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Kultur im Norden Janine Jansen ist die Porträtkünstlerin des SHMF 2019
Nachrichten Kultur Kultur im Norden Janine Jansen ist die Porträtkünstlerin des SHMF 2019
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12:58 26.06.2019
„Ich bin eine intuitive Musikerin“, sagt die Geigenvirtuosin Janine Jansen von sich selbst. Zehn Konzerte gibt sie als Porträtkünstlerin des SHMF. Quelle: Harald Hoffmann
Lübeck

Eine populäre Anekdote der Klassikgemeinde geht so: Pablo de Sarasate, einer der bedeutendsten Geigenvirtuosen des ausgehenden 19. Jahrhunderts, klagte, als er das Violinkonzert von Johannes Brahms spielen sollte, er sehe nicht ein, dass er am Beginn des Adagios doof mit dem Instrument in der Hand auf der Bühne herumstehen müsse, während die Oboe dem Publikum die einzige schöne Melodie des ganzen Stücks vorspielt. Sarasate streikte.

Das Brahms-Konzert von 1878 wird im Eröffnungskonzert des diesjährigen Schleswig-Holstein Musik Festivals in der Lübecker Musik- und Kongresshalle zu hören sein. Und zwar mit der Solistin Janine Jansen. Die 41 Jahre alte Niederländerin ist Porträtkünstlerin des Festivals, sie hat das prominente Stück schon seit ihrer Teenager-Zeit im Repertoire, obwohl ihr, so sagte sie es in einer Fernsehsendung, damals geraten worden sei, diesen gewaltigen Anstieg auf den Olymp der Geigenliteratur doch bitte erst mit vollendeter Reife anzugehen.

Janine Jansen aber bewältigte ihn mit Bravour.

Begnadete Zuhörerin

Man hatte also häufiger Gelegenheit, zu beobachten, wie sie die von Sarasate bemängelte Zurücksetzung des Soloinstruments im zweiten Satz angeht. Meist so: Sie steht nicht unbeteiligt da mit der Geige in der Hand, sondern bewegt sich sanft mit der Melodie, saugt die Harmonien auf. Ihre ganze Haltung verrät, dass sie auch engagiert mitwirkt, wenn sie nicht den Ton angibt. Überhaupt bestätigen alle Orchesterleiter und Kammermusiker, mit denen es Janine Jansen in ihrer Karriere zu tun hatte, dass diese Frau eine begnadete Zuhörerin ist.

Wahr ist, dass das nur von Holzbläsern begleitete Oboenmotiv im Brahms-Konzert besonders innig ist. Doch wahr ist auch, dass der schönste Moment der ist, in dem die Violine die Melodie übernimmt und in Dialog mit Oboe, Horn und dann dem ganzen Orchester tritt. Jedenfalls wenn Janine Jansen die Solistin ist.

Zehn Konzerte wird Janine Jansen zwischen Rellingen und Bordesholm bis Mitte August geben. Der Höhepunkt der Jansen-Festspiele beim SHMF dürften ihre Auftritte mit dem London Symphony Orchestra werden. Als Porträtkünstlerin konnte die Geigerin sich diesen elitären Klangkörper samt Chefdirigenten Sir Simon Rattle einladen. Felix Mendelssohns Violinkonzert e-Moll steht auf dem Programm in der Lübecker MuK und in der Neumünsteraner Holstenhalle.

Nicht, dass sie nur auf große Namen stünde. Janine Jansen selbst fühlt sich, wie sie beteuert, im Kreise von guten Freunden am wohlsten. Prominenz spiele keine Rolle.

Bei ihren Kammermusikabenden wird sie selbst auch einmal in die zweite Reihe treten. Zum Beispiel bei den Auftritten im Kuhhaus von Altendorf und in der schmucken Kirche von Rellingen: „Janine Jansen & Friends“ sind sie überschrieben. „Das wird eine große Party“, kündigt sie an, dabei soll auch der russische Geiger Boris Brovtsyn auftrumpfen. Streichquartette von Erwin Schulhoff stehen auf dem Programm, dazu Klavierquintette von Brahms und Dvorak.

Gelegenheit zur Familienzusammenführung

Das Schleswig-Holstein-Engagement gibt ihr auch Gelegenheit zur Familienzusammenführung. Sie stammt aus einer Musikerdynastie in der Provinz Utrecht, war also zuhause ständig von Musik umgeben.

Großeltern, Eltern und Geschwister waren und sind herausragende Instrumentalisten oder Sänger, der Vater war als Organist des Utrechter Doms eine Größe im niederländischen Musikleben. Bei seinem Abschied 2011 wurde er zum Ritter im Orden von Oranien-Nassau geschlagen.Wie einst Dieterich Buxtehude an St. Marien zu Lübeck seine Abendmusiken außerhalb der liturgischen Praxis pflegte, so hatte Jan Jansen seine Samstagnachmittagsmusiken als sakrale Konzertereignisse überregional bekannt gemacht – und sie haben ihn als Orgelvirtuosen etabliert. Nun ist er an Orgel und Cembalo in der Klosterkirche von Bordesholm und in der Kirche von Wesselburen zu hören, gemeinsam mit seiner Tochter und dem Cellisten Daniel Blendulf, Janines Ehemann, spielt er Bach-Sonaten.

„Man muss für Kammermusik die Musiker sehr gut kennen, um nicht immer wieder von vorne anzufangen“, sagt Janine Jansen. „Erst mit Freunden kann ich tief genug in das Verständnis der Werke eindringen.“ Und gemeinsam mit dem Vater falle es ihr besonders leicht.

Der Klassik-Betrieb ist glamourös geworden, dem kann sich auch die eigentlich uneitle Geigerin Jansen nicht entziehen. Bei ihren Konzerten erlebt man eine blendend aussehende, schlanke Erscheinung in großer Robe, die ihre Stradivari energisch und Respekt gebietend in Stellung bringt, als wolle sie Beute machen. So hat sie es auch unter die „20 Beautiful Female Classical Violinists“ auf Youtube geschafft. Wer immer auch solche Zusammenstellungen ins Netz stellt, er oder sie hat immerhin ein Gespür dafür, welche Künstlerinnen (über Männer gibt es solche Rankings nicht) die Klassik über das angestammte Publikum hinaus attraktiv machen – durch eigene, unverhohlene Attraktivität.

Neben Janine Jansen und anderen ernsthaften Interpretinnen werden da auch die mit ihrem erotischen Potenzial nicht hinter dem Berg haltenden Geigerinnen Nicola Benedetti, Sarah Chang oder Vanessa Mae präsentiert.

Präventive Zurückhaltung

Zehn SHMF-Konzerte in sechs bis sieben Festivalwochen – das erscheint nicht besonders viel zu sein. Der Mandolinist Avi Avital bestritt 2017 als Porträtkünstler insgesamt 20 Konzerte, die Klarinettistin Sabine Meyer brachte es im vergangenen Jahr auf 19 Auftritte. Für Janine Jansen ist die Zurückhaltung offenbar eine Vorsichtsmaßnahme. Schon einmal, im Jahr 2010, ereilte sie die Strafe für den Konzert-Übereifer: Ein Erschöpfungszustand trug sie aus der Kurve.

Sie hatte damals pro Jahr etwa 120 Konzerte gegeben, das sei einfach zu viel gewesen. „Ich hatte den Eindruck, mit voller Geschwindigkeit gegen die Wand zu laufen, fühlte mich ausgepowert und musste eine sechsmonatige Pause einlegen“, sagte sie dem Klassik-Magazin „Rondo“. Sie habe sich keine Zeit mehr gelassen, das bei Auftritten Erlebte zu verarbeiten.

Und in der „Neuen Zürcher Zeitung“ gab die Geigerin über den Konzertbetrieb zu Protokoll: „Manchmal kommt mir diese Welt oberflächlich vor, es ist alles zu einfach, zu locker. Ich suche nach Vertiefung.“

Michael Berger

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