Was bedeuten meine Träume? Eine Schlafforscherin klärt auf

Schlafen und Träumen haben eine regenerative Wirkung, sagt Schlafforscherin Brigitte Holzinger.

Wien. Wir träumen vom Fliegen, von Verfolgungen und einige Menschen träumen sogar wiederholt davon, alle Zähne zu verlieren. Einige Träume sind kurios, andere beinahe angsteinflößend – Grund genug, etwa mal nach der Bedeutung eines Traums zu googlen. Ein paar Klicks weiter und schon sagt das Internet: Wer vom Fliegen träumt, hat Sehnsucht und wem im Traum die Zähne ausfallen, der hat Verlustängste. Doch lassen sich unsere nächtlichen Erlebnisse wirklich so allgemein deuten?

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Brigitte Holzinger leitet nicht nur das Wiener Institut für Bewusstseins- und Traumforschung, sondern auch den weltweit nahezu einzigartigen Studiengang „Medizinisches Schlafcoaching“. Sie erklärt im Interview mit dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND), warum Traumdeutungen nicht zielführend sind und wie man stattdessen lernen kann, die eigenen Träume zu verstehen.

Frau Holzinger, ich träume regelmäßig, dass ich ganz gestresst und viel zu spät anfange, Koffer zu packen und dann nur knapp meinen Flieger oder Zug bekomme. Ob in der nächsten Zeit ein Urlaub ansteht oder nicht, ist dabei völlig egal. Wie lässt sich so etwas deuten?

Dieses Traumthema habe ich schon öfter geschildert bekommen. In unserer Arbeit geht es aber nicht darum, dass wir Träume interpretieren, sondern dass der Träumer oder die Träumerin selbst den Traum nachspürt und versteht: Wo klickt es da bei mir? Wir gehen nämlich davon aus, dass nur der Träumende wissen kann, was der Traum bewirken soll. Und wollen dabei helfen. Von daher würde ich Ihnen nicht sagen, was ihr Traum bedeutet, sondern Sie zum Beispiel fragen: Kennen Sie das auch im Wachzustand, dass Sie sehr gestresst sind und versuchen „alles reinzupacken“, bevor die Deadline kommt?

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Brigitte Holzinger hat in Stanford und Wien Psychologie studiert und ist heute eine der führenden Expertinnen in der Schlaf- und Traumforschung.

Brigitte Holzinger hat in Stanford und Wien Psychologie studiert und ist heute eine der führenden Expertinnen in der Schlaf- und Traumforschung.

Mit Sicherheit, ja. Das heißt, Sie würden mir eher raten, mich an meinen Traum zu erinnern, als jemand anderen um die Deutung zu bitten?

Ja, denn in einem Traum werden Themen aus dem Leben und dem Alltag körperlich und auf der Gefühlsebene verarbeitet. Um das zu interpretieren, braucht man nicht unbedingt eine andere Person. Wir haben jedoch eine Technik entwickelt – die Dream Sense Memory – die beim sinnlichen Erinnern hilft und dadurch dabei hilft, intuitiv zu verstehen, womit man sich gerade beschäftigt.

An bekannten Traumdeutungen und Traumsymbolen – wie zum Beispiel das Fliegen als Sehnsucht oder eine Verfolgung als Flucht vor Problemen gedeutet wird – ist also nicht viel dran?

Nur insofern, als dass viele Menschen bei vielen Themen ähnliche Bilder haben – etwa wenn sie aus dem gleichen Kulturkreis kommen.

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Sollte man dann nicht ganz davon absehen, seine Träume interpretieren zu wollen?

Das Bedürfnis, seine Träume zu interpretieren, ist gut, weil es dazu führt, dass man sich mit sich selbst beschäftigt. Man kann so lernen, intuitiv zu verstehen, was einen bewegt. Das muss kein Lebensthema sein, sondern kann auch etwas Aktuelles sein. Menschen erzählen mir zum Beispiel, dass sie bei Erkrankungen oder Heilungsprozessen ganz stark geträumt haben.

Wie genau kann man lernen, seine eigenen Träume zu verstehen?

Bei unserer Technik, der Dream Sense Memory, geht es darum, dass man sich auf seinen Traum noch mal einlässt. Dazu sollte man ihn sich möglichst bildhaft und nachspürend ins Bewusstsein rufen und dann auch zum Ausdruck bringen, etwa in dem man ihn notiert oder jemandem erzählt. Dabei sollte man sich fragen: „Was habe ich für Empfindungen bei diesem Traumbild oder dieser Traumfigur? Was bringt das bei mir in Schwingung – welche Gefühle, Gedanken, Erinnerungen, Assoziationen?“ Wir haben dazu auch eine App entwickelt, die dabei hilft.

Viele Menschen erinnern sich nicht an den Großteil ihrer Träume. Ist das auch normal?

Ja, die wissenschaftlichen Erkenntnisse deuten darauf hin, dass ein Traum das erledigt, was er soll, auch wenn wir uns daran nicht erinnern. Im Gegenteil sogar: Wir träumen vermutlich sogar sehr viel häufiger im REM-Schlaf. Eine Erinnerung ist da gar nicht vorgesehen. Oft sind die Träume auch gar nicht so spektakulär, sondern helfen uns einfach, den Alltag zu bewältigen.

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Erinnern sich manche Menschen besser als andere an ihre Träume?

Jeder träumt, auch wenn er sich nicht daran erinnert. Aber manche Menschen erinnern sich tatsächlich besser. In unserer Forschung haben wir bisher aber noch keine Persönlichkeitsmerkmale gefunden, die die Erinnernden von den Nicht-Erinnernden trennen würden. Mit der Ausnahme, dass sich Menschen, die kreativ sind und Menschen, die sich Zeit für den Schlaf nehmen, besser erinnern können.

Wenn man sich aber jetzt an seine Träume erinnern will – kann man das lernen?

Lernen nicht, aber fördern: Indem man Träume notiert und aufschreibt, sie also absichtlich ins Bewusstsein holt und dann zu Papier bringt, zum Beispiel. Wenn man sich quasi noch weiter damit beschäftigt, erinnert man sich dann viel mehr.

Fakt ist: Man kann sich meist zumindest an irgendeine Stimmung erinnern und mit diesen kleinen Erinnerungsschnipseln dann beginnen. Aber es braucht Energie, Zeit und Konzentration.

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Wie lernt man seine Träume zu steuern – also das luzide Träumen beziehungsweise Klarträumen?

Der erste Schritt ist, sich mehr an seine Träume zu erinnern. Das stärkt diese Brücke zwischen Traum- und Wachleben. Dafür gibt es ganz verschiedene Techniken. Meine präferierten Techniken sind die Klarheit bewahrenden Techniken, wie sie der Schlafforscher Paul Tholey genannt hat. Man versucht beim Einschlafen vom Wachzustand in den Traum hinüberzugleiten und dabei das Ichbewusstsein aufrechtzuerhalten. Aber man muss sich damit beschäftigen. Es hilft zum Beispiel, sich mit anderen darüber zu unterhalten oder Bücher über das Klarträumen zu lesen.

Kann man damit dann auch Albträume verhindern?

Ja. Wir haben in zwei großen Projekten mit Albträumen an sich und Albträumen, die auch eine psychische Belastung haben, nämlich eine Posttraumatische-Belastungs-Reaktion, gut zeigen können, wie toll das luzide Träumen gegen Albträume einsetzbar ist und hilft. Dadurch ist das luzide Träumen auch als Therapie wirksam.

„Man kann den Traum wie eine kleine Psychotherapie sehen.“

sagt Brigitte Holzinger

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Das zu beweisen war mir immer ein großes Anliegen seit ich 1988 mit der Hilfe von dem amerikanischen Klartraumforscher Stephen LaBerge eine der ersten systematischen Studien über die hirnphysiologischen Korrelate, also die Gehirnaktivitäten des Bewusstseins, vom luziden Träumen gemacht habe.

Das Träumen ist generell noch wenig erforscht. Was weiß man bislang darüber, warum wir überhaupt träumen?

Dazu gibt es die verschiedensten Modelle: die neurobiologischen, die psychotherapeutischen oder die Psychoanalyse. Unterm Strich findet im Traum eine emotionale Verarbeitung statt. Das Träumen hilft uns dabei, emotional Schwieriges zu verarbeiten, sozusagen eine emotionale Balance wiederherzustellen. Deswegen auch der Spruch: Man solle eine Nacht darüber schlafen – auch wenn man eine wichtige Entscheidung treffen möchte. Der Schlaf, aber vor allem das Träumen stellt vermutlich in der REM-Schlafphase geistige Fähigkeiten wie die Gedächtnis- und Konzentrationsfähigkeit wieder her.

Man kann den Traum wie eine kleine Psychotherapie sehen, die wir jede Nacht von selbst mit uns durchführen – ohne sich notwendigerweise daran zu erinnern.

Es gibt Menschen, die beim Schlafen anfangen, sich zu bewegen und sogar zu laufen. Wieso schlafwandeln manche Menschen?

Diese Parasomnien, also Verhaltensstörungen während des Schlafens, haben zum einen einen genetischen Faktor und werden zum anderen durch Stress gefördert. Denn Stress macht den Schlaf fragiler. Zu den Parasomnien zählen sowohl die REM-bezogenen und als auch die nicht REM-bezogenen Störungen. Das Bewegen und Laufen während des REM-Schlafs beispielsweise, während wir Träumen, nennt sich REM-Verhaltensstörung. Die kann auch gefährlich sein, weil man dabei sich selbst oder auch den Bettpartner oder die Bettpartnerin verletzen kann. Das Schlafwandeln findet aber in einem anderen Schlafstadium statt, nämlich im Tiefschlaf. Mit dem Träumen hat es somit nichts zu tun. Man weiß inzwischen auch, dass die Menschen während des Schlafwandelns schemenhaft wahrnehmen.

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Viele Menschen sind generell von Schlafstörungen geplagt. Während Corona berichten immer mehr Menschen davon, schlecht zu schlafen.

Das hat die Initiative ICOSS (International Covid-19 Sleep Study) gezeigt, bei der ich mitwirken darf. 120.000 Personen aus 15 Regionen und 14 Ländern haben daran teilgenommen. Das Ergebnis: Schlafprobleme haben sich weltweit fast verdoppelt. Die wirklich krankhaften Schlafstörungen sind gestiegen. Die Leute träumen mehr und haben mehr Albträume.

Covid hat sich wirklich stark auf das Schlafverhalten ausgewirkt. Das hat viele Gründe. Ein Grund ist, dass viele Menschen mehr Angst haben und wir unter Krisensituationen und Stress mehr träumen. Und eine Pandemie ist Stress für alle.

Wie kann man denn besser schlafen?

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Der wichtigste Tipp: sich eine Tagesstruktur einzurichten. Viele haben das gar nicht gelernt, zu einer bestimmten Uhrzeit aufzustehen, den ganzen Tag zu festgelegten Uhrzeiten seine Aufgaben zu erledigen und danach zu einer gewissen Uhrzeit schlafen zu gehen. Dafür müssen sie herausfinden, wann ihre idealen Schlafzeiten sind und wie viel Schlaf ihnen eigentlich guttut. Das muss nicht auf die Minute genau sein, aber ein Zeitfenster mit dem sie im Rhythmus bleiben. Außerdem sollte man tagsüber nicht allzu viel rumdösen und – was natürlich auch insgesamt gesund ist – sich draußen bewegen. Das muss nicht hochaktiv sein, eine halbe Stunde oder Stunde pro Tag können schon reichen.

Guter Schlaf ist jetzt ganz besonders wichtig, weil er unser Immunsystem fördert. Das hilft wiederum bei der Virusbekämpfung.

In Onlinetraumseminaren und -gruppen hilft Brigitte Holzinger nicht nur Menschen mit Schlafstörungen, sondern bildet auch medizinische Kräfte aus. An der Universität Wien lehrt sie in dem Masterstudiengang „Medizinisches Schlafcoaching“ unter anderem, wie Schlafprobleme medizinisch behandelt werden können.

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