichnet.

Wie kann man emotionale Intelligenz messen?

Geht es nun darum, emotionale Intelligenz zu messen, stellt sich die Frage, was genau man angesichts der unter­schied­lichen Defini­tionen eigentlich messen will.

Die Erfinder der emotionalen Intelligenz, Mayer und Salovey, haben selbst einen Test mitentwickelt. Der Mayer-Salovey-Caruso Emotional Intelligence Test (MSCEIT) ist einer der weltweit am häufigsten eingesetzten Tests zur Erfassung der emotionalen Intelligenz. Er besteht aus mehr als 100 Fragen, es gibt auch eine deutsche Version. Darin wird zum Beispiel anhand von Bildern abgefragt, welche Emotion ein Gesichts­ausdruck abbildet, der Test enthält aber auch Fragen zur Emotionsr­egulation oder zum richtigen Umgang mit den Gefühlen anderer. Ein Problem des MSCEIT-Tests: Er prüft nur theoretisches Wissen ab. Doch nicht jeder, der in der Theorie weiß, wie er mit den eigenen Emotionen oder den Emotionen anderer angemessen umgehen sollte, ist auch in der Realität dazu in der Lage.

Autor Goleman hat den ECI (Emotional Competence Inventory) Test entwickelt, der eher einem Persönlich­­keits­­test ähnelt. Test­teilneh­mende sollen zum Beispiel Aussagen zustimmen oder ablehnen wie „Ich verstehe, wie andere denken“ oder „Ich kann mich selbst motivieren“. Anschließend ist ein Feedback von Kollegen und Kolleginnen oder Vorgesetzten vorgesehen. Eine Selbst­einschätzung der emotionalen Kompetenz muss allerdings nicht mit der tatsächlichen Fähigkeit überein­stimmen. Das Gleiche gilt für die Ein­schätzung durch andere – sie hängt womöglich von deren eigener emotionaler Intelligenz ab.

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Emotionale Intelligenz ist am Arbeits­platz gefragt

Warum wird überhaupt versucht, die emotionale Intelligenz zu messen? Tests zur emotionalen Intelligenz können in der Forschung oder im Rahmen einer therapeu­tischen Arbeit eingesetzt werden. Das größte Interesse besteht aber vermutlich in der Arbeitswelt. Viele große Unternehmen setzen vor allem in den USA in Einstellungs­verfahren solche Tests ein, da die EI seit Colemanns Buch als Garant für eine gute Performance am Arbeitsplatz gilt. Aber stimmt das überhaupt? Eine Studie von 2011 war tatsächlich zu dem Ergebnis gekommen, dass alle gängigen Test­verfahren zur EI geeignet waren, die berufliche Leistung vorher­zusagen. Zuvor hatte jedoch eine andere Studie ergeben, dass Tests nach der Art des MSCEIT dabei keinen Mehrwert hatten, der über klassische Intelligenz­tests und Persönlich­keitstests hinausging.

Es bleibt also schwierig, eine wissen­schaftlich klare Definition für das Konzept der emotionalen Intelligenz zu finden. Dass Fähigkeiten, die der emotionalen Intelligenz zugeordnet werden, in Beruf wie Privat­leben hilfreich sein können, liegt auf der Hand – man könnte sie allgemein auch als soziale Kompetenz bezeichnen. Obwohl aber längst Kurse und Seminare dazu kommerziell angeboten werden: Es gibt je nach Definition unterschiedliche Annahmen dazu, ob man die emotionale Intelligenz als erwachsener Menschen überhaupt noch erlernen kann.

RND

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