„Verräter“: Studie zeigt, was Forschende während der Pandemie durchmachen

Einer Studie zufolge sehen sich Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler wie Christian Drosten während der Pandemie teils Beschimpfungen und sogar Bedrohungen ausgesetzt.

Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sehen sich während der Pandemie teils Beschimpfungen und sogar Bedrohungen ausgesetzt. Schon vor einem Jahr berichtete der deutsche Virologe Christian Drosten, dass er sein Haus nur noch hinter Sonnenbrille und Mütze versteckt verlasse. Auch der US-Seuchenexperte Anthony Fauci gestand während eines Interviews mit einem australischen Sender ein, wie „stressig“ seine Arbeit vor allem während der Präsidentschaft von Donald Trump gewesen sei. „Wenn Sie Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens wie (den ehemaligen Trump-Berater Steve, Red.) Bannon haben, die Ihre Enthauptung fordern, dann ist dies wirklich etwas ausgefallen“, sagte er.

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Auch die aktuelle Studie der Universität von Sydney, die im Fachmagazin „BMJ Open Science“ veröffentlicht wurde, zeigt, welchen zusätzlichen Belastungen die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler während der Pandemie ausgesetzt sind. Für die Studie wurden erfahrene australische Forschende und Wissenschaftskommunikatoren interviewt. „Die Verbreitung von Fehlinformationen im öffentlichen Gesundheitswesen und in der Wissenschaft ist kein neues Problem“, sagte Lisa Parker von der University of Sydney und die Hauptautorin der Studie. Allerdings habe sich im Rahmen der Studie herausgestellt, dass sich dies in der aktuellen Pandemie nochmals intensiviert habe.

Prominente Stimmen und soziale Medien

Letzteres bestätigte auch der australische Psychologe Steven Taylor, der kurz vor Beginn der Pandemie ein Buch veröffentlicht hat, das sich als geradezu visionär herausstellen sollte. „Die Pandemie als psychologische Herausforderung“ wurde zu einer Art Leitfaden der Pandemie. Etliche Ereignisse und Vorfälle, die Taylor von früheren Pandemien beschrieb, wiederholten sich auch während der derzeitigen Covid-19-Pandemie: „Ich habe mit Verschwörungstheorien und Antibewegungen wie Anti-Masken- oder Anti-Lockdown-Protesten gerechnet“, sagte der Forscher im Interview. „Aber ich war überrascht, wie prominent sie geworden sind.“

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Ein Grund dafür sei, dass diese Bewegungen von Leuten wie dem Ex-US-Präsidenten Donald Trump oder dem brasilianischen Präsidenten Jair Bolsonaro politische Aufmerksamkeit bekommen hätten, die Covid als eine kleine Grippe bezeichneten. Ein anderer sei aber, dass dies die erste Pandemie im Zeitalter der sozialen Medien sei. „Und dies erhöht die Geschwindigkeit, mit der sich Informationen und Fehlinformationen über den Planeten verbreiten.“

Beschimpft und bedroht

Die Verbindung übers Internet macht es Menschen zudem leichter, Forscher über soziale Medien oder E-Mail zu kontaktieren. Im Interview mit dem „Guardian“ beschrieb der australische Virologe Dominic Dwyer, der selbst in Wuhan war und nach den Ursprüngen der Pandemie suchte, beispielsweise, wie er mit E-Mails bombardiert wurde, die ihn als „Verräter“ bezeichneten, oder die ihn dazu drängten, unbewiesene Covid-19-Behandlungen zu empfehlen. Einige Leute hätten ihm E-Mails geschickt, weil sie dachten, er verschweige die „Wahrheit“ über Covid und seine Behandlungsoptionen, berichtete der Forscher. „Mir wurden unglaubliche Dinge von allen möglichen Leuten gesagt, oft mit Kritik verbunden oder mit Hinweisen auf Verschwörungstheorien oder gefährliche medizinische Behandlungen.“

Ähnliches habe er nur in den Anfangsjahren von Aids erlebt, sagte der Australier. Die sozialen Medien würden dies nun aber multiplizieren. „Als ich nach Wuhan reiste, bekam ich E-Mails, in denen stand, dass ich ein Verräter an meinem Land bin.“ Da habe er sich gefragt, warum Leute so etwas schreiben würden? „Ist es Rassismus? Haben sie Angst vor etwas? Ich versuche, das Richtige für mein Land und andere Menschen zu tun, ich versuche, Gutes zu tun.“ Trotzdem würden die Leute ihn weiter kritisieren. Er bemühe sich aber nach wie vor, sich nicht unterkriegen zu lassen, meinte er. Auch eine nichtrepräsentative Umfrage der Fachzeitschrift „Nature“ unter mehr als 300 internationalen Forschern kam im Oktober zu ähnlichen Ergebnissen: So berichtete ein Teil der Forscher von Hassbotschaften und teilweise sogar von Morddrohungen. In seltenen Fällen kam es wohl sogar zu körperlichen Angriffen.

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Mehr Transparenz schaffen

Laut Parker könnte ein möglicher Lösungsansatz darin bestehen, das wissenschaftliche Publizieren transparenter zu machen. Beispielsweise sollten Paywalls für den Zugang zu Forschungsarbeiten beseitigt werden. Wissenschaftliche Zeitschriften müssten ihrer Meinung nach auch Kommentare von Peer-Reviewern – die Papiere prüfen, bevor sie publiziert werden – öffentlich machen.

Zudem sollten Forschende ihre Studien einschließlich der Studienprotokolle registrieren und alle Datensätze veröffentlichen. „Ich denke, wir als Wissenschaftsgemeinde müssen bereit sein, auch vor unserer eigenen Türe zu kehren und zuzugeben, wenn wir einen Fehler machen“, sagte sie. „Wir können nicht erwarten, dass die Leute das, was wir tun, für bare Münze nehmen.“

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