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Kultur im Norden SHMF 2019: Der große Bach steht im Mittelpunkt des Musikfestivals
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16:28 26.06.2019
Zu Recht von vielen anderen Komponisten auf einen Sockel gestellt: Die Größe und der Umfang des Werkes von Johann Sebastian Bach ist einzigartig. Quelle: Foto: ZB, Imago
Lübeck

Es ist ein ein schwieriges Unterfangen, sich Werk und Person Johann Sebastian Bachs (1685-1750) zu nähern. Sein kompositorisches Schaffen ist von verwirrender Vielfalt, sogar ein bloßer Überblick würde viele Seiten füllen. Bis auf die Oper hat Bach in fast allen Genres komponiert, vor allem geistliche Musik, aber auch eine große Zahl weltlicher Stücke.

Das Leben des Thomaskantors hingegen verlief in eher ruhigen Bahnen. Er ist nur selten aus dem mitteldeutschen Raum herausgekommen, als junger Stipendiat in Lüneburg reiste er mehrfach nach Hamburg, um sich die dort tätigen Organisten anzuhören. Von Arnstadt aus unternahm er eine Reise nach Lübeck, um Dieterich Buxtehude zu „behorchen“.

JJohann Sebastian Bach hatte als Kind das Orgelspielen erlernt – Lehrer war sein älterer Bruder Johann Christoph Quelle: imago/Leemage

Bis zu seiner Anstellung an der Thomaskirche in Leipzig war Bach an kleineren Fürstenhöfen tätig, bekannt wurde er weniger durch seine Kompositionen, sondern vor allem als Orgel- und Cembalovirtuose.

Bach war zwei Mal verheiratet und Vater von 20 Kindern, von denen die Hälfte das Erwachsenenalter erreichte. Vier Söhne wurden ebenfalls erfolgreiche Komponisten.

Er war ein Vollender

Nun widmet sich das Schleswig-Holstein Musik Festival erstmals in ganz großem Stil diesem Barockkomponisten, dessen Werk bis in die Gegenwart nachwirkt. Warum das so ist, wird sich in diesem Sommer erkennen lassen. Denn zum Beispiel Mozart kannte seinen Bach sehr gut, Richard Wagners harmonische Experimente und Höhenflüge sind ohne das große Vorbild Bach nicht vorstellbar.

Bach war zum einen ein Vollender dessen, was zu seiner Zeit musikalisch bekannt war. Er konnte im italienischen, im französischen, im englischen und in verschiedenen deutschen Stilen komponieren. Beigebracht hatte er sich das selbst, durch Abschreiben von Partituren und intensives Studium, denn als Komponist war Bach ein Autodidakt.

Das mag man kaum für möglich halten, aber seine musikalische Ausbildung bestand im Wesentlichen aus Instrumentalunterricht. Kein Zeitgenosse Bachs konnte derart meisterhafte Fugen schreiben, seine Instrumentalwerke und geistlichen Stücke stellen den Höhepunkt der Entwicklung dieser Gattungen dar.

Brahms – ein großer Bachianer

Johannes Brahms hatte in seinem Wiener Arbeitszimmer eine Beethovenbüste, die ihm über die Schulter schaute. Über seinem Bett jedoch hing ein Bildnis Johann Sebastian Bachs. „Brahms war ein großer Bachianer“, sagt Wolfgang Sandberger, Leiter des Brahms-Institutes an der Musikhochschule Lübeck.

In der Brahms-Villa am Jerusalemsberg wird am 5. Juli eine Ausstellung zum Thema eröffnet, am 6. Juli folgt ein wissenschaftliches Symposium zum Thema „Bach nach Bach“, das unter anderem der Rezeptionsgeschichte des Bach’schen Werkes bis hin zu den Jazz-Adaptionen nachgeht. „Neue Forschungen haben ergeben, dass Bach auch vor der Wiederentdeckung der Matthäus-Passion durch Felix Mendelssohn Bartholdy häufiger aufgeführt wurde, als man bislang vermutete – auch im katholischen Wien“, sagt Wolfgang Sandberger. „Und Brahms selbst hat in seinen jungen Jahren Fugen und Choralbearbeitungen geschrieben. Bachs Werk war für Brahms lebenslang wichtig, das können wir in unserer Ausstellung durch Autographen und Briefe belegen.“

Neben dem Erreichen der höchsten Höhen musikalischer Kunst durch Vollendung des Bestehenden aber war Johann Sebastian Bach auch ein Neuerer, der dem musikalischen Schaffen innovative Wege wies.

Genre über alle Grenzen

Sein „Wohltemperiertes Klavier“ etwa führte die Pianisten seiner Zeit, basierend auf den Stimmungen Werckmeisters, durch sämtliche Tonarten des Quintenzirkels – ein unerhörtes Unterfangen. In der „Kunst der Fuge“ führte er dieses Genre über alle bekannten Grenzen hinaus.

Das brachte ihm zeitweise den Vorwurf ein, seine Musik sei mehr Mathematik als Kunst – aber gerade „Die Kunst der Fuge“ ist wahre Kunst. Ebenso die „Goldberg-Variationen“ deren Interpretation durch Glenn Gould, der die Stücke erstmals auf einem modernen Flügel spielte, Maßstäbe setzte.

Was ging in dem Mann vor, der sich liebevoll um seine Familie kümmerte, seinen Amtspflichten nachkam, stets mit der Obrigkeit im Streit lag und dennoch ein solches Werk schuf? Wir wissen es nicht, was sich Bach dachte, wenn er sich mit einer Flasche Hefe-Branntwein in sein beheiztes Komponierstübchen zurückzog und vor allem in seinen späten Jahren Kompositionen schuf, die man schon fast esoterisch nennen mag.

Unter seinen Autographen findet sich häufig der Satz „Soli Deo gloria“, nur zur Ehre Gottes. Und so hat es der tief gläubige Mann wohl auch gemeint. Worin das wahre Genie Bachs lag, dessen Gehirn wie ein organischer Computer arbeitete, werden wir nie erfahren. Man kann nur bewundernd vor diesem Komponisten und seinem Werk stehen.

Und das ist viel.

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