Zwischen Krieg und Alltag: So lebt ein Lehrer von Fehmarn in der Ukraine
Fehmarn/Kiew. Es ist früh am Morgen und Markus Peuser befindet sich an seinem Arbeitsplatz in Kiew. Die Sprachschule liegt auf der rechten Uferseite der Stadt. Sein Handy piept und meldet einen Alarm. Denn der Mann, der von Fehmarn kommt und vor einigen Jahren in die Ukraine ausgewandert ist, lebt mitten im Kriegsgebiet.
„Wenn ein Alarm kommt, müssen wir entscheiden. Es gibt immer zwei Arten“, sagt Peuser. „Wir können anhand der Meldung sehen, ob Flugzeuge an der Grenze zu Übungszwecken aufsteigen oder ob ein echter Luftalarm droht“, erklärt er. Bei 90 Prozent der Meldungen tritt der erstere Fall ein – dann geht der Unterricht weiter. Beim zweiten Fall ist die Gefahr realer. Dann wird der Unterricht, der online läuft, unterbrochen.
Bei Luftalarm in Kiew wird der Unterricht unterbrochen
Markus Peuser, der die Schule gegründet hat, und seine Kollegen versammeln sich dann in einem Raum des Gebäudes. „Wir liegen relativ geschützt zwischen Häuserblocks, deswegen fühlen wir uns hier relativ sicher“, sagt er. „Und im Notfall können wir noch in eine nahegelegen U-Bahn-Station, die nur 50 Meter weit weg ist.“ Wie lange der Alarm andauert, ist unterschiedlich. Mal eine Stunde, mal drei.
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Zur vollständigen AnsichtNach dem Kriegsausbruch floh Peuser nach Fehmarn
Als der Krieg vor einem Jahr ausbrach, ist Markus Peuser Hals über Kopf auf seine Heimatinsel Fehmarn geflohen. „Damals habe ich alles stehen und liegen gelassen und bin zu meiner Familie gefahren.“ Die war erst einmal froh, dass der 41-Jährige in Sicherheit war. Doch wenige Wochen später ist er zurückgekehrt in seine Wohnung in Kiew. „Zunächst habe ich meiner Familie gar nichts davon erzählt, damit sie sich nicht so große Sorgen macht. Aber ich musste ja noch mal in meine Wohnung, ich hatte mein Apartment ja mit wehenden Fahnen verlassen.“
Vor Ort stellte er schnell fest, dass er sich eine dauerhafte Rückkehr vorstellen kann. Das Leben in der Stadt ist weiterhin möglich – trotz des russischen Angriffskrieges. Zuhause auf Fehmarn nahmen seine Verwandten diese Entscheidung mit einem mulmigen Gefühl zur Kenntnis. „Natürlich sorgt sich meine Familie. Ich musste zumindest versprechen, künftig öfter nach Hause zu kommen. Mindestens einmal im Quartal“
„Es gibt Tage, da wacht man von Explosionen auf“
Seitdem lebt der 41-Jährige zwischen Kriegsalltag und Normalität. „Es gibt Tage, da ist in Kiew fast alles normal“, erzählt er. „Und dann gibt es Tage, da wacht man von lauten Explosionen auf und wird zurück in die Realität geholt.“ An solchen Tagen sei die Stadt auch in den Stunden nach den Angriffen wie ausgestorben, dann traue sich niemand auf die Straße. Selbst wer eigentlich zu seinem Arbeitsplatz müsste, steige auf Homeoffice um. „An anderen Tagen gehen viele ganz normal spazieren, die Läden und Cafés haben geöffnet“, erzählt Peuser.
Der Lehrer nimmt all das, was derzeit passiert, mit großer Ruhe zur Kenntnis. Auch die Stromausfälle, die mittlerweile zum Alltag in Kiew gehören. Nach russischen Angriffen auf die Energie-Infrastruktur wird der Strom nach einem Plan zeitweise abgeschaltet. Mal für wenige Stunden, mal länger. „So genau weiß man das nie“, sagt Peuser. „Aber das ist alles auszuhalten. In der Schule haben wir außerdem einen Stromgenerator.“
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Zur vollständigen AnsichtIm April ist Markus Peuser wieder auf Fehmarn
Angst hat Markus Peuser nicht. Planen kann er aber auch nicht. „Ich wollte mir zum Beispiel ein Apartment in Kiew kaufen, das macht derzeit natürlich wenig Sinn“, sagt er. Stattdessen wartet er ab und besucht regelmäßig seine Familie auf Fehmarn. „Im April bin ich das nächste Mal dort. Dann steht eine Konfirmation an, da bin ich natürlich dabei“, erzählt er. Die Frage, wo eigentlich seine Heimat ist, kann er nur schwer beantworten. Ein bisschen Fehmarn, ein bisschen Kiew. Vielleicht eine Mischung aus beidem.
LN