Lücken der Erinnerung – wenn das Gedächtnis uns täuscht

Wie echt sind unsere Erinnerungen?

Wie echt sind unsere Erinnerungen?

Sie gehören zu unseren größten Schätzen: Erinnerungen aus der Kindheit – der Urlaub am Meer in Italien, das erste Fahren auf dem Fahrrad, die Sandkastenspiele im Kindergarten. Doch sind die wertvollen Erinnerungen auch wahr?

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Stark erschüttert hat den Glauben an Kindheitserlebnisse und die Leistungen des Gedächtnisses die US-amerikanische Psychologin und Gedächtnisforscherin Elizabeth Loftus. In einer Studie schleuste sie Freiwilligen eine falsche Erinnerung ins Gehirn: ein Treffen mit der Comicfigur Bugs Bunny in Disneyland. Zu diesem Zweck griff Loftus auf einen Trick zurück. Sie zeigte ihren Probanden eine Werbeannonce des Disney-Konzerns, in der sie als Kinder neben Bugs Bunny stehend abgebildet waren.

Unsere Erinnerung kann uns massiv täuschen

Ein Teil der Versuchspersonen konnte sich anschließend lebhaft an die Szene erinnern. Ein Teilnehmer berichtete sogar, wie ihm die Comicfigur die Hand geschüttelt und eine Karotte präsentiert hatte. Doch das Treffen konnte so nie stattgefunden haben. Denn Bugs Bunny ist eine Figur des Entertainmentkonzerns Warner Brothers. Bugs Bunny hat sich also sicherlich nicht nach Disneyland verirrt.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Mit Experimenten wie diesem haben Psychologinnen und Psychologen immer wieder die Verlässlichkeit unseres Gedächtnisses infrage gestellt. Mittlerweile ist klar: „Es ruft nicht Erinnerungen ab, die wie von einer Videokamera gespeichert sind“, so Prof. Aileen Oeberst, Psychologin von der Fernuniversität Hagen. „Vielmehr rekonstruiert das Gedächtnis Erinnerungen.“ Und das machen dann auch die Probanden. Sie rekonstruieren Erinnerungen, die sie für plausibel halten. Dabei können sogar Bilder vor ihrem inneren Auge auftauchen, die sie für wahr halten. Das nennt man Quellenverwechslung. Sie halten etwas rein Vorgestelltes für etwas Erinnertes.

Doch auch jenseits von „implantierten“ Erinnerungen offenbart das Gedächtnis seine Schwächen. Natürlich merken wir das bereits im Alltag. Etwa wenn wir feststellen, dass wir einen Urlaub ganz anders in Erinnerung haben als ein Freund, der mit uns verreist war. Da schleichen sich immer wieder Zweifel an unser Erinnerungsvermögen ein.

Doch erst wissenschaftliche Studien offenbaren das wirkliche Ausmaß. In einem Experiment etwa liefen verschiedene Personen die gleiche vorgegebene Strecke durch eine Stadt, aber zu unterschiedlichen Zeiten. Während sie dies taten, zeichneten die Forscherinnen und Forscher ihre Erlebnisse mit einer am Helm befestigten Videokamera auf. Am nächsten Tag sollten die Testpersonen beurteilen, ob die verschiedenen Videoclips von Dingen stammten, die sie selbst erlebt hatten oder von den Erlebnissen anderer. Die durchschnittliche Gedächtnisleistung bei dieser Aufgabe fiel mit 56 Prozent ziemlich dürftig aus. Sie lag nur geringfügig höher als beim Raten, was 50 Prozent entspricht. Die Studie zeigt: Wir lassen uns gern von Dingen verwirren, die denen ähnlich sind, die tatsächlich passiert sind.

„Erinnerungen speisen sich aus dem, was wir mittlerweile erfahren haben“

Außerdem werden Erinnerungen unzuverlässiger, je weiter das Ereignis zurückliegt. Das ergeben Befragungen zu Ereignissen wie 9/11. Man befragt dabei Menschen dazu, was sie gerade gemacht haben, als sie von den Terroranschlägen auf das World Trade Center gehört haben. Und dann interviewt man sie noch mal Jahre später. „Die Probanden sind sich häufig unfassbar sicher, sich korrekt zu erinnern“, sagt Aileen Oeberst. „Weil sie die Ereignisse so plastisch vor Augen haben.“ Aber es stimmt keineswegs komplett überein mit dem, was sie vor Jahren erzählt haben. „Erinnerungen speisen sich aus dem, was wir mittlerweile erfahren haben“, so die Psychologin. Zudem aus dem, wie wir die Welt jetzt sehen und wie wir uns im Moment des Erinnerns gerade fühlen. „Fühlen wir uns etwa gerade gut, fällt auch die Erinnerung positiver aus.“

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Doch es gibt auch andere Studien, die das Gedächtnis in positiverem Licht erscheinen lassen. So baten Forschende Probandinnen und Probanden, sich eine Reihe von Fotos einzuprägen und einen Tag später die dargestellten Szenen zu zeichnen. Die Zeichnungen waren erstaunlich detailgetreu.

In eine ähnliche Richtung geht eine Studie des Neuropsychologen Brian Levine von der University of Toronto. Er ließ Probanden mit einem 30-minütigen Audioguide ausgestattet eine Tour durch ein Krankenhaus machen, in dem eine Reihe von Kunstwerken ausgestellt war. Zwei Tage später wurden die Teilnehmenden gebeten, dem Forscher alles zu erzählen, woran sie sich erinnern konnten. Ergebnis: Die Probanden erinnerten sich an weniger als ein Viertel aller Details, die beim Rundgang zu sehen waren. Den Großteil der Informationen, die unsere Erfahrungen ausmachen, vergessen wir also oder lassen sie beim Gedächtnisabruf aus. Dennoch waren die erinnerten Details im Schnitt zu mehr als 90 Prozent korrekt.

Wir erinnern uns besser an Dinge und Ereignisse, die besonders sind

„Eine solch hohe Genauigkeit der Erinnerungsleistung hätte ich nicht erwartet“, sagt die Hagener Psychologin Aileen Oeberst. „Ich glaube allerdings nicht, dass die Ergebnisse sich so einfach auf den Alltag hin verallgemeinern lassen.“ Denn Erlebnisse wie die Führung durch das Krankenhaus mit den Kunstwerken seien einzigartig. „Daran erinnert man sich besser, als wenn sich Menschen an Alltägliches erinnern, wo es leichter Verwechslungen zwischen verschiedenen Erlebnissen gibt.“

Ganz grundsätzlich gilt: Wir erinnern uns besser an Dinge und Ereignisse, die besonders sind. „Wir haben zudem ein besseres Gedächtnis für Dinge, die für uns persönlich und emotional Bedeutung haben“, so Oeberst. Etwa wenn wir uns an eine misslungene Aufgabe aus einer Prüfung erinnern, die für uns sehr wichtig war. Und in solchen Fällen machen wir auch weniger Fehler. Umgekehrt unterlaufen uns leichter Schnitzer, wenn Dinge wiederkehren. Geht man etwa immer wieder in ein und dasselbe Restaurant und soll sich an einen ganz bestimmten Abend dort erinnern, werden einem hier sicherlich einige Fehler unterlaufen. Die Besuche verschwimmen gewissermaßen zu einem Einheitsbrei.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Halten wir fest: Auf das Gedächtnis können wir uns vor allem dann verlassen, wenn es um Ereignisse geht, die nicht zu lange zurückliegen, besonders sind und eine emotionale Bedeutung für uns haben. Und nicht immer taucht ein Comic­hase in unserem Gedächtnis auf, wo er nichts zu suchen hat. Manchmal sind zum Beispiel Erinnerungen an die Kindheit genau das, was sie zu sein scheinen: ein echter Schatz.

Mehr aus Wissen

 
 
 
 
 
Anzeige
Empfohlener redaktioneller Inhalt

An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt von Outbrain UK Ltd, der den Artikel ergänzt. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen.

 

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unseren Datenschutzhinweisen.

Verwandte Themen

Letzte Meldungen